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Interview mit Uwe Friedrichsen

„You build it, you run it!“ wird machtpolitisch missbraucht

Melanie Feldmann

Es ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen im schönen DevOps-Land. Wir haben mit Uwe Friedrichsen, CTO von codecentric und Speaker auf der JAX 2017, darüber gesprochen, wie die Konzepte und Idee rund um autonome und selbstverantwortliche Teams verdreht werden. Er wirft einen Blick auf die Motive dahinter und gibt Tipps, wie sich Entwickler wehren können.

JAXenter: In deinem Talk auf der JAX 2017 geht es um den populären Ausspruch „You build it, you run it!“ und dass dieser auch gerne von Managern missbraucht wird. Was passiert da?

Uwe Friedrichsen: In solchen Fällen wird der Ausspruch von einer Führungskraft verwendet, um Entwickler unter Druck zu setzen. Anstatt den Ausspruch in seinem ursprünglichen Kontext sinnstiftend zu nutzen, wird er von der Führungskraft aus dem Kontext gerissen und als Werkzeug in das macht- und kontrollorientierte Denken der Führungskraft eingepasst.

Es wird eine Verantwortung aufoktroyiert, ohne dass zugehörige Entscheidungs-befugnisse mitgegeben werden.

Es wird eine Verantwortung aufoktroyiert, ohne dass zugehörige Entscheidungsbefugnisse mitgegeben werden. Das wirkt auf einen Entwickler verständlicherweise bedrohlich. Wer will schon schuld sein und das möglicherweise nachts um 3 Uhr ausbaden müssen, ohne die Situation ändern zu können? Die damit erzeugte Drohkulisse hat natürlich katastrophale Konsequenzen für die Akzeptanz von wichtigen zukunftsträchtigen Konzepten wie DevOps in den betroffenen Unternehmen.

JAXenter: Ist das nicht vor allem ein Problem, wenn DevOps und Continuous Delivery von oben eingeführt wird? Oder können auch die Graswurzelbewegungen der Entwickler in diese Falle tappen?

Uwe Friedrichsen: Ich denke, das es kein spezielles Problem von Top-Down-Einführungen ist. Solche Situationen entstehen immer dann, wenn einzelne Ideen oder – meist schlimmer noch –Slogans aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen werden und in einem willkürlichen Kontext neu gedeutet werden.

Ich sehe auch viele Menschen an der Graswurzel, die komplexe Themen wie DevOps beliebig trivialisieren.

Aus meiner Sicht ist das Problem auch nicht auf Oben beschränkt. Ich sehe auch viele Menschen an der Graswurzel, die komplexe Themen, wie DevOps eines ist, beliebig trivialisieren, auf willkürliche Aspekte reduzieren und diese dann nach persönlichen Vorlieben um- und missinterpretieren.

Da die meisten von uns aber an der Graswurzel beheimatet sind, fällt es uns schneller auf, wenn die da oben aus unserer Sicht etwas falsch machen. Mit sich selbst ist man ja meistens etwas nachsichtiger.

JAXenter: Welche Grundlagen müssen also gegeben sein, bevor Entwickler wirklich die Verantwortung für ihre Anwendungen übernehmen können?

Uwe Friedrichsen: Ein Team muss die Kompetenz haben – im Sinne von Können und Dürfen –, das gesamte Wie zu entscheiden, d. h. alle Aspekte der Lösung. Idealerweise sind auch noch Produktmanager, usw. mit im Teams, sodass das Team auch das Warum und Was entscheiden kann. Essenziell ist hier aber das Wie.

Wenn ich als Team alle Wie-Entscheidungen treffen darf, sollte ich auch die Verantwortung für meine Entscheidungen übernehmen.

Wenn ich als Team alle Wie-Entscheidungen treffen darf, also – so gut wie – keinen externen Einschränkungen bezüglich der Umsetzung der Lösung unterworfen bin, sollte ich natürlicherweise auch die Verantwortung für meine Entscheidungen übernehmen. Sprich die Dinge, die ich umgesetzt habe, auch in Produktion betreuen. Nur so erhalte ich die erforderlichen Feedback-Schleifen, die ich benötige, um meine Fehler schnell zu erkennen und die Qualität meiner Entscheidungen zu verstehen und zu verbessern.

Außerdem versetzt mich diese Schleife in die Lage, mich schneller zu bewegen: Da ich unmittelbar die Konsequenzen meiner Handlungen sehe und der einzige bin, der darauf reagieren muss, brauche ich auf niemanden zu warten und mich mit niemandem abzustimmen, sondern kann die Geschwindigkeit meines Handelns ganz alleine festlegen.

Das ist ja der eigentliche Sinn des Ganzes: Neue Ideen schneller erproben zu können. Warum das immer wichtiger wird, ist eine etwas längere Geschichte. Wer das verstehen möchte und auf der JAX ist, ist herzlich eingeladen, bei meinem Vortrag vorbeizuschauen.

JAXenter: Wenn dann Wissen, Tools und Prozesse stehen. Was darf im Alltag dann nicht schief laufen, damit „You build it, you run it!“ nicht zur Unterdrückungsmaßnahme wird?

Uwe Friedrichsen: Alles ist gut, solange „You build it, you run it!“ im Sinne von DevOps, also als Autonomieprinzip mit funktionierender Feedback-Schleife für Teams, genutzt wird, um die IT-Wertschöpfungskette zu beschleunigen.

Das klingt jetzt irgendwie sehr kompliziert, weil ich versuche, mich kurz und trotzdem halbwegs korrekt auszudrücken. Das ist es aber nicht: Teams entscheiden selbst, wie sie die Dinge machen, übernehmen dafür ganzheitlich die Verantwortung und können so deutlich schneller agieren.

Schwierig wird es, sobald Leute versuchen, den Ausspruch zu nutzen, um Verantwortlichkeiten zu den Teams zu schieben, ohne ihnen die zugehörige Entscheidungskompetenz zu geben. Das beobachtet man häufig bei Menschen, die stark hierarchisch und zentralistisch denken: Die Entscheidungen werden oben getroffen und unten umgesetzt.

Das kann man so machen und es ist in manchen Situationen auch durchaus angemessen. Aber die Verantwortung muss immer an der Stelle sein, wo die Entscheidungskompetenz ist. Ansonsten hat man einfach nur einen Persilschein für die Entscheider und eine à priori Schuldzuweisung für die Betroffenen. Und das ist immer schlecht.

Häufig entstehen solche Situationen aus mangelnder Reflexion und leider auch aus machtpolitischem Kalkül.

Häufig entstehen solche Situationen aus mangelnder Reflexion und leider auch immer wieder einmal aus machtpolitischem Kalkül. Denn ist es nicht wunderbar, entscheiden zu können, was man will, die Lorbeeren für die guten Entscheidungen zu beanspruchen und die Schuld für schlechte Entscheidungen an im Vorfeld benannte Schuldige abschieben zu können? Wenn so ein Bruch zwischen Entscheidungskompetenz und Verantwortung entsteht, müssen wir darauf reagieren.

JAXenter: Lernen die Teilnehmer in deinem Vortrag also erstmal Nein zu sagen oder eher „Ja, aber“?

Ich denke, primär lernen die Teilnehmer, klar zu verstehen, was überhaupt der Kontext ist, in dem „You build it, you run it!“ entstanden ist, wann man es benötigt, wann nicht, was es bringt und welche Voraussetzungen man für eine sinnstiftende Umsetzung benötigt.

Damit sind sie besser in der Lage zu bewerten, ob eine „You build it, you run it!“-Ansage im eigentlichen Sinne verwandt wird oder nicht. Außerdem können sie damit besser argumentativ reagieren, wenn eine Fehlanwendung vorliegt und stehen der Situation gefühlt nicht so hilflos gegenüber, wie man es sonst teilweise erlebt. So gesehen würde ich den Vortrag am ehesten als Hilfestellung zur besseren Bewertung der Situation und Aufruf zur konstruktiven Diskussion verstehen.

JAXenter: Vielen Dank für das Gespräch!

Uwe Friedrichsen ist ein langjähriger Reisender in der IT-Welt. Als CTO der codecentric AG darf er seine Neugierde auf neue Ansätze und Konzepte sowie seine Lust am Andersdenken ausleben. Seine aktuellen Schwerpunktthemen sind agile Architektur und verteilte, hochskalierbare Systeme. Er ist außerdem Autor diverser Artikel – auch hier auf JAXenter – und diskutiert seine Ideen regelmäßig auf Konferenzen.
Geschrieben von
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann ist seit 2015 Redakteurin beim Java Magazin und JAXenter. Sie hat Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert. Ihre Themenschwerpunkte sind IoT und Industrie 4.0.
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