Die kritische Heinrich-Böll-Ausgabe – eine Erfolgsstory in XML

XML meets Böll

Tobias Ott

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch, in dem das gesamte Hauptwerk Heinrich Bölls erschienen ist, verwirklicht seit 2002 das größte editorische Projekt seiner Geschichte auf Grundlage eines umfassenden XML-Redaktionssystems. Über einen Zeitraum von neun Jahren wird die auf 27 Bände angelegte, textkritisch durchgesehene und kommentierte Kölner Ausgabe der Werke Heinrich Bölls erscheinen. Sie präsentiert Bölls Werk erstmalig in gattungsübergreifender chronologischer Anordnung. Abgeschlossen wird sie durch drei Bände, die Bölls zahlreiche Interviews dokumentieren, sowie einen Registerband. Bisher (2006) sind zwölf Bände erschienen.

Mit einer konsequenten EDV-Unterstützung und einem durchgängigen XML-Workflow setzt die Heinrich-Böll-Ausgabe Maßstäbe für die technische Umsetzung einer kritischen Werkausgabe. Was sich bei Lexikonprojekten und ähnlichen verlegerischen Großvorhaben längst als effiziente Arbeitsweise durchgesetzt hat, fand in der Editionswissenschaft bisher wenig Widerhall: Die Komplexität geisteswissenschaftlicher Werke wurde immer als zu hoch, der Lernaufwand für die Wissenschaftler als nicht leistbar, die Technik eher als Hindernis denn als Unterstützung angesehen. Für die kritische Böll-Ausgabe haben sich der Verlag Kiepenheuer & Witsch zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Universität Siegen und der pagina GmbH das Ziel gesetzt, dieses Neuland zu betreten. Als Ziele dieses Projektes wurden definiert:

  • Optimale Unterstützung der Wissenschaftler während der editorischen Arbeit
  • Gewährleistung einer bandübergreifend einheitlichen Struktur der Daten
  • Schaffung eines medienneutralen Gesamtkorpus, aus dem unterschiedlichste Zweitverwertungen möglich sind
  • Verringerung der Satzkosten
  • Verringerung der Autorkorrekturen
  • Verkürzung der Produktionszyklen

Kostensenkung und Zeitersparnis bei gleichzeitiger Qualitätssteigerung, das klingt schon fast zu schön, um wahr zu sein. Doch die Erfahrungen an den bisherigen Bänden zeigen, dass das Konzept aufgegangen ist.

Der Dokumentenserver

Um eine einheitliche Datenstruktur mit bandübergreifenden Querverweisen und Registern zu gewährleisten und gleichzeitig der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Bearbeiter weltweit verteilt arbeiten, wird eine internetbasierte Serverlösung verwendet. Alle Daten der Böll-Ausgabe werden als XML-Dokumente zentral auf einem Server an der Universität Siegen gehostet. Die Lösung „Webserver als Dokumentenserver“ wurde nach arbeitsorganisatorischen und Kosten-Kriterien gewählt. Da die Bearbeiter in der Regel viele Wochen an einem Dokument arbeiten, ist diese Lösung völlig ausreichend und unter Kostengesichtspunkten wesentlich günstiger als eine Online-Lösung. Die Webserverlösung nutzt beliebige Webbrowser als Frontend. Die Bearbeiter arbeiten also nicht online, sondern laden sich die Daten lokal auf ihren Arbeitsplatz-Rechner, auf dem ein an die editorischen Bedürfnisse angepasster XML-Editor installiert ist. Zur Abstimmung der (bandübergreifenden) Registererstellung werden zusätzliche Informationen heruntergeladen, auf deren Basis ein lokal laufender Registervorschlagsdialog aufgerufen werden kann. Die Registervorschläge werden in regelmäßigen Abständen von einer zentralen Redaktion abgeglichen und die normalisierten Einträge in einer Registerdatenbank allen Benutzern online zur Verfügung gestellt.

Abb. 1: Web-Frontend des Dokumentenservers

Der Server hat dabei sowohl Distributions- als auch Qualitätssicherungsfunktionen. Alle Daten werden je nach Anforderung zum Lesen oder Schreiben zur Verfügung gestellt und über ein Rechtemanagement vor mehrfachem Lesezugriff und unbeabsichtigtem Rückschreiben geschützt. Die einzelnen Bände sind in Form jeweils mehrerer XML-Dateien abgelegt, wobei jede Datei einem Böll-Werk oder bei längeren Werken einem Werk-Abschnitt entspricht. Dokumente können zum Lesen oder zum Bearbeiten heruntergeladen werden. Ist eine Datei schon in Bearbeitung, kann sie nur noch zum Lesen geladen werden. Für solche „entliehenen“ Dateien wird angezeigt, wer der „Entleiher“ ist. So kann man den Betreffenden mit einem Mausklick informieren, falls man die Datei selbst bearbeiten möchte. Wird eine Datei neu hochgeladen, erstellt das Dokumenten-Management-System eine Sicherungskopie der Vorversion, sodass alle Bearbeitungsstände rekonstruierbar sind. Beim Upload werden die Daten zentral geparst, d.h. gegen die Regeln der DTD abgeprüft. Sollte ein Bearbeiter strukturell fehlerhafte Daten auf den Server zurückschreiben, so werden diese Fehler vor dem Rückspielen der Daten in die Datenbank automatisch erkannt und können von den Administratoren behoben werden bzw. die Datei kann neu vom Bearbeiter angefordert werden. Der Normalfall ist freilich, dass der Bearbeiter bereits valide Daten auf den Server spielt. Da alle Bandbearbeiter auch lesenden Zugriff auf die Arbeiten ihrer Kollegen haben, ist ein ständiger Austausch der editorischen Arbeit möglich. Neue Erkenntnisse können so sofort der gesamten Herausgeberschaft zugänglich gemacht werden. Mithilfe einer Anmerkungsfunktion können die Bearbeiter die Arbeit der Kollegen kommentieren. Die Möglichkeit zu bandübergreifenden Verweisen erlaubt eine viel stärkere Kommentierung, als es der einzelne Band leisten könnte, weil ganze Kommentarpassagen aus anderen Bänden als ebenfalls relevant angegeben werden können. Gerade die Verknüpfung der einzelnen Bände untereinander, sowohl der Texte als auch der Kommentare, ermöglicht dem Leser ein neues Verständnis des Gesamtwerks.

Die Arbeitsplatzkonfiguration

Um den XML-Workflow durchgängig beizubehalten und die Möglichkeit struktureller Fehler in den Daten auf ein Minimum zu reduzieren, wurde der Arbeitsplatz-Rechner jedes Bearbeiters mit einem XML-Editor ausgestattet. Die Arbeitsgruppe entschied sich hierbei für XMetaL, das vor allem durch seine gute Anpassbarkeit, weitgehende CSS-Unterstützung und offene Schnittstellen zu anderen Applikationen geeignet ist. Die Arbeitsgruppe an der Universität Siegen, mit zwei Informatikern besetzt, entwickelte die auf die Bedürfnisse der Wissenschaftler angepasste Oberfläche mit allen Funktionalitäten, die für eine kritische Werkausgabe erforderlich sind.

Abb. 2: XMetaL mit Böll-Dokument

Ohne XML-Kenntnisse lassen sich somit unterschiedliche kritische Apparate, Registereinträge, Querverweise und vieles mehr eingeben und verwalten, und das alles mit dem „Look and feel“ eines Standard-Textverarbeitungsprogrammes. Auch die komplexesten Strukturen – überlappende Apparateinträge, Querverweise, Bezüge zum und vom Kommentar, mehrstufige Registereinträge und vieles mehr – werden dabei in korrekter XML-Syntax abgebildet, in identischer Struktur bei allen Bearbeitern weltweit.

Beispielhaft sei hier der Mechanismus für das Eintragen eines textkritischen Apparates beschrieben, der sich auf eine längere Textpassage bezieht:
Um die Referenz des Apparateintrags auf die betroffene Textzeile automatisch aufzulösen, bedarf es mehrerer Markierungen im XML-Dokument: Sowohl die Anfangs- als auch die Endestelle des referenzierten Textteiles müssen kodiert werden, darüber hinaus muss der Apparateintrag mit diesen beiden Stellen verknüpft werden. Da sich Apparate auf beliebige Textstellen beziehen können, die einander auch überlappen, überlappende Textstrukturen in XML aber nicht ohne Workaround möglich sind, ist der Kodierungsaufwand deutlich höher als beispielsweise bei dem Eintragen einer einfachen Fußnote. Dennoch muss ein Bearbeiter in XMetaL lediglich den Cursor am letzten Wort des referenzierten Textes positionieren und den Button für das Erstellen eines Apparateintrages anklicken. Es öffnet sich ein Fenster, in das er den Wortlaut des Apparates eintragen kann. Müssen mehrere Worte im Text referenziert werden, so wählt der Bearbeiter abschließend das erste Wort aus und drückt einen weiteren Button, um den „Von-bis-Bezug“ herzustellen.

Abb. 3: XMetaL mit Böll-Menü
Geschrieben von
Tobias Ott
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