Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Güncem Campagna

Women in Tech: „Es geht um Mitbestimmung an der Entwicklung unserer Zukunft“

Mascha Schnellbacher

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Güncem Campagna, Geschäftsführerin von StartBoosters und Gründerin der Codingschule in Düsseldorf.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Güncem Campagna

Heute erzählt uns Güncem Campagna, Geschäftsführerin von StartBoosters, einer Beratungsplattform für Mittelstand und Start-ups, ihre Geschichte. Güncem studierte Volkswirtschaftslehre an der TU Dortmund. Nach dem Studium arbeitete sie rund zehn Jahre im internationalen Marketing auf Industrie- und Agenturseite, bevor sie sich als Unternehmensberaterin selbständig machte. In der Beratung von Start-ups wurde sie immer wieder mit dem IT- Fachkräftemangel konfrontiert und beschloss zu handeln: 2016 gründete sie die Codingschule in Düsseldorf.

Güncem kam durch ihr Studium und ihre Mitbewohner zur Tech-Begeisterung:

Ich habe an der TU Dortmund studiert und hatte viele Freunde aus technischen Studiengängen. Auch meine Mitbewohner waren immer Techies. Dadurch war ich immer auf dem neuesten Stand von technischen und digitalen Themen. Das gehörte für mich zum Alltag. Im Beruf war ich auf Automobilmarketing spezialisiert und habe den totalen Wandel eines Berufsbildes mitgemacht. Zunehmend interessierten mich Hintergründe und je tiefer ich einstieg, desto größer wurde die Faszination für Tech-Themen.

Dennoch schlug Güncem erst einmal einen anderen Karriereweg ein:

Eigentlich habe ich ursprünglich eine ziemlich geradlinige Karriere im Marketing gehabt, bis ich nach diversen Jobwechseln irgendwann gemerkt habe, dass die Festanstellung nichts für mich ist. Ich habe mich eigenständig fortgebildet, erst im digitalen Marketing, später dann in Geschäftsmodellentwicklung und Tech-Themen.

Jetzt bin ich Gründerin und Geschäftsführerin der Codingschule und StartBoosters. Mit StartBoosters bieten wir Tech-Anbietern und Start-ups eine Art Vertriebs- und Marketingplattform, um den Mittelstand zu erreichen. Die Codingschule bringt Kids und Jugendlichen das Programmieren bei. Mein Alltag ist recht bunt: Als Start-up muss man überall selbst Hand anlegen. Ich schreibe jede Menge Texte, gestalte die Website, gehe auf Netzwerktreffen und treffe mich mit anderen Unternehmern für Kooperationsgespräche. In der Codingschule fällt außerdem sehr viel administrative Arbeit an, Teilnehmermanagement, viel lokale Werbung.

Auf dem Weg dorthin gab es Hürden zu überwinden, aber auch Personen, die Güncem unterstützt haben:

Erfolg bedeutet Verantwortung.

Ich bin nicht der Mensch, der leise vor sich hinarbeitet, ich möchte gestalten und verändern. Da stößt man schon oft an die Komfortzonen gewisser Kollegen, die jahrelang daran gearbeitet haben und sie verteidigen. Auf meinem Weg besonders unterstützt hat mich Gabriele Riedmann de Trinidad, die Group Director Business Innovation der Metro. Sie hat mir Intros zu Entscheidern gemacht und mich auf wichtige Netzwerkevents eingeladen. Und ich mag die unbeirrte und sanfte Art von Miriam Meckel und wie sie sich für Frauen in Tech stark macht. Vorbilder sind für mich Menschen, die trotz großen beruflichen Erfolgs bodenständig bleiben und ihre Werte nicht aus den Augen verlieren. Erfolg und Macht bedeuten Verantwortung, das gerät manchmal aus dem Blick.

Warum es so wenige Frauen in der Tech-Branche gibt, ist für Güncem nicht auf einen bestimmten Punkt herunterzubrechen:

Männerdominierte Berufe fallen direkt aus dem Mindset vieler Mädchen.

Ich habe mich sehr intensiv mit diesen Fragen beschäftigt und die Antwort liegt hauptsächlich in den soften Faktoren, die schwer greifbar sind. Wenn Tech-Berufe von Männern dominiert werden, fallen sie schon aus dem Mindset vieler Mädchen. Das Interesse für Tech-Themen lässt schon bei Mädchen in der 7. und 8. Klasse nach, da verlieren wir sie schon. Die herkömmliche Kommunikation spricht die Mädchen und Frauen nicht an, es ist also auch ein Marketingthema.

Die Hürden für Frauen sind wahrscheinlich im gesellschaftlichen Kontext zu sehen: Wenn die Gesellschaft dir vorlebt, dass Tech-Berufe eher für Männer sind, dann ist das irgendwann verinnerlicht. Stereotypen gibt es genug, aber ich sehe die Frauen da auch in der Verantwortung. Wir brauchen mehr weibliche Vorbilder.

Mehr Diversität kommt allen Mitgliedern eines Teams zugute. Abgesehen davon gibt es zahlreiche Gründe, die für mehr Frauen in der Tech-Branche sprechen:

Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass divers zusammengesetzte Team wesentlich erfolgreicher sind. Das ist der eine Grund, der auf der Hand liegt. Der andere Grund tritt leider in der Diversity-Debatte in den Hintergrund, dabei halte ich ihn für unbeschreiblich wichtig.

Die Digitalisierung hat eine unglaubliche Dynamik entwickelt und es werden Technologien und Produkte entwickelt, die gegenwärtig und zukünftig unseren Alltag beherrschen, wie wir leben, arbeiten, uns fortbewegen. Die Entwickler und Entscheider sind mehrheitlich männlich und entwickeln aus rein männlicher Sicht. Warum schließen sich Frauen von der Mitgestaltung aus? Es geht um Mitbestimmung, ja schon um demokratische Teilhabe an der Entwicklung unserer Zukunft.

Wir brauchen mehr weibliche Vorbilder.

Leider wird es aber wohl noch einige Zeit dauern, bis diese Debatte nicht mehr geführt wird. Aktuell werden nur fünf Prozent der High-Tech-Startups von Frauen gegründet und solange wir über Frauenquoten diskutieren, bleibt die Debatte.

Um in der Tech-Branche Fuß zu fassen, hilft es, sich zu vernetzen und Erfahrung zu sammeln:

Frauen sollten sich erfahrene Mentorinnen suchen und von deren Wissen und Einfluss profitieren. Frauennetzwerke und auch Mentorengruppen in Unternehmen unterstützen hier gerne. Wer mehr über die Arbeit in der Tech-Branche wissen will, sollte die Möglichkeiten für Praktika in Erwägung ziehen.

Geschrieben von
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher studierte Buchwissenschaft und Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Juni 2015 arbeitet sie als Redakteurin in der Redaktion des Entwickler Magazins bei Software & Support Media. Zuvor war sie als Lektorin in einem Verlag sowie als freie Editorin tätig.
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