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Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Anja Lück

Women in Tech: „Frauen fordern zu wenig“

Mascha Schnellbacher

© S&S Media

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Anja Lück, Gründerin von UNA[H]RT DESIGN.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Anja Lück

Heute erzählt uns Anja Lück, Gründerin von UNA[H]RT DESIGN, ihre Geschichte. Nach ihrer Ausbildung zur Maschinistin mit Abitur im KKW Lubin folgten ein geisteswissenschaftliches Studium sowie eine Ausbildung zur Softwareentwicklerin. Danach folgten eine Reihe weiterer Beschäftigungen, bis Anja sich mit UNA[H]RT DESIGN selbstständig machte. Ihr Fokus liegt auf Grafik, Webdesign und Content Management.

Anja ist seit ihrer Kindheit von Tech begeistert, was schließlich in einer Ausbildung zur Maschinistin mündete:

Während meiner Ausbildung im KKW Lubmin hatten wir schon diverse Programme mit Basic programmiert. Beliebt waren auch die Radioprogramme – die hat man mit einem Recorder aufgezeichnet und auf den PC überspielt und voilà, man hatte ein Basic-Programm. Gut war ich da noch nicht wirklich im Programmieren, aber die Philosophie von 1 und 0 hat mich immer fasziniert.

Meinen ersten Computer bekam ich dann mit 18. Der lief ohne Festplatte mit übergroßen Disketten, aber ich habe meine Belegarbeiten für mein Studium darauf geschrieben und sie mit einem Nadeltintendrucker ausgedruckt, meistens nachts. Mich wundert es bis heute, dass sich meine Zimmergenossinnen im Wohnheim nicht beschwert haben.

Trotz dieser sehr konkreten Faszination verlief Anjas Berufsweg nicht geradlinig:

Ich habe als erstes eine Ausbildung zur Maschinistin mit Abitur gemacht. Mehr aus der Not heraus, da manche Dinge zu DDR-Zeiten nicht ganz so einfach waren. Aber irgendwie hatte es auch sein Gutes. Maschinen fand ich schon immer toll und im KKW Lubmin konnte man davon wirklich genug sehen.

Da ich aber eher geisteswissenschaftlich angehaucht bin, bin ich dann erst mal mein Studium angetreten: Deutsch/Geschichte/Spanisch an der EMAU Greifswald. Auch während des Studiums habe ich mit Computerlinguistik und mit Sprachwissenschaften beschäftigt. Dann folgten freie redaktionelle Arbeiten bei einer hiesigen Lokalzeitung und eine Ausbildung zur Softwareentwicklerin.17193845_1126107364183754_459142439_o

Die Computerentwicklung war auch nicht zu bremsen und so war mein erster Job der einer PR-Managerin in Kombination mit Grafikdesign – dank Adobe damals kein Problem mehr. Es folgten Anstellungen an der Uni im Programmierbereich, Oberflächendesign mit SVG und JavaScript in Karlsburg und und und… alles aufzuzählen, würde eine lange Liste ergeben. Parallel habe ich dann meine allerliebste Beschäftigung ausgelebt: die Fotografie.

Letztendlich war es rückblickend nur immer ein Karriereweg, aber mit unterschiedlichen Arbeitgebern und die IT hat immer eine wichtige Rolle dabei gespielt. Jetzt stehe ich genau da, wo ich immer hin wollte. Ich gründe derzeit meine eigene Firma UNA[H]RT DESIGN. Im Fokus stehen hier Grafik, Webdesign und Content Management. Parallel biete ich interessierten Firmen auch Marketingberatung an, da ich ziemlich gut in der Strukturanalyse bin und Dinge auf den Punkt bringen kann. Geplant sind auch Schulungen in diesen Bereichen.

Gerade zur Anfangszeit, um die Jahrtausendwende, war es für Anja nicht immer leicht, sich in der Männerdomäne IT durchzusetzen:

Gerade so um 2000 war eine Frau in diesem Metier, sogar an der Universität (ich habe damals als Medizinischer Dokumentar Datenbanken für Projekte programmiert), noch immer keine vertrauenswürdige Besetzung für so eine Stelle. Ich kann mich noch so genau daran erinnern, weil ich einen Kollegen mit fast den gleichen Aufgaben hatte – und wenn wir im Meeting waren, wurde immer nur er nach seiner Meinung gefragt.

Mittlerweile bin ich im Umgang mit solchen Menschen souveräner geworden, und aktuelle Kunden, gerade auch männliche, haben eine Entwicklung hingelegt. Sie scheuen sich nicht zu fragen und akzeptieren meine Meinung als fachkundig. Das freut mich sehr.

Dennoch ist es eine Tatsache, dass es sehr wenige Frauen in der Tech-Branche gibt. Anja hat dafür gleich mehrere Gründe identifiziert:

Grundsätzlich denke ich, dass es an beiden Geschlechtern liegt. Männer waren jahrhundertelang daran gewöhnt, die Führung zu übernehmen. Sie sind es gewohnt, nach vorne zu treten und herauszuposaunen, was sie können. Manchmal gibt es da sogar einen tiefen Graben zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung.

Wir Frauen sind es gewohnt, mit uns zu hadern, uns zu hinterfragen, auch unsere Fachlichkeit. Es gibt immer noch eine auf Mädchen ausgerichtete Erziehung und gerade jetzt in der Hochzeit des medialen Konsums werden Frauen zu Bloggerinnen, die über Mode und Kosmetik berichten. Ein Gutes hat es aber: Sie beschäftigen sich so ganz nebenbei mit Hard- und Software und können meist mehr als sie selbst wahrnehmen.

Bei Netzwerktreffen fällt mir auf, wie behutsam Frauen oft argumentieren, wie wenig fordernd. Sie versuchen immer einen Ausgleich zu erzielen und niemanden zu verärgern. Für mich ist das der falsche Weg.

Das heißt nicht, dass ich nicht an Konfliktlösungen glaube, aber ich muss als Frau auch in der Lage sein, mich klar und deutlich zu positionieren – gerade im Tech-Bereich. Hier greifen viele verschiedene Verhaltens- und Kommunikationsebenen ineinander und werden leider noch von der evolutionär gepflegten Dominanz der Männer gepusht.

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Women in Tech – die Umfrage

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Women in Tech – die Serie

In der Serie Women in Tech stellen sich inspirierende Frauen aus der IT-Branche vor. Zum Reinschnuppern:

Die Frage, ob es Vorteile hätte, wenn mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten würden, findet Anja unwichtig und sieht darin genau ein Problem von Frauen:

Natürlich würde unsere Welt besser aussehen und natürlich würden viele Bereiche von mehr Frauen profitieren. Und es gibt immer Vorteile, wenn Thematiken aus mehreren Blickwinkeln betrachtet werden. Also von Mann und Frau und am besten gemeinsam.

Aber weil ein positives Ergebnis für mich absolut logisch ist, wenn Menschen mit unterschiedlichen Ressourcen miteinander arbeiten, empfinde ich diese Frage eher als dekonstruktiv. Wieso müssen wir als Frauen begründen, warum unsere Mitwirkung in bestimmten Bereichen diese voran treibt? Für mich sind das die falschen Fragen.

Kein Mann käme auf die Idee, zu erfragen, ob es Sinn macht, wenn er jetzt in der Kosmetikbranche mitarbeiten möchte. Genau da liegt für mich unsere weibliche Problematik. Nicht fragen, sondern machen und vor allen Dingen das Getane zeigen.

Anja hofft, dass die Diversity-Debatte in naher Zukunft Geschichte sein wird:

Man könnte mir Naivität vorwerfen, wenn ich mein Berufsleben nicht schon immer in „Männerdomänen“ verbracht hätte. Aber ich glaube, wir Frauen sollten einfach konsequent vorwärts schreiten, für unsere Rechte eintreten und uns vielleicht ein wenig von der gekonnten Ignoranz der Männer abschauen. Wir verlieren uns gerne in irgendwelchen Debatten, aber leider kommen wir manchmal auch nicht zu einem Schluss.

Deshalb: Lieber machen als reden und lieber laut aufschreien, wenn die Ignoranz gegenüber Frauen in der Berufswelt zu groß wird. Gerade auch in Bezug auf die unterschiedliche Bezahlung, die Frauen eindeutig benachteiligt. Da sollte meiner Meinung generell unser Fokus liegen.

Um sich in der Männerdomäne Tech durchzusetzen, hat Anja auch Tipps in petto:

Seid überzeugt von eurem eigenem Sein und Können. Hinterfragt euch nicht ständig. Seid wissbegierig und zweifelt nicht vorschnell bei Problemen. Gerade technische Probleme sind immer lösbar, auch wenn man einen Baustein austauschen muss.

Der Weg ist das Ziel. Lasst euch nicht von dem beirren, was andere meinen. Lest euch Wissen an, macht euch klug, probiert die Dinge aus und vor allem zeigt, was ihr könnt.

Geschrieben von
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher studierte Buchwissenschaft und Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Juni 2015 arbeitet sie als Redakteurin in der Redaktion des Entwickler Magazins bei Software & Support Media. Zuvor war sie als Lektorin in einem Verlag sowie als freie Editorin tätig.
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