Profil: Sandra Winkler, Country Marketing Lead bei Mindspace

Women in Tech:“Wer sich für die Tech-Branche interessiert, muss immer neugierig und offen bleiben.“

Dominik Mohilo
Women in tech

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Sandra Winkler. Country Marketing Lead bei Mindspace.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere heutige Woman in Tech: Sandra Winkler

Mein Weg in die Tech-Branche

Mein allererster Kontakt mit Tech im weitesten Sinne war meine erste E-Mail-Adresse 1998 – die ich übrigens bis heute habe. Ich bin eigentlich kein Nerd, aber als Marketingmensch mit Leib und Seele bewege ich mich täglich in der Online-Welt und werde immer neugierig, wenn neue Apps herauskommen. Ich warte noch darauf, dass das Bezahlen per Handy hier genauso gängig wird wie in Asien, wo man jede Kaugummi-Packung oder Taxifahrt mit Alipay bezahlt.

Ich habe damals bei Evalueserve ganz klassisch in der PR angefangen, und weil ich jemand bin, der immer weiter denkt als bis zu den Grenzen meines Jobs, wurde mein Verantwortungsfeld schnell erweitert. Für viele ist es außergewöhnlich, dass ich so lange (11 Jahre) bei der gleichen Firma war, aber ich konnte so viele Erfahrungen sammeln – von der Basisarbeit in der PR bis hin zu der Projektbetreuung eines Rebrandings, dem Launch eines firmeninternen Startups, einer on-demand Research-Plattform und der Vermarktung eines Buches zum Thema Data Analytics – dass es bis zum Schluss nicht langweilig wurde. Irgendwann wollte ich allerdings die spannende Startup- und Techwelt in Berlin entdecken und habe mich bei Mindspace beworben. Wir sind kein typisches Tech-Unternehmen, aber ein Schmelztiegel für Startups und Innovationsteams größerer Firmen. Hier kann ich Innovationen live miterleben. Das ist super spannend. Vor allem, weil wir ja solchen Unternehmen ein Zuhause geben, schauen wir immer, wie wir die Arbeitsumgebung ihren Bedürfnissen anpassen können.

Unterstützung und Hindernisse

Bei Evalueserve wurde ich viel vom damaligen CEO Marc Vollenweider unterstützt. Er hat immer an mich geglaubt, hatte ein offenes Ohr, und hat mich sehr viel gelehrt. Durch ihn habe ich sehr guten Einblick in den Alltag und die Denkweise der Geschäftsführer von Digitalunternehmen bekommen. Auch mein letzter Chef, Robert Stockmann, hat mich super unterstützt und er hilft mir noch heute als Mentor bei Karrierefragen. Während meiner Anfangszeit als Teamleitung der Marketing Communications Abteilung hat mich Corina Sommer sehr unterstützt. Eine starke Frau, die mich toll in meiner ersten Management-Rolle gecoacht hat.

Ich denke, es ist gar nicht so wichtig, ob man von einer Frau oder von einem Mann unterstützt wird, solange man an einem Strang zieht.

Ich habe kein bestimmtes Vorbild, aber ich kenne viele Frauen mit Eigenschaften, die ich sehr bewundere. Da ist Felicitas von Peter von Active Philanthropy, die mit einer Leidenschaft für Sustainability einsteht, die einfach ansteckend ist. Wenn jemand die Welt retten kann, dann sie. Wer so viel Leidenschaft für sein Unternehmen hat, der hat alles richtig gemacht. Oder meine Freundin Richa Sharma aus Indien, die unermüdlich Straßenhunde füttert, und ihre Liebe zu Hunden zum Beruf gemacht hat – mit einer eigenen Hundepension. Natürlich füttert sie weiterhin die Straßenhunde und setzt sich für deren Rechte ein. Ich bewundere es, wenn jemand das tut, was er liebt, und wo er eine Leidenschaft für hat. Ich denke, dann ist man besonders gut. Danach sollte jeder streben.

Aber es gab definitiv auch in meiner Karriere Momente, in denen nicht alles einfach war. Ich denke nicht, dass mir jemand bewusst Steine in den Weg gelegt hat. Jedenfalls habe ich das nie so empfunden. Wenn überhaupt, habe ich mir selbst Steine in den Weg gelegt. Ich finde es oft schwierig, als einzige Frau in einem Meeting zu sitzen. Und ich bin nicht klein und zart, aber umgeben von sehr selbstbewussten und meist lauteren Männern, die oft im Jargon sprechen, habe ich mich auch das ein oder andere Mal einschüchtern lassen. Als Marketing-Verantwortliche hatte ich ja in meinem alten Job viel mit Operations zu tun – das sind dann die echten Tech-Nerds, die tief in ihren Projekten drin sind, und oft nicht realisieren, dass sie andere ausschließen. Da müssen wir Frauen einfach selbstbewusster werden.

Ein Tag in Sandras Leben

Ich bin jetzt Country Marketing Lead beim Coworking-Anbieter Mindspace. Mein Aufgabenfeld reicht von der klassischen Lead-Generierung bis hin zur Entwicklung von Affiliate-Programmen und der täglichen PR-Arbeit. Das spannende am Coworking ist, dass unsere Kunden direkt bei uns sitzen, das heißt Feedback über das Produkt kommt direkt und unverblümt bei uns an. Das ist für jemanden im Marketing natürlich klasse. Einen normalen Arbeitstag gibt es eigentlich nicht. Oft haben wir schnell Bedarf und ich muss unsere SEA-Kampagnen kurzfristig anpassen, oder eine Presseanfrage kommt rein, und es muss schnell ein Artikel geschrieben werden. Und manchmal muss die deutsche Website angepasst werden, damit wir bei relevanten Suchergebnissen weiterhin ganz oben bleiben. So bleibt es immer spannend.

Warum es wenige Frauen im Tech-Bereich gibt und warum sich das ändern sollte

Die meisten Mädchen waren zu meiner Schulzeit einfach nicht gut in den naturwissenschaftlichen Fächern bzw. es hat uns einfach nicht interessiert. Mich eingeschlossen. Mir war das alles zu theoretisch. Computer waren ja Anfang der 90er in den Schulen noch Wesen von einem anderen Stern. Dennoch hatten wir in unserer Kleinstadtschule sogar einen HTML-Kurs irgendwann Ende der 90er Jahre. Das erste Mal mit dem Code etwas zu formatieren war schon cool.

Ich glaube heutzutage macht vor allem das Praktische den Zugang zu Tech für alle interessanter, egal ob Mädchen oder Jungen.

Man kann so schnell eine Programmiersprache lernen, und selbst etwas entwickeln, das erhält die Neugier. Es hat ja jeder Haushalt mindestens ein Laptop und Handy. Der Zugang zur Technologie ist also direkt da. Wo wir früher unseren Gameboy auseinander gebaut haben, um zu verstehen, wie er funktioniert (nein, danach funktionierte er nie wieder), können Kinder heute spielerisch Webseiten oder Apps bauen oder kleine Spiele programmieren. Ich glaube, das ist für Jungs wie Mädchen spannend, und in 10-15 Jahren sollte das Geschlechterverhältnis ausgeglichener sein, denn wir brauchen auf jeden Fall mehr Frauen im Tech-Bereich. Wir sind immerhin rund 50 % der Weltbevölkerung. Ich erinnere mich an den Fall, wo eine Gesundheitsapp die Periode einer Frau nicht berücksichtigt hat. Weil alle Entwickler Männer waren. Im UX-Bereich sind Frauen am Tisch eine Bereicherung – wir legen sicherlich auf andere Ding wert als Männer. Auch ohne Kind fällt mir z. B. ein, dass eine einhändige Bedienung von Geräten und Interfaces (weil man ja ein Kind auf dem Arm hat) sinnvoll sein könnte – übrigens auch gut, wenn jemand nur einen Arm hat. Ich weiß nicht, ob das jetzt ein Gedanke wäre, der einem Mann direkt kommen würde. Ich bin ein großer Fan von Design Thinking oder Design Sprints, weil man so viele Gruppen wie möglich befragt und testen lässt. Genauso ausgeglichen sollte jedes Innovations-Team der Welt sein.

Ich glaube eine gewisse Ungerechtigkeit wird es immer geben, nicht nur bei Geschlechtern. Da gibt es Absolventen von Elite-Unis, die mit den richtigen Kontakten bestückt in die Berufswelt eintreten. Auf der anderen Seite ist das Arbeiterkind aus der Kleinstadt, das von der Standard-Uni kommt, und dessen Lebenslauf direkt aussortiert wird. Für mich ist es auch Diversity, dass diese Ungerechtigkeit ausgemerzt wird. Das wird wahrscheinlich nie passieren. Gut ist, dass die Gender Paygap endlich ihren Weg in die Medien gefunden hat. Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Durch Technologie könnten wir viele Probleme jetzt schon lösen, es müssten nur die Unternehmen flexibler werden. Keine Frau bräuchte mehr langfristig für die Kinder aus dem Job aussteigen, wenn sie nicht will, wenn alle Unternehmen Remote Work, flexible Arbeitszeiten oder ähnliches erlauben würden. Denn besonders im Tech-Bereich ist ein langer Ausfall tödlich für die Karriere. Die Möglichkeiten sind da, die Arbeitgeber nutzen sie nur noch nicht.

Tipps und Tricks

Die Tech-Branche ist spannend und schnelllebig. Bei Evalueserve wurde im Laufe der Zeit die Firmen-Strategie angepasst, weil sich die Technologie so schnell verändert hat. Anfangs ging es noch um Recherchen von Firmenprofilen oder bestimmten Industrien, später um Datenmanagement oder Automatisierung gewisser Datenvorgänge innerhalb ganzer Unternehmen. Wer sich für die Tech-Branche interessiert, muss immer neugierig und offen bleiben. Selbst wenn man nicht ins Coding oder die Entwicklung geht, ein gewisses Grundwissen, wie etwas funktioniert, sollte vorhanden sein. Und auch wenn es manchen schwer fällt: sehr gute Englischkenntnisse sind wichtig!

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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