Suche
Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Svenja Wagner

Women in Tech: „Das Klischee des einsamen Programmierers muss aufgebrochen werden“

Mascha Schnellbacher

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Svenja Wagner, Senior Softwareentwicklerin bei Netcentric.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Svenja Wagner

Heute erzählt uns Svenja Wagner, Senior Softwareentwicklerin bei Netcentric, ihre Geschichte. Nach einem Informatikstudium an der Hochschule Bremen war Svenja klar, dass sie in der Backend-Webentwicklung arbeiten möchte. In den letzten zehn Jahren war sie dann für die Internetagentur Namics tätig und hat dort hauptsächlich die Backend-Java-Entwicklung für Content-Management-Systeme übernommen. Seit Februar 2017 ist Svenja bei Netcentric.

Svenja hatte in ihrer Jugend mit Tech eher nicht so viel am Hut, viel lieber wollte sie in Richtung Sozialpädagogik gehen:

In meiner Kindheit und Jugend hatte ich immer die Vorstellung, mit Menschen und am liebsten mit Kindern zu arbeiten. Ich habe während meiner Schulzeit dann auch diverse Praktika im Kindergarten gemacht. Allerdings hatte ich schon immer eine Schwäche für Mathe. Das analytische Denken und das Arbeiten mit Fakten hat mich immer schon gereizt.

Ich habe mich dann aber dafür entschieden, Fachabi mit Richtung Sozialpädagogik zu machen. Mir haben diese zwei Jahre sehr viel gebracht und grundsätzlich habe ich auch immer Spaß daran gehabt. Allerdings habe ich dann doch schnell gemerkt, dass ich an Mathe und Physik mehr Interesse habe. Analytisch denken, sich in Problemstellungen rein zu versetzen und zu tüfteln hat mich immer gereizt. Ich habe dann überlegt, was ich machen könnte und bin sehr schnell darauf gekommen, es doch einfach mit einem Informatikstudium zu probieren.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Svenja entschied sich also ohne wirkliche Vorkenntnisse für ein Informatikstudium:

In Bremen gab es einen Studiengang der Informatik, der im Grundstudium nur für Frauen offen ist. Frauen sind also beim Erlernen der Grundlagen erstmal unter sich. Das hat mir die Scheu genommen, ein Studium ohne wirkliche Vorkenntnisse anzufangen. In den ersten Semestern habe ich zwar ab und an noch etwas mit meiner Entscheidung gehadert und oft gedacht, das Ganze ist mir doch zu abstrakt. Aber ich habe mich schnell eingefunden und der große Praxisbezug hat mir sehr geholfen. Ausgelegt war das Studium so, dass man auch ohne große Vorkenntnisse, aber dafür mit einem großen Interesse an der Sache gut mithalten konnte.

Nach dem Studium wusste Svenja erst einmal nicht, was sie damit anfangen könnte. Sie hatte zwar viel gelernt, aber dennoch das Gefühl, nichts so richtig zu können. Wo und was also arbeiten?

Ich hatte schon die grobe Vorstellung, dass ich „etwas mit Web“ machen möchte. Der Schwerpunkt in meinem Studium lag auf der Java-Entwicklung, also wollte ich gerne in die Backend-Webentwicklung. Ich habe mich dann deutschlandweit einfach auf ein paar Stellen beworben, die ich interessant fand. Es sind dann Frankfurt und die Internetagentur Namics geworden. Sehr motiviert hat mich dort unter anderem, dass es verhältnismäßig viele Frauen in der Entwicklung gab.

Programmieren ist sehr kreativ.

Ich habe bei Namics sehr schnell viele Erfahrungen in der Java-Entwicklung sammeln können und hatte immer Menschen um mich, denen ich Fragen stellen und von denen ich viel lernen konnte. So bin ich dann auch zehn Jahre bei Namics geblieben. Ich habe gemerkt, dass das Programmieren sehr abwechslungsreich und kreativ sein kann. Durch die verschiedenen Projekte und unterschiedlichen Kunden ist der Beruf extrem vielseitig. Projekte werden immer in Teamarbeit umgesetzt und es gibt immer einen großen Austausch im Team und mit dem Kunden. Von daher habe ich in meinem Beruf sehr viel mit Menschen zu tun.

In ihrer Zeit in der Tech-Branche ist Svenja ein großes Problem besonders aufgefallen: Die fehlenden Frauen.

Zwar gab es während meines Studiums einige Dozentinnen, die mich inspiriert und beeinflusst haben. Aber ein wirkliches Vorbild hat mir von Anfang an gefehlt. Meiner Meinung nach ist es genau das, was in der Branche fehlt: Es gibt zu wenig Frauen, die als Vorbild dienen.

Ich habe immer gedacht, ich muss mich später alleine unter Männern durchsetzen und es gibt sonst keine Frau weit und breit. Das hat sich so zum Glück nicht bewahrheitet. Es gibt sie zum Glück, die Frauen in dem Bereich. Jetzt müssen sie nur noch sichtbarer werden.

Frauen gibt es also in der Tech-Branche – nur nicht auf den ersten Blick. Doch warum bleiben so viele von ihnen unsichtbar? Svenja hat eine mögliche Erklärung parat:

Als Frau muss man sich oft rechtfertigen, warum man einen technischen Beruf ausübt oder sich für Technik interessiert. Schon während meines Studiums kam immer die gleiche Reaktion, wenn ich von meinem Studiengang berichtet habe – und später von meinen Beruf: „Informatik? Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht.“ Das ist schon etwas, was mich nervt. Wünschenswert wäre es, dass Frauen in dieser Branche als ganz normal angesehen werden.

Es gibt zu wenig Frauen als Vorbilder.

Dafür müssen Frauen sichtbarer werden und mehr Mädchen und Frauen für Technik allgemein begeistert werden. Hier sind Vorbilder und Rollenmodelle wichtig. Es ist wichtig und notwendig, dass Frauen genauso selbstverständlich in der IT-Branche bzw. der Tech-Welt wahrgenommen werden wie Männer.

Für Svenja ist Diversität in jedem Bereich wichtig, von einem Austausch zwischen verschiedenen Menschen profitiert jedes Projekt:

Die Gesellschaft besteht ungefähr zur Hälfte aus Frauen und daher finde ich es wichtig, dass wir auch in der Tech-Branche repräsentiert werden. Generell ist es immer gut, wenn das Verhältnis ausgeglichen ist. Sowohl Frauen als auch Männer bringen eigene Ideen, Erfahrungen, Werte und ganz eigene Herangehensweisen mit. So können viele verschiedene Aspekte und Herangehensweisen betrachtet werden. Und ein Austausch ist einfach spannender, wenn viele verschiedene Menschen mitmischen.

Ein Problem sind allerdings noch immer die Rollenklischees. Es muss selbstverständlicher werden, dass sich auch Mädchen gerne mit Computern beschäftigen. Ich denke, dass die Lehre und die Herangehensweise interessanter und ansprechender gestaltet werden muss. Mädchen interessieren sich genauso für Technik wie Jungs. Die Gesellschaft gibt aber immer noch vor, dass Mädchen sich für andere Dinge zu interessieren haben. Einerseits muss auf das Interesse der Mädchen eingegangen werden, die Informatik muss spannender gestaltet werden und zusätzlich dürfen Mädchen nicht mehr als Exotinnen angesehen werden, wenn sie sich für Tech entscheiden.

In naher Zukunft sieht Svenja für eine Gleichstellung von Frauen und Diversity aber eher schwarz. Um die Tech-Branche für Frauen attraktiver zu machen, ist eine Menge Arbeit erforderlich – auch seitens der Unternehmen.

Es wird sicherlich noch ein paar Jahre dauern, aber Frauen werden in der IT-Branche in Zukunft ganz selbstverständlich genau dieselben Rollen einnehmen wie Männer. Wichtig sind vor allem das weitere Aufbrechen der Geschlechterrollen und das frühe Heranführen von Mädchen an Technik. Immerhin steigt die Anzahl der Studentinnen von IT-Studiengängen langsam, aber stetig an. Das ist schon mal ein Anfang. Allerdings sollten auch die Unternehmen umdenken und sich wirklich bemühen, Jobs für Frauen attraktiv zu machen und sich nicht nur beschweren, dass sie angeblich keine Frauen finden.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Branche sehr offen und interessiert daran ist, Frauen für Tech-Berufe zu begeistern, aber die Vorbilder müssen auch in den Unternehmen präsent sein. Das Klischee des einsamen Programmierers muss aufgebrochen werden und der Beruf so kreativ und abwechslungsreich dargestellt werden, wie er ist.

Das Klischee des einsamen Programmierers ist falsch.

Die Unternehmen haben da noch einiges zu tun, die Branche schafft es noch nicht, auch für Frauen als attraktives Arbeitsfeld aufzufallen. Junge Frauen vor der Berufswahl haben weiterhin nur sehr selten auch das Bild einer Informatikerin, Softwareentwicklerin oder sonstiger Tech-Berufe im Kopf. Webdesign, Social Media vielleicht noch am ehesten – aber nicht Tech. Daran zu arbeiten, dass sich dieser Zustand verändert, brächte mehr Frauen in die Tech-Branche.

Damit das Ganze doch früher als später passiert, hat Svenja gemeinsam mit anderen Frauen einen Verein gegründet:

Selbstbewusst zeigen, was man kann und sich nicht verstecken. Jede(r) bereichert das Team und die Arbeit!

Mein Wunsch ist es, dass es eben nicht heißt: Für eine Frau ein eher ungewöhnlicher Job. Frauen müssen in der IT-Welt sichtbarer werden und besser etabliert. Dafür braucht es Vorbilder und die Möglichkeit, sich zu vernetzen. Mit einer kleinen Gruppe von Frauen, die im Tech-Bereich tätig sind, haben wir die Techettes gegründet, einen ehrenamtlich organisierten gemeinnützigen Verein für Frauen im Tech-Bereich. Wir wollen die Sichtbarkeit von Frauen in der Branche verbessern, Frauen für den Bereich motivieren und Frauen, die schon in diesem Umfeld arbeiten, vernetzen. Wir wünschen uns, dass das Geschlechterverhältnis in der IT-Welt ausgeglichener ist. Und dass die nächste Generation Mädchen ganz selbstverständlich den Traumberuf App-Entwicklerin hat.

Damit der Einstieg in die Tech-Branche besser klappt, hat Svenja ein paar Tipps auf Lager:

Das Beste ist es, sich mit Frauen, die bereits in der Branche arbeiten, auszutauschen. Es fehlen die Vorbilder und es besteht die Befürchtung, dass man sich allein unter Männern beweisen muss. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Umfeld sehr positiv auf Entwicklerinnen reagiert und alle ein Interesse daran haben, Frauen für die Branche zu begeistern.

Women in Tech – die SerieIn der Serie Women in Tech stellen sich inspirierende Frauen aus der IT-Branche vor. Bisher erschienen:

…. weitere Teile der Serie

Geschrieben von
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher studierte Buchwissenschaft und Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Juni 2015 arbeitet sie als Redakteurin in der Redaktion des Entwickler Magazins bei Software & Support Media. Zuvor war sie als Lektorin in einem Verlag sowie als freie Editorin tätig.
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.