Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Rona Ruthen

Women in Tech: „Je höher man auf der Karriereleiter klettert, desto häufiger wird man die einzige Frau im Raum sein“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Rona Ruthen, Head of Operations bei Curve Ltd.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Rona Ruthen

Rona hat bereits 10 Jahre Erfahrung in den Bereichen Finanzdienstleistung, Risikomanagement und Finanzlösungen. Derzeit arbeitet sie bei Curve als Head of Payments. Davor arbeitete sie bei Fiverr und Payoneer.

Wie wurde dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich komme ursprünglich aus Israel und meine erste Begegnung mit IT-Themen hatte ich in der Geheimdienstabteilung der IDF (als Israeli haben wir einen zweijährigen Pflichtdienst).

Es war, als würde man in einem großen Technologieunternehmen arbeiten – nur eben in Uniform. Es war eine aufregende Welt der Innovation, die Grenzen überschritt und ich sah, wie die Macht der Technologie die Dinge verändert. Danach habe ich meinen BA in Wirtschaftswissenschaften und einen MBA gemacht und war einige Jahre als Risikomanagement-Beraterin im Finanzdienstleistungsbereich tätig.

Dort wollte ich sein, helfen etwas zu erschaffen, vielleicht sogar einen Unterschied machen.

Ich bekam den Job, nachdem ich den Freund eines Freundes auf einer Geburtstagsfeier getroffen hatte. Vor dieser Party wusste ich nicht einmal, was es bedeutet, im Risikomanagement zu arbeiten. Obwohl ich es sehr interessant fand und Geld die Welt zum Laufen bringt, war ein paar Jahre später klar, dass Innovation und Wandel bei Finanzdienstleistungen aus der technischen Welt kommen. Dort wollte ich sein, helfen etwas zu erschaffen, vielleicht sogar einen Unterschied machen.

Ich wechselte zu Payoneer, einem globalen Zahlungsunternehmen (in den ersten Jahren war es ein FinTech-Unternehmen!), dann zu Fiverr, einem Online-Marktplatz für freiberufliche Dienstleister. Dann zog ich nach London und kam zu Curve – einem FinTech-Startup mit dem Ziel, die Art und Weise, wie Menschen Geld ausgeben, sehen und sparen, zu vereinfachen.

Die Unterstützung von Familie und Freunden ist der Schlüssel, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, Herausforderungen zu meistern und Ihre Karriere zu entwickeln. Ich denke, die zwei Hauptaspekte in denen Familie und Freunde die größte Wirkung haben, sind erstens Bewusstsein und Entdecken – das Lernen über Jobs, Herausforderungen und Reisen meiner Freunde. Ihre Unterstützung war für das Finden meiner eigenen Interessen und Stärken sowohl inspirierend als auch hilfreich. Und zweitens Unterstützung – mutige Schritte (Jobwechsel, Umzug in ein anderes Land) können Angst machen, aber ein unterstützendes Umfeld macht einen großen Unterschied.

Ein Tag in Ronas Leben

Curve ist ein FinTech-Startup, dass im Jahr 2015 gegründet wurde. Derzeit sind wir 42 Personen, die hart daran arbeiten, eine vernetzte Finanzwelt aufzubauen. Curve arbeitet an einem Betriebssystem für Geld, das Aspekte des finanziellen Lebens an einem Ort verbindet. Wir haben eine kluge Anwendung entwickelt, die alle Zahlungskarten einer Person mit einer einzigen Mastercard verbindet. Es ist eine einfachere und sicherere Möglichkeit durch personalisiertes Cashback und automatisierte Einblicke in die Ausgaben, alle Konten zu nutzen und Geld zu sparen. Jetzt können wir Curve mit anderen Konten und Anwendungen verbinden, vom neuen Guthaben bis zur täglichen Budgetierung.

Ich bin Head of Operations bei Curve, was bedeutet, dass ich eine Gruppe leite, die für Kundenerfahrung, Compliance und Finanzkriminalität, Kartenerfüllung (die Erstellung einer Karte ist so viel faszinierender, als ich es mir je vorgestellt habe!) und operative Prozesse sowie Projekte mit unseren Partnern verantwortlich bin.

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Kein Tag gleicht dem anderen und keiner von ihnen verläuft wie geplant. Es ist schwer, einen typischen Tag zu definieren, aber ich verbringe viel Zeit in Meetings mit unseren Partnern, mit meinem Team und mit anderen Teams wie Produkt und Technik. Wir sind ein kleines Unternehmen, daher ist fast alles funktionsübergreifend. Ich arbeite auch an Projekten, die das Wachstum des Unternehmens unterstützen und das Skalieren vorbereiten. Das ist das Wesentliche der Arbeit in einem Startup-Unternehmen und in der Natur der Rolle – ich liebe es einfach.

Ich bin auf eine ganze Menge stolz 🙂 Aber ganz oben auf der Liste steht mein Team bei Curve. Ein Team von intelligenten, ehrgeizigen und fürsorglichen Menschen zu bilden, die ich gerne sehe, wenn ich morgens ins Büro komme, ist ein tolles Gefühl. Das Startup-Leben kann sehr herausfordernd sein, aber mit den richtigen Leuten um einen herum kann man einen Unterschied machen. Wir arbeiten zusammen, um Prozesse aufzubauen und zu verbessern, und das spielt eine Schlüsselrolle für das Wachstum von Curve. Ich würde gerne glauben, dass ich zumindest einen kleinen positiven Einfluss auf ihre persönliche Entwicklung und Karriere habe.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Ich denke, es gibt einige Missverständnisse über die Arbeit in der Technik-Branche: Man muss ein Entwickler sein, 14 Stunden am Tag arbeiten und das macht es unmöglich, das Gleichgewicht zu finden und seine Karriere in Schwung zu halten, wenn man Kinder hat. Für mich geht es also vor allem um Bewusstsein. Frauen in der Technik (wie wir) sind umgeben von anderen Frauen in der Technik und von Frauen, die leidenschaftlich daran interessiert sind, dieses Bewusstsein zu schärfen. Aber wenn ich an andere Freunde und Bekannte denke – im zweiten, dritten und noch weiter entfernteren Kreisen – ist die Situation anders. Tech ist so eine riesige Industrie mit so vielen Möglichkeiten. Aber es ist schwer, etwas darüber zu erfahren, es sei denn, man ist involviert oder kennt jemanden, der dort arbeitet.

Es gibt nicht genügend Transparenz hinsichtlich dessen, was es bedeutet, in der Tech-Branche zu arbeiten oder eine Frau in der Branche zu sein.

Es gibt nicht genügend Transparenz hinsichtlich dessen, was es bedeutet, in der Tech-Branche zu arbeiten oder eine Frau in der Branche zu sein: Welche unterschiedlichen Rollen gibt es, welche Kenntnisse sind erforderlich und wie erwirbt man die dafür notwendigen Fähigkeiten?

Sensibilisierung kann (und sollte) über alle Altersgruppen hinweg erfolgen, von jungen Mädchen bis hin zu Kindern in Schulen oder später Universitäten. Für berufstätige Erwachsene ist die Schaffung eines gesunden Problembewusstseins ebenfalls relevant, da dies der erste Schritt ist, Interessen und neue Möglichkeiten am Arbeitsplatz durchzusetzen. Für die jüngere Generation ist es dagegen wichtig, mehr Vorbilder sowie einen besseren Zugang zu Computern und Wissenschaften anzubieten. Es muss ein besserer Einblick über die verschiedenen Aufgabenbereiche und benötigten Fähigkeiten geschaffen werden.

Eine meiner Lieblingsepisoden des Freakonomics-Podcasts ist ein Interview mit Christine Lagarde, der Leiterin des IWF. An einem bestimmten Punkt sagt sie: „Wenn Lehman Brothers Lehman Sisters genannt worden wäre, wäre es eine andere Geschichte“. Dem stimme ich zu. Es gibt Studien, die deutlich aufzeigen, dass vielfältig ausgewogene Teams zu besseren Ergebnissen führen. Unternehmen sollten mehr Frauen einstellen, weil es gut für das Geschäft ist, nicht weil sie sich dazu verpflichtet fühlen.

Ich denke, wir brauchen unglücklicherweise noch einige Jahre, bis sich wesentliche Veränderungen durchsetzen und unsere Arbeitsplätze rundum gleichwertig werden. Initiativen wie #MentorHer unterstützen das langfristige Ziel anhand ihrer schnellen, unkomplizierten Anlaufzeit und schaffen damit neue Vorbilder für die Jugend. Letztlich hängt aber alles von den Männern und Frauen der Branche ab, die Gleichstellung proaktiv vorantreiben müssen.

Hindernisse

Zwar variieren existierende Hürden von Team zu Team, doch je höher man auf der Karriereleiter klettert, desto häufiger wird man die einzige Frau im Raum sein. Sollte dies einmal nicht der Fall sein, sind Frauen dennoch meist deutlich in der Unterzahl. Obwohl ich mich persönlich nie davon habe einschüchtern lassen, übt es Einfluss auf einen selbst aus – darauf wie man sich kleidet, wie man spricht und wie wohl man sich fühlt. Damit können diese Faktoren eine Rolle dabei spielen, wie gut oder schlecht man seine Arbeit verrichtet.

Um es etwas deutlicher auszudrücken: Wir arbeiten in einer Branche, die von weißen Männern geleitet wird, die Produkte für weiße Männer entwickelt und die dabei von weißen Männern finanziert wird. So aufgeschlossen sich diese Branche selbst auch sehen möchte: Es gibt unsichtbare Hierarchien und davon bedingte Tendenzen. Diese betreffen sowohl das Produktdesign, das Marketing, Stellenbeschreibungen als auch Rekrutierung. Nur Unternehmen und Führungskräfte, die sich dessen ausreichend bewusst sind und die kontinuierlich daran arbeiten, etwas daran zu ändern, werden am Ende auch Erfolg damit haben.

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Trotzallem denke ich nicht, dass Frauen sich von Tech-Berufen abschrecken lassen sollten. Befeuern Sie die Veränderung, auch wenn das bedeutet „nur“ Teil der Branche zu sein.

Tipps & Tricks

Mein Rat ist, mit so vielen Frauen in der Branche zu sprechen, wie möglich. Lernen Sie verschiedene Unternehmen, verschiedene Bereiche, Rollen und Möglichkeiten kennen, und profitieren Sie von den Erfahrungen, die andere Frauen in ihren Karrieren gemacht haben. Sie werden feststellen, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, die allesamt durchaus erreichbar sind.

Scheuen Sie nicht davor zu fragen, wie andere ihr Ziel erreicht haben. Nehmen Sie Empfehlungen auf – egal in welchem Zusammenhang. Es gibt viele talentierte Frauen, die Sie gerne dabei unterstützen, beruflich voran zu kommen. Worauf warten Sie noch?

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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