Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Dr. Rebecca Parsons

Women in Tech: „Erfolg in der Tech-Branche ist männlich besetzt“

Mascha Schnellbacher

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Dr. Rebecca Parsons, Chief Technology Officer bei ThoughtWorks.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Rebecca Parsons

Heute erzählt uns Dr. Rebecca Parsons, Chief Technology Officer bei ThoughtWorks, ihre Geschichte. Rebecca hat viele Jahre Erfahrung in der Anwendungsentwicklung, in Branchen von Telekommunikation bis hin zu neuen Internetdiensten. Sie verfügt über umfangreiche Erfahrung in der Projektleitung beim Aufbau großer Anwendungen für verteilte Objekte und bei der Integration verteilter Systeme.

Bevor sie zu ThoughtWorks kam, lehrte Rebecca als Assistenzprofessorin Informatik an der University of Central Florida. Sie hat einen Bachelor-Abschluss in Informatik und Betriebswirtschaft von der Bradley University (Peoria, Illinois) sowie einen Master of Science in Informatik von der Rice University (Houston, Texas), an der sie auch promoviert hat.

Rebecca interessiert sich bereits seit ihrer Jugend für das Programmieren:

Ich begann mit dem Programmieren, als ich auf die High-School kam. Mein Algebralehrer besuchte einen Programmierkurs an der örtlichen Universität. Er kaufte mir das Lehrbuch für den Kurs und so konnte ich quasi mitmachen. Damals habe ich mich in das Programmieren verliebt – ich war 13 oder 14 Jahre alt.

Danach war für sie klar, dass das Programmieren in ihrem Berufsleben eine wichtige Rolle spielen soll. Dementsprechend studierte Rebecca auch Informatik und promovierte sogar darin.

Im Laufe meiner Karriere habe ich Tech-Positionen in unterschiedlichen Bereichen innegehabt. Darunter waren große und kleine Unternehmen, Technologieunternehmen sowie Firmen aus anderen Branchen, akademische Institutionen, staatliche Forschung und auch Nonprofit-Organisationen. Auf die meisten meiner Positionen – genau genommen alle bis auf zwei – bin ich durch Kontakte gestoßen, die mich angesprochen haben. Ich habe in vielen verschiedenen Positionen gearbeitet, immer im Bereich Technologie. Ich engagiere mich auch für Branchenvereinigungen. So bin ich zum Beispiel Chair of the Board bei der Agile Alliance.

Heute ist Rebecca Chief Technology Officer bei ThoughtWorks. Ein typischer Arbeitstag sieht bei ihr wie folgt aus:

Ich arbeite mit vier Stakeholder-Gruppen zusammen: dem Management von ThoughtWorks, der Tech-Community von ThoughtWorks, unseren (potenziellen) Kunden sowie der Branche im weiteren Sinn. Mein Arbeitsalltag besteht darin, gemeinsam mit dem Management von ThoughtWorks das Geschäft zu führen, unsere Technologie und Geschäftsstrategie zu entwickeln und umzusetzen, mich für unsere Tech-Community einzusetzen und mit Kunden über die Zukunft der Technologie und ihre eigene Strategie zu diskutieren. Darüber hinaus trete ich als Sprecherin auf Konferenzen auf, zu Themen wie Architektur, Programmiersprachen und Diversity.

Wirkliches Programmieren kommt mittlerweile oft zu kurz, doch präsent ist das Thema immer – so auch in Rebeccas aktuellem Projekt:

Momentan arbeite ich gemeinsam mit Pat Kua und Neal Ford an einem Buch über evolutionäre Architekturen. Neal und ich sprechen beide bereits seit Jahren über das Konzept der evolutionären Architektur und das Thema gewinnt jetzt an Fahrt.

Als ich vor einigen Jahren bei ThoughtWorks zum CTO wurde, habe ich ein Technology Advisory Board eingeführt, das mich in meiner Arbeit unterstützt. Dieses Team bringt zweimal jährlich das Technology Radar heraus, das Ergebnis unserer Erfahrungen mit verschiedenen Technologien und Trends, die man unserer Meinung nach im Auge behalten sollte.

Auf dem Weg in ihre heutige Position hatte Rebecca des Öfteren mit Vorurteilen zu kämpfen:

Im Laufe meiner Karriere habe ich zu hören bekommen, dass Frauen Mathematik und Informatik nicht begreifen können, dass ich meine Position nur habe, weil eine Frau gebraucht wurde, dass ich weniger als ein Mann verdienen sollte, da dieser ja eine Familie ernähren müsse usw.

Gängiges Vorurteil: Frauen können Informatik nicht begreifen.

Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mir und meinen Geschwistern das Selbstvertrauen vermittelt haben, dass wir alles machen können, was wir wollen, wenn wir daran arbeiten. Obwohl mich diese negativen Äußerungen nicht abschrecken können, sind sie doch nicht leicht zu ertragen.

Diese Vorurteile kommen nicht von ungefähr, sondern liegen in den gesellschaftlichen (überholten) Erwartungen begründet.

Die Gesellschaft hat Erwartungen an die weibliche Rolle, wie Erfolg in der Technologie aussieht – nämlich männlich – und wie Frauen sich verhalten sollten. Außerdem werden Frauen viel kritischer betrachtet. So haben z. B. auf einer Konferenz die Veranstalter ihre erfolgreichen Versuche betont, die Diversität unter den Konferenzsprechern zu erhöhen. Unglücklicherweise hat in der ersten Session eine Frau einen schlechten Vortrag gehalten. Sofort wurde in Tweets kommentiert, dass mehr Diversität unweigerlich zu schlechteren Vorträgen führt. Ich bin sicher, dass jeder schon mal einen schlechten Vortrag von einem Mann gehört hat. Aber wenn ein Mann eine schlechte Leistung abliefert, werden keine Rückschlüsse auf alle anderen Männer gezogen, so wie es bei Frauen der Fall ist.

Dementsprechend gibt es eben auch so wenige Frauen in der Tech-Branche:

Viele Organisationen legen den Fokus auf die Pipeline an Frauen, die Tech-Berufe ergreifen. Das echte Problem ist aber der wesentlich höhere Anteil an Frauen, der die Technologiebranche wieder verlässt. Teilweise hat das mit Entscheidungen in punkto familiärer Betreuung zu tun, aber viele Frauen gehen, weil die Umgebung es ihnen manchmal so schwermacht.

Viele Frauen verlassen die Tech-Branche, weil die Umgebung schlecht ist.

Immer wieder hören wir, dass Frauen viel härter arbeiten müssen, um Anerkennung zu erlangen. Ihre Einwände werden abgetan, weil sie angeblich überempfindlich reagieren, ihre Ideen werden von anderen als die eigenen ausgegeben und ihre Versuche, Rechte einzufordern, werden als schrill oder zu aggressiv angesehen. Wir alle – Männer und Frauen – als Teil einer Branche müssen uns unseren unbewussten – und manchmal immer noch bewussten – Vorurteilen stellen und unsere Kultur verändern.

Genau diese Veränderungen würden der Tech-Branche aber gut tun, findet Rebecca:

Aus geschäftlicher Sicht ist es eine klare Sache, dass mehr Frauen der Tech-Branche gut tun würden; darüber hinaus ist es das Richtige. Aus Unternehmenssicht ist es so, dass unterschiedliche Perspektiven mehr Ideen und Lösungsansätze für Herausforderungen und Chancen liefern. Warum sollten wir unsere Teams einschränken und diese Ressourcen ignorieren?

Ich höre oft, dass alle Frauen, die in der Technologiebranche arbeiten wollen, es bereits tun – alle anderen wollen es nicht. Ich bin überzeugt, dass das nicht stimmt, vor allem angesichts des Umfelds in den Unternehmen. Wenn eine Frau nicht leidenschaftliches Interesse an Technologie hat, warum sollte sie sich der bestehenden Kultur aussetzen? Männer, die kompetent, aber ohne besondere Leidenschaft sind, arbeiten sehr erfolgreich in der Technologiebranche. Warum sollte das für Frauen nicht auch möglich sein?

Vorurteile überwinden und die bestehende Kultur verändern

Rebecca befürchtet, dass der Weg zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis in der IT noch ein weiter ist:

Ich glaube, dass wir leider noch einen langen Weg vor uns haben. Unbewusste Vorurteile sind eine Realität. Leider nutzen einige die Studien über unbewusste Vorurteile als Entschuldigung dafür, dass keine Veränderung möglich ist. Es ist schwer, soziale Normen und bestehende Kulturen zu ändern. Ich wünsche mir, dass die Diversity-Debatte eines Tages Geschichte sein wird – aber das wird wohl nicht so bald der Fall sein.

Damit sich der Prozess beschleunigt, hat Rebecca Tipps parat, die sie Frauen zum Einstieg in die Techg-Branche mit auf den Weg gibt:

Wenn Du Dich für Technologie begeisterst, geh Deinen Weg! Technologie kann den Menschen und der Welt so viel Gutes bringen. Hör‘ nicht auf diejenigen, die Dir sagen, dass Du nicht dafür geeignet bist. Bau‘ Dir ein System aus Unterstützern auf – und unterstütze andere auf ihrem Weg.

Die Tech-Branche ist dynamisch und spannend. Nutze Gelegenheiten zu lernen und mit tollen Leuten zusammen zu arbeiten. Es gibt sicherlich ein paar faule Äpfel in der Branche, aber auch einige großartige Männer und Frauen, von denen wir lernen können und mit denen wir gemeinsam Dinge entwickeln können.

Women in Tech – die SerieIn der Serie Women in Tech stellen sich inspirierende Frauen aus der IT-Branche vor. Bisher erschienen:

…. weitere Teile der Serie

Geschrieben von
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher studierte Buchwissenschaft und Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Juni 2015 arbeitet sie als Redakteurin in der Redaktion des Entwickler Magazins bei Software & Support Media. Zuvor war sie als Lektorin in einem Verlag sowie als freie Editorin tätig.
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