Interview mit Pamela Prosperi, Senior Software Engineer und Leiterin des Emulator- und Simulator-Projekts bei Sauce Labs

Women in Tech: „Manchmal wurden Bewerberinnen wegen ihres Geschlechts nicht eingestellt“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Pamela Prosperi, Senior Software Engineer und Leiterin des Emulator- und Simulator-Projekts bei Sauce Labs.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Pamela Prosperi, Senior Software Engineer und Leiterin des Emulator- und Simulator-Projekts bei Sauce Labs.

Pamela Prosperi arbeitet seit mehr als vier Jahren bei Sauce Labs, ist Senior Software Engineer und leitet das Emulator- und Simulator-Projekt. Davon arbeitete sie zwei Jahre von ihrer Heimat Rosario (Argentinien) aus, bevor sie 2016 in die Niederlassung in Vancouver (Kanada) wechselte.

Nach ihrem Studium des Systems Engineering in Argentinien begann sie 2005 ihre Karriere als freiberufliche Entwicklerin. Noch während ihres Studiums arbeitete sie an der Erstellung lokaler Websites. Im Jahr 2010 wechselte sie dann in die Mobile-Welt und entwickelte hybride Apps mit Tools wie Phonegap. Dem mobilen Bereich ist sie seither treu geblieben und entwickelt heute native Apps, hauptsächlich für Android-Geräte.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Als ich in Rosario in Argentinien aufwuchs, hatte ich nicht viele Berührungspunkte mit Technologie. Erst zum Ende der Grundschulzeit bekamen wir zu Hause einen Computer. Obwohl ich ihn nicht oft benutzen durfte (außer für ein paar alte 5 ¼ Diskettenspiele), war ich von Anfang an von der Technologie und den Möglichkeiten fasziniert. Nach und nach habe ich besser verstanden, welches Potenzial in einem Computer steckt und bat einen Lehrer, mir mehr darüber beizubringen. Als ich die High School beendete, wusste ich, dass es noch viel mehr zu lernen gab und sich die Welt der Technologie nicht auf unseren ersten Heim-PC beschränkte. Daher beschloss ich, einen Abschluss als Systems Engineer zu machen, um mein technologisches Wissen zu vertiefen.

Manchmal wurden Bewerberinnen wegen ihres Geschlechts nicht eingestellt. Leider musste ich darüber Stillschweigen bewahren, um nicht selbst meinen Job zu verlieren.

Meine berufliche Karriere begann in meinem vierten Studienjahr, als ich als Backend-PHP-Entwicklerin für einen lokalen Betrieb arbeitete. Kurz darauf wechselte ich in ein Unternehmen, in dem ich als Mobile-Entwicklerin tätig war. Und ich merkte schnell, dass genau das meine Leidenschaft ist. Ein paar Jahre vergingen und ich hatte genug Apps programmiert, um zu erkennen, dass ich noch mehr wollte. Also entschied ich mich, die argentinische Softwareindustrie zu verlassen, um bei den Big Playern in Kalifornien einzusteigen. Mit dieser Motivation im Hinterkopf bin ich auf Sauce Labs gestoßen und wurde Teil ihres Mobile-Teams.

Im Jahr 2014 reiste ich nach San Francisco und verbrachte drei Monate damit, mich intensiv bei vielen der bekannten Technologieunternehmen zu bewerben. Mein Ziel war es, eine Stelle zu bekommen, in der ich meine Leidenschaft für Technologie wirklich unter Beweis stellen konnte. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich auf diese drei Monate besonders stolz bin, da ich in dieser Zeit meine Komfortzone verlassen habe und beruflich stark gewachsen bin.

Seit 2016 leite ich bei Sauce Labs das Team für Emulatoren und Simulatoren. Der Übergang von realen zu virtuellen Geräten ermöglichte es mir, in eine DevOps-Rolle zu wechseln und mehr über die Funktion von virtuellen Systemen zu lernen. Im selben Jahr zog ich auch von Argentinien nach Vancouver, sodass ich enger mit dem Team zusammenarbeiten und die lokale Vancouver-Unit ausbauen konnte.

Die Erfahrung, ein Team zu leiten, erwies sich als noch besser, als ich zunächst gedacht hatte. Menschen bei der Verwirklichung ihrer Ziele zu helfen, war und ist nach wie vor etwas, das ich weiterverfolgen möchte. Diese Leidenschaft für Team-Führung und Mentoring half mir, in eine Manager-Rolle zu wechseln und das Team aus einer anderen Perspektive zu unterstützen.

Familie und Freunde – die wichtigsten Unterstützer

Ich bin dankbar, dass meine Familie und meine Freunde meine Entscheidungen während meiner gesamten Karriere immer sehr unterstützt haben. In Bezug auf Vorbilder gibt es nicht wirklich jemanden, dem ich aufmerksam folge und den ich bewundere. Aber es gibt viele Menschen, zu denen ich aufblicke. Ich finde es ermutigend, dass Frauen immer mehr in ihrem Bestreben unterstützt werden, mehr zu lernen und sich in ihrer beruflichen Laufbahn weiterzuentwickeln.

Hindernisse

Um dort hinzukommen, wo ich heute bin, musste ich viele Hindernisse überwinden. Die größte Hürde war meine Herkunft – ein Teil der Welt, wo es sehr schwer ist, erfolgreich zu sein. Hinzu kam, dass meine Muttersprache nicht die der großen Softwarefirmen ist. Aber davon habe ich mich nicht abhalten lassen. Ich bin nie zu lange in meiner Komfortzone geblieben und habe immer nach neuen Herausforderungen gesucht.

Ich hatte während meiner gesamten Karriere das Glück, auf sehr hilfsbereite Menschen zu stoßen. Dennoch fällt mir eine Erfahrung in meiner frühen akademischen Laufbahn ein: Ein Professor hatte damals ein Projekt von mir in Frage gestellt, weil er nicht glauben konnte, dass ich es wirklich selbst gemacht hatte. Er hielt es für unmöglich, dass ein Team ausschließlich aus Frauen eine solche Qualitätsarbeit leisten konnte. Beinahe hätte er uns daran gehindert, unsere Abschlussarbeit einzureichen. Zum Glück hat mich dieser Vorfall weder in meinem Lernen noch in meinem Wachstum behindert. Vielmehr hat mich diese Erfahrung zu noch mehr Hartnäckigkeit ermutigt, mich selbst zu beweisen.

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Ein Tag in Pamelas Leben

Ich bin nun seit mehr als vier Jahren bei Sauce Labs und arbeite seit einigen Monaten in einer neuen Position als Engineering Manager des Emulator- und Simulator-Teams. Diese Rolle stellt mich vor eine ganze Reihe neuer Herausforderungen, bin aber dennoch nah dran an der Technologie. Ich habe neue Verantwortlichkeiten wie regelmäßige 1-to-1-Meetings innerhalb des Teams. Hier bin ich mehr mit den zwischenmenschlichen Aspekten konfrontiert, mit Soft Skills und wie man die Stärken der Mitarbeiter weiterentwickeln kann. Ich wohne auch technischen Diskussionen mit dem Management und anderen Teams bei, um gemeinsam den Umfang der Projekte sowie die Priorisierung und Planung der Produkte zu definieren.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Technik?

Traditionell sind Frauen in technologischen Berufen unterrepräsentiert. Aber glücklicherweise wird diese Kluft schmäler und die Diversität nimmt zu. Ich denke, es spielen mehrere Faktoren zusammen, wie falsche Vorstellungen vergangener Generationen über die Rolle der Frau in der Arbeitswelt und Gesellschaft. Es ist schön zu sehen, dass jüngere Generationen mit diesem Modell brechen und dazu beitragen, das Frauenbild neu zu definieren. Wir sollten junge Frauen weiterhin ermutigen, ihren Weg und ihre Karriere frei zu wählen, ohne sich einem falschen gesellschaftlichen Rollenbild anzupassen.

In so manchem Umfeld oder bei einigen Personen wird noch immer mit der Vorstellung gehadert, dass eine Frau erfolgreich sein, leiten oder bedeutende Beiträge leisten kann. Besonders schwierig wird es, wenn diese Vorurteile unbewusst gelebt werden. Denn dann nimmt sie die Person oder Gruppe möglicherweise nicht einmal wahr.

Ich wuchs in einer Gesellschaft auf, die sexistisch sein kann. Zu Beginn meiner Karriere wurde ich mit unangenehmen Situationen und Gesprächen konfrontiert, in denen die Leistungen meiner Kolleginnen unter den Teppich gekehrt wurden. Manchmal wurden Bewerberinnen wegen ihres Geschlechts nicht eingestellt. Leider musste ich darüber Stillschweigen bewahren, um nicht selbst meinen Job zu verlieren. Ich bin mir sicher, dass viele Frauen weltweit Situationen wie diese erlebt haben. Auf lange Sicht machen sie einen jedoch stärker. Schließlich lernt man dadurch, Missstände nicht zu dulden. Würde ich heute eine ähnliche Erfahrung machen, würde ich sofort handeln.

Vielfalt, egal in welchem Bereich, kommt allen zugute und ist das Spiegelbild einer gesunden und integrativen Umwelt.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Frauen in ihrer Karriere solchen Herausforderungen begegnen. Aber es ist wichtig zu lernen, für sich selbst und andere Frauen einzustehen.

Ich glaube, dass mehr Frauen in MINT-Berufen einen positiven Effekt haben würden. Vielfalt, egal in welchem Bereich, kommt allen zugute und ist das Spiegelbild einer gesunden und integrativen Umwelt. Sozial gesehen wären Frauen stärker vertreten. Das würde dazu beitragen, die begrenzte Sichtweise über die Rolle und das Potenzial von Frauen zu beseitigen. Folglich wären mehr Frauen in der Arbeitswelt vertreten, womit sie wiederum zum Ausgleich der Haushaltseinkommen beitragen und die Gesamtwirtschaft ankurbeln würden. Vor allem aber würde ein Mehr an Frauen in MINT-Berufen die gesamte Gesellschaft kulturell verbessern.

Meiner Meinung nach sind die Auswirkungen der aktuellen Diskussion zu Women in Tech bereits zu spüren. Allerdings ist Diversität ein Dauerthema. Die Diskussion darf nicht verebben und muss fortgeführt werden, damit wir aus Ideen Kapital schlagen und den Fortschritt vorantreiben können – und dabei alle Interessengruppen vertreten.

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Tipps & Tricks

Es stimmt, dass die Tech-Branche in der Vergangenheit weniger integrativ gegenüber Frauen war, doch das beginnt sich zu ändern. Frauen in der Tech-Szene sind selbstbewusster und genießen ein höheres Ansehen. Dennoch sollten weibliche Fachkräfte, die eine Tech-Karriere anstreben, verstehen, dass sich dieser Wandel langsam vollzieht und weiterhin Zeit in Anspruch nehmen wird. Gleichzeitig sollten sie sich aber als unterrepräsentierte Gruppe nie scheuen, ihre Meinung kund zu tun, sich aktiv zu beteiligen und ihre Ideen und Gedanken einzubringen.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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