Heute im Interview: Marion Nöldgen, Managing Director von Videobeat

Women in Tech: „Vielleicht wäre eine Quote ein unschönes aber notwendiges Mittel“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Marion Nöldgen, Managing Director von Videobeat.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Marion Nöldgen


Doch nicht nur die Tech-Branche, auch die Welt der Marketingagenturen ist noch immer eine Männerdomäne. Eine Frau, die sich in beiden durchgesetzt hat, ist Marion Nöldgen, Managing Director von Videobeat. Bei der Hamburger Bewegtbild-Agentur trifft kreative Werbekonzeption auf Machine-Learning-gestützte Datenanalyse. Für Marion Nöldgen gilt es dabei, aller Bereiche im Blick zu haben. Sie verantwortet bei Videobeat die Internationalisierung genauso wie die Neukundenakquise und die Optimierung interner Prozesse. Dabei braucht sie nicht nur technische Expertise, sondern auch Durchsetzungsvermögen und Verhandlungsgeschick.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich bin eher zufällig mit dem Tech-Thema in Berührung gekommen. Bei der Wahl meines Studienfachs wollte ich nicht „nur“ BWL studieren, das kam mir zu generalistisch vor. Wirtschaftsinformatik schien mir die interessanteste, weil innovativste Kombination – Wirtschaft und Technologie. Im Studium habe ich Programmieren und theoretische Grundlagen der Software-Entwicklung gelernt, ein Themenfeld, mit dem ich vorher nie in Berührung gekommen war.

Technologieunternehmen haben mich dann allerdings von Anfang an interessiert. Dafür fand ich es wichtig, zu verstehen, wie ein Tech-Team arbeitet. Das hilft mir heute immer noch beim Abschätzen von Zeitaufwand, Formulierung von Anfragen, Feedback ans Tech-Team und beim Aufspüren von Fehlerquellen.

Ein wirklich gutes Produkt entsteht dann, wenn alle Bereiche eines Unternehmens perfekt ineinandergreifen und voneinander lernen können.

Da die Business-Seite des Bachelors sehr rudimentär war, habe ich mich für einen Master in VWL/BWL entschieden, weil es mir wichtig war, auch die wirtschaftliche Seite besser zu verstehen. Ein wirklich gutes Produkt entsteht ja erst dann, wenn alle Bereiche eines Unternehmens perfekt ineinandergreifen und voneinander lernen können.

Meine ersten Schritte habe ich dann in der digitalen Start-up-Welt gemacht. Da hatte ich das Glück, den ganzen Wachstumsprozess von der ersten Idee eines Start-ups bis zur Marktführerschaft mitzumachen – das waren spannende und wertvolle Erfahrungen.

Ein Tag in Marions Leben

Heute bin ich Managing Director bei Videobeat, einer Agentur für datengetriebenes Video-Marketing. Ein großer Teil meiner Arbeit dort ist die strategische Weiterentwicklung, angefangen bei internen Prozessen, über die Kundengewinnung bis hin zur internationalen Expansion. Das heißt, bei mir laufen viele Fäden und Daten zusammen. Marketing und Tech, das verschmilzt ja seit ein paar Jahren immer mehr. Trotzdem kann man aktuell noch große Unterschiede zwischen den Unternehmen sehen, bei der Rolle, die Tech im Marketing spielt.

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Einige stehen noch ganz am Anfang, kaufen vor allem Reichweite ein und schauen sich bestenfalls anschließend die Abverkäufe an. Andere sind da schon eine ganze Ecke weiter, machen durch neue Tools alle Kanäle (auch offline) mess- und optimierbar und entwickeln komplexe Attributionsmodelle, um den inkrementellen Wert eines Marketingkanals so genau wie möglich bestimmen zu können. Hier wird sich in den nächsten Jahren eine ganze Branche grundlegend verändern. Dabei voranzugehen und das datengetriebene, technologiebasierte Marketing strategisch weiterzuentwickeln, gehört zu meinen wichtigsten Aufgaben.

Programmiert habe ich tatsächlich seit dem Studium nicht mehr, da gibts sicher Leute, die das deutlich besser können. Aber in allen meinen Rollen, habe ich eng mit den Tech-Teams zusammengearbeitet, da die Produktentwicklung in einem Start-up maßgeblich zum Wachstum beitragen oder es verlangsamen kann, wenn die Prioritäten falsch gesetzt sind. Da passiert ja gerade am Anfang alles sehr schnell und die Tech und Business-Seite müssen sich sehr eng abstimmen. Da hilft es, wenn man die gleiche Sprache spricht.

Vorbilder und Förderer

Förderer gab es sicher einige, allerdings interessanterweise keine Frauen.

Förderer gab es sicher einige, allerdings interessanterweise keine Frauen. Die Start-up-Szene ist ja nach wie vor sehr männlich geprägt, daher waren sowohl die Chefs als auch Investoren alles Männer. Ich war schon recht häufig die einzige Frau in einem typischen Boys-Club. Ich habe gerade mit Ulrike Handel (CEO, Dentsu Aegis Germany) das erste Mal eine weibliche Vorgesetzte und sie zählt sicher auch zu denjenigen, von denen man viel lernen und abschauen kann. Das hätte ich gerne früher gehabt.
Ansonsten finde ich Gillian Tans, die ehemalige CEO und jetzige Chairwoman von booking.com sehr spannend. Sie würde ich gerne mal treffen.

Hindernisse und Hürden

Ich kann nicht behaupten, dass mir jemand versucht hat, beruflich Steine in den Weg zu legen. Nach meiner Erfahrung wird gute Leistung anerkannt und belohnt, wenn man so will. Ob ich mehr oder weniger hätte leisten müssen, wenn ich ein Mann wäre, ist schwer einzuschätzen. Ich hatte aber häufig das Gefühl, professioneller sein zu müssen, um genauso ernst genommen zu werden wie männliche Kollegen. Gerade in meinen ersten Führungspositionen, bei denen ich häufig auch noch deutlich jünger war als andere Team-Mitglieder, habe ich immer bewusst Distanz gehalten und bin nach der Arbeit und am Wochenende eher nicht privat mit Kollegen unterwegs gewesen.

Es ist schwer zu sagen, warum so wenige Frauen in der Tech-Branche arbeiten. Gerade bei der Auswahl eines Studiums oder einer Ausbildung sind ja erstmal jedem die gleichen Hürden gesetzt bzw. jeder hat die gleichen Chancen. Wahrscheinlich liegt die Wurzel da tatsächlich bei den Stereotypen in unserer Gesellschaft, die wir noch überwinden müssen.

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Ich glaube ich neige dazu, Vorurteile, wenn sie mir entgegengebracht werden, weitestgehend zu ignorieren und mache einfach mein Ding. Da ich häufig eine eher strategische Rolle (z.B. im Business Development) in den bisherigen Unternehmen hatte, wurde ich sicherlich häufig nicht so sehr als „Woman in Tech“ wahrgenommen und einige sind erstaunt, wenn mein Studium und meine bisherigen nicht so prominent nach außen getragenen Aufgaben zur Sprache kommen. Man wird wahrscheinlich häufig unterschätzt.

Ich muss aber sagen, dass ich bislang mit niemandem, mit dem ich zusammengearbeitet habe, Probleme hatte.

Diversity in Tech und dessen Zukunft

Diversität tut jeder Branche gut, denke ich. Und zwar nicht nur gender-divers sondern auch in Hinblick auf kulturelle und soziale Backgrounds. Menschen mit unterschiedlicher Prägung gehen mit bestimmten Herausforderungen auch unterschiedlich um. Unternehmen können von dieser Diversität der Perspektiven nur profitieren. Bei der Umsetzung haben wir allerdings noch einen weiten Weg vor uns.

Vielleicht wäre eine Quote da ein unschönes aber notwendiges Mittel.

Wir haben das erste Mal überhaupt eine anhaltende und öffentliche Debatte zu dem Thema Diversität. Das ist gut und sollte nicht einschlafen. Inwieweit und mit welchen Mitteln wir dann die Ergebnisse der Diskussion auch in die Tat umsetzen, wird sich zeigen. Ich bin eigentlich kein großer Freund von Quoten, aber ich kenne einige Frauen aus Konzernstrukturen, denen deutlich mehr Steine in den Weg gelegt werden, als mir. Vielleicht wäre eine Quote da ein unschönes aber notwendiges Mittel. Ich glaube jedenfalls nicht, dass wir in zwei oder fünf Jahren sagen: So, Diversity und Gleichberechtigung – check, haben wir überall erreicht.

Tipps & Tricks

Traut euch, Dinge auszuprobieren und formuliert eure Ziele gegenüber euren Kollegen und Vorgesetzten. Traut euch, auch unangenehme Dinge anzusprechen und wenn ihr das Gefühl habt, ihr werdet übergangen oder benachteiligt, sprecht es offen und sachlich an. Entweder gibt es zu Entscheidungen, die ihr nicht nachvollziehen könnt, eine objektive Begründung, oder ihr stoßt bestenfalls Denkprozesse an. Ich bin sicher, dass Frauen häufig nicht aus purem Sexismus übergangen werden, sondern weil ein Kollege als die intuitivere Wahl wahrgenommen wurde und vorher offen formuliert hat, dass er gerne den nächsten Schritt gehen würde.

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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