Heute im Interview Lori MacVittie, Principal Technical Evangelist

Women in Tech: „Daten und Computern ist unser Geschlecht völlig egal“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Lori MacVittie, Principal Technical Evangelist bei F5 Networks.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Lori MacVittie

Als Principal Technical Evangelist bei F5 ist Lori MacVittie für das Bekanntmachen und die Schulung für Application Services auf der gesamten Produktseite des Unternehmens verantwortlich.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Meine Mutter war in den 70er Jahren bereits eine Programmiererin, also war ich nicht die erste Frau in meiner Familie, die eine Karriere im MINT Bereich einschlug. Sie brachte oft Arbeit mit nach Hause, die mich fasziniert hat. Als wir einen Computer bekamen, war ich begeistert – ab da begann meine Liebe zur Technik. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich als ziemlich introvertierter Mensch, oft lieber mit einem Computer als mit Leuten reden, weil er mir stets zugehört hat.

Ich habe einen Bachelor- und Master-Abschluss in Informatik erfolgreich absolviert. Nach meinem Studium arbeitete ich als Entwicklerin und Software-Architektin, bevor einige Jahre später in die Verlagsbranche wechselte. Es war zwar anders, aber meine Leidenschaft für Technologie blieb bestehen. Denn es war meine Aufgabe, komplexe Technologien zugänglicher zu machen, indem ich über sie in einer Weise berichtete, die fast jeder verstehen konnte. 2006 kam ich dann zu F5, und vereinen sich meine beiden verschiedenen Karrierepfade.

Ein Tag in Loris Leben

In meiner jetzigen Funktion bei F5 bin ich für das Bekanntmachen und die Schulung für Application Services auf der gesamten Produktseite des Unternehmens verantwortlich. Mit anderen Worten, ich destilliere technische Konzepte in etwas, das die meisten Menschen verstehen können. Dazu gehört das Verfassen von Fachartikeln zu einer Vielzahl von Themen wie Architekturen und Anwendungssicherheit, bis hin zu Cloud Computing und DevOps. Ich gehe auch zu vielen Branchenveranstaltungen und Community-basierten Treffen, um an Podiumsdiskussionen teilzunehmen.

Vorbilder und Förderer

Ohne die Unterstützung und Ermutigung meiner Freunde hätte ich eine solche Anstrengung überhaupt nicht unternommen. Nach der Geburt meines ersten Sohnes hatte ich den Gedanken an das College und eine Karriere eigentlich aufgegeben, bis mich Freunde überzeugten, sie wieder aufzunehmen. Meine Familie hat mich unterstützt und bot jede erdenkliche Hilfe an. Allerdings war meine finanzielle Lage nicht gerade einfach und führte oft zu Stress.

„Die MINT-Branche hat den Ruf, dass Frauen dort um ihren Erfolg kämpfen müssen.“

Mein Vorbild ist meine Mutter, die eine erfolgreiche technische Karriere machte und gleichzeitig eine Familie gründete. Sie lehrte mich den Wert von Pünktlichkeit und Zeitplanung aber auch die Liebe zum Detail, was sicherlich während meines Studiums half.

Herausforderungen & Hindernisse

Als junge Mutter war die Planung von Unterricht und Kinderbetreuung eine große Herausforderung. Ich musste lernen, zwei und drei Jahre vorauszuschauen, um die Studienziele zu erreichen, während ich mit der Tagesbetreuung jonglierte. Oft musste ich meinen kleinen Sohn mitnehmen, was ihm gefiel und glücklicherweise hatten die meisten Professoren keine Einwände.

Grundsätzlich hat MINT ein Markenproblem und in den Köpfen existiert ein Stereotyp von der Art Frau, die in MINT-Berufen arbeitet. Wir denken vielleicht an introvertierte Menschen, die nur schwarze Kleidung und keine Absätze tragen, aber das ist einfach nicht der Fall! Welche Art von Frau du auch immer bist, was du trägst oder welche Persönlichkeit du hast, ist irrelevant. Es gibt eine Platz für dich. Und das ist eine Botschaft, die ich versuche, bei meinen Kollegen zu verbreiten.

Ich habe noch nie persönlich jemandem kennengelernt, der wollte, dass ich im Berufsleben nicht vorankomme. Ich habe Menschen getroffen, die das Berufsleben, wegen ihrer Einstellung zu Frauen , frustrierend gemacht haben. Aber meistens bin ich diejenigen begegnet, die mir unabsichtlich Grenzen aufgezeigt haben oder mich dazu gebracht haben, darüber nachzudenken, ob ich meine Karriere damit verbringen wollte, meine „Daseinsberechtigung“ zu rechtfertigen. Die weitverbreitetste Einstellung, auf die ich in der Tech-Branche stoße, ist die Annahme, dass Frauen keine technischen Fähigkeiten besitzen. Ich wurde von Männern bevormundet und herablassend behandelt, die sich ihrer Überlegenheit sicher waren. Das erträgt man eine Weile, aber irgendwann ist es ermüdend. Wir verbringen mehr Zeit damit, unseren Platz am Tisch zu rechtfertigen, als unser Handwerk auszuüben.

Die Familie kann ein erhebliches Hindernis darstellen, insbesondere, wenn man der Familie Vorrang vor der Karriere einräumt. Daher musste ich viele schwierige Entscheidungen treffen, die mich diverse Karrieremöglichkeiten kosteten, weil ich mich dazu entschied, die Familie in den Vordergrund zu stellen. Ich habe das Glück, einen bedeutenden Teil meiner Karriere bei F5 zu verbringen, wo man Wert auf eine gesunde Work-Life-Balance legt. Ich habe eigentlich versucht, 4 Monate nach der Geburt meines jüngsten Sohnes im Jahr 2008 zurückzutreten, da ich nicht in der Lage war, beides unter einen Hut zu bringen. F5 unternahm dann erhebliche Anstrengungen, damit ich beides bewältigen konnte. Leider ist das bei Frauen nicht immer der Fall und es hemmt diejenigen, die sich gezwungen fühlen, eine Entscheidung zu treffen.

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Worauf bist Du in Deiner Karriere besonders stolz?

Dass ich in der Lage war, anderen zu helfen, Technologie zu verstehen und anzuwenden, um Probleme zu lösen. Ob intern im gesamten Unternehmen oder extern auf dem Markt im Allgemeinen, oder sogar zu Hause, wo ich Familie und Freunden bei technischen Dingen unterstütze. Der zufriedenstellende Aspekt meiner Karriere ist die Fähigkeit, anderen zu helfen, Technologie zu verstehen und anzuwenden, um ihr Leben und ihr Geschäft besser zu machen.

Hat jemand versucht, dich daran zu hindern, in deiner Karriere voranzukommen?

Ich hatte Glück im Mittleren Westen der USA zu leben, da ich in meiner Karriere aufgrund meines Geschlechts nicht auf viele Hindernisse gestoßen bin. In dieser Gegend gibt es sehr viele Versicherungsgesellschaften, in denen die Mehrheit der Programmierer weiblich ist. Es schien einfach Teil unserer Kultur zu sein, Frauen in solchen Positionen zu haben.

Im Laufe meiner Karriere habe ich männliche Kollegen erlebt, die sich von einer Frau nicht führen lassen wollten, und auch Männer auf Konferenzen, die völlig verblüfft sind, wenn sie merken, dass ich weiß, wovon ich rede. Hier stellt sich mir die Frage: Wieso glaubst du, dass ich es nicht kann? Es ist frustrierend, aber ich versuche, solche Sachen schnell zu vergessen – man darf sich von solchen Leuten nicht runterziehen lassen!

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Das ist ein interessantes Problem! Eines, das ich aus einer ganz anderen Perspektive sehe, seit ich meine eigene Familie gegründet habe. Technologie war schon immer ein Teil meines Lebens, seit ich ein kleines Kind bin. Ich habe zwei Schwestern, von denen sich eine mit Technik beschäftigt, aber auf Mathematik spezialisiert ist. Meine andere Schwester schlug einen ganz anderen Weg ein, während mein Bruder ebenfalls im technischen Bereich tätig ist. Ich habe drei erwachsene Kinder, deren Eltern beide in MINT Berufen arbeiten. Unsere beiden Töchter zeigten nie Interesse daran, obwohl sie den größten Teil ihres Lebens der Technik umgeben waren und ermutigt wurden, sie zu erforschen. Warum eine Frau sich für oder gegen den Einstieg in die Technologie entscheidet, scheint eine persönliche Entscheidung zu sein. Zum einen hängt es sicherlich mit der Assoziation von Technik zusammen – von Isolation und Kultur, aber auch der Angst vor einem von Männern dominierten Feld. Denn wie viel kann man erreichen, wenn man ständig darum kämpfen muss, sich zu beweisen, anstatt Dinge voranzubringen? Manche Frauen interessieren sich aber auch einfach nicht dafür.

Meine jüngste Tochter würde sagen, dass sie Tiere liebt und mit ihnen arbeiten und ihnen helfen will – dass ist mit Technik, so wie ich sie ausübe, nicht zu vereinen. Was wir tun müssen, ist, die Wahrnehmungen und Einstellungen innerhalb der Tech-Branche zu verändern, um Frauen, die in den MINT-Bereich eintreten wollen, den Einstieg zu erleichtern und ihnen das Gefühl geben, Willkommen zu sein.

„Wir verbringen mehr Zeit damit, unseren Platz zu rechtfertigen, als unser Handwerk auszuüben.“

Sähe die Welt mit mehr Frauen in MINT-Berufen anders aus?

Ich denke, eine Auswirkung wäre, dass mehr Frauen in MINT-Berufen bleiben würden. Die einzige Frau zu sein, kann Dir im Laufe der Zeit einiges abverlangen. Das ist nicht gesund und führt oft dazu, dass du deine Karriere beendest. Ich bin kein Experte in Sozio-Ökonomie, also kann ich mir nicht mit Sicherheit sagen, welche Auswirkungen das haben könnte, aber ich glaube, dass diese auf keinen Fall negativ wären.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Die meisten von uns sind wahrscheinlich auf ein oder zwei Leute gestoßen, die Frauen in der Technik nicht für gut befinden. Es ist ein trauriges Phänomen, aber eines, dass sich langsam verbessert, da immer mehr Frauen Rollen im MINT-Bereich übernehmen. Aber Veränderungen werden nicht über Nacht stattfinden, und ich denke, es liegt heute in der Verantwortung der Unternehmen, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das Männer und Frauen nicht nur willkommen heißt, sondern auch ermutigt.

Wenn ein Mitarbeiter von einem Kollegen diskriminiert wird – wie z.B. herablassendes wegen des Geschlechts -, sollten Prozesse vorhanden sein, die ihm helfen, damit umzugehen. Die Mitarbeiter sollten das Gefühl haben, sich bei Bedarf an die Personalabteilung wenden zu können.

Tipps & Tricks

Das Wichtigste für mich ist, dass Daten und Computer das Geschlecht völlig egal ist –  also sollten sich Frauen darum keine Gedanken machen. Mein Ratschlag wäre: Wenn Sie an einer MINT-Karriere interessiert sind, dann machen Sie es einfach!

Wohin du auch gehst, es ist wahrscheinlich, dass du in einer von Männern dominierten Umgebung landest, und wenn dir das unangenehm ist, dann ist das in Ordnung. Sorgen Sie dafür, dass Sie einen Mentor oder Freund finden, an den Sie sich wenden können, und ein Unternehmen oder eine Bildungseinrichtung, die Ihnen die richtige Unterstützung bietet, damit Sie in Ihrer Karriere erfolgreich sein können. Die MINT-Branche hat den Ruf, dass Frauen dort um ihren Erfolg kämpfen müssen. Lassen Sie sich davon nicht abschrecken – wenn wir Veränderung wollen, müssen wir die Vorreiter sein.“

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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