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Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Leitha Matz

Women in Tech: „Als Frau muss man widerstandsfähig sein und braucht ein dickes Fell“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Leitha Matz, Chief Operating Officer bei Zuper

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Leitha Matz

Leitha Matz ist Technology Executive mit fast 20 Jahren Erfahrung aus dem Engagement in führenden Marketing-Gruppen aus dem Bereich eCommerce und IT. Sie hat mitgeholfen, ganze Unternehmensbereiche aufzubauen und für eine Vielzahl von Firmen aus Bereichen von Logistik (FedEx) bis zum Online-Lebensmittelhandel (FreshDirect) schwierige Probleme gelöst. Matz ist zudem freiwillig als Startup Advisor und Jurymitglied beim eBay Startup Cup tätig und eine Mentorin des Mentorenprogramms METRO-Accelerator der Techstars.

Was hat deine Neugier für die Technologie geweckt?

Die Technologie stellt für mich immer Chancen und Möglichkeiten dar. Als Kind hat mir die Technologie etwa ermöglicht, Spiele zu spielen und sogar ein eigenes Magazin zu veröffentlichen. Jetzt als Erwachsene hilft mir die Technik dabei, mich mit anderen Menschen zu vernetzen und Tools herzustellen, die das Leben von Menschen verändern können. Es gibt für mich nichts Aufregenderes und Faszinierenderes als Technik.

Meinen ersten Kontakt mit dem Internet hatte ich 1992, als ich mit meinem Studium im Bereich Medien und Design begann und in diesem Zuge meine eigenen, kleinen Websites entwickelte.

Nach dem Abschluss des Studiums und dem Eintritt ins Berufsleben 1996 sah es so aus, als seien die interessantesten Arbeitsmöglichkeiten im Onlinebereich, aber keiner sie wollte. Es lag vermutlich daran, dass es die Zeit war, in der viele Unternehmen erst damit anfingen, eine echte Onlinepräsenz aufzubauen. Das in der Zeit stattfindende Umdenken war vielleicht verwirrend und etwas chaotisch für viele Menschen, aber für diejenigen, die jung und neugierig waren, war es ein magischer Moment.

Ich war dann zunächst als freiberufliche Web-Entwicklerin tätig und gab in meiner Freizeit Unterricht in JavaScript. In meinem ersten Praktikum war ich für eine Online-Community von 60.000 Usern verantwortlich, die auf hunderte Foren verteilt war. Danach arbeitete ich für das Unternehmen FedEx und war dort als „Webmaster“ angestellt. In dieser Zeit richtete ich die Systeme zum Filtern, Kategorisieren und Beantworten der Fragen an den Online-Kundenservice ein.

Ich habe nie damit aufgehört, zu lesen, zu lernen sowie immer wieder Fragen zu stellen.

Nach dem großen Tech Crash von 2001 waren viele der Auffassung, dass die Zeit von eCommerce vorbei war. Ich war anderer Meinung und fing an für ein Startup für den Online-Lebensmittelhandel zu arbeiten. Es dauerte nur ein paar Jahre, bis das Unternehmen Gewinne vorzeigen konnte und sehr profitabel wurde. Ich würde also behaupten, dass die meisten mit ihrer Annahme über eCommerce falsch lagen, aber ich muss auch zugeben, dass meine Entscheidung, gerade in dieser Zeit, riskant war.

Ich habe nie damit aufgehört, zu lesen, zu lernen sowie immer wieder Fragen zu stellen und Arbeiten zu übernehmen, die sonst keiner machen wollte. Ich habe daraus meinen Beruf gemacht und stehe jetzt Startups als Beraterin und Mentorin zur Seite. Meine Faszination für Technik hat mir viele Möglichkeiten eröffnet, bis hin zu meiner aktuellen Position bei Zuper.

Das Netzwerk der helfenden Hände

Ich hatte immer das Glück, Menschen in meinem Leben zu haben, die mich unterstützen konnten. Meine Eltern gaben mir schon immer Rückendeckung und glaubten ohne jegliche Vorbehalte an mich. Sie wurden auch nie müde, mir stets zu sagen, für wie fähig und clever sie mich hielten. Das hat mich sehr ermutigt und viel sicherer in meinem Auftreten gemacht. Während meines ersten Praktikums lernte ich eine sehr clevere, durchsetzungsfähige und wunderbare Frau kennen – unsere Lead-Entwicklerin –, die mich an Perl und JavaScript heranführte. Sie hatte es einfach drauf und in für mich war sie unfassbar cool. Mein Partner Jack steht dem in nichts nach, er ist brillant, großzügig und sehr hilfsbereit.

Hindernisse

Es gab da einen Vorgesetzten, der tatsächlich anfing zu lachen, als ich ihn danach fragte, wie man am besten in das VP-Level aufsteigen kann. Bei einem Vorstellungsgespräch fragte mich der CEO des Unternehmens, ob ich denn überhaupt fähig sei, mit Entwicklern richtig zu kommunizieren – und das trotz meiner jahrelangen Erfahrung im technischen Projektmanagement. Auf ignorante, voreingenommene und unverschämte Personen wird man immer treffen. Und gerade als Frau kommt es dann häufiger vor, dass die Annahme getroffen wird, dass man von technischen Problemen keine Ahnung hat und man lieber den Typ aus dem Marketing nach technischen Dingen fragen sollte, nur weil er eben ein Mann ist.

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Ein Tag in Leithas Leben

Ich bin Co-Founderin von Zuper, einer FinTech-Firma, die Kunden dabei behilflich ist, durch KI-unterstütztes Geldmanagement sich finanziell besser aufzustellen. Wir sind seit Januar auf dem deutschen Markt und ich bin derzeit sehr aufgeregt, da wir nun auch den österreichischen Markt erschlossen haben. Schwerpunkttechnisch setzen wir auf die Entwicklung, stehen für Mobile first und fokussieren uns auf die Nutzung von offenen Banking-APIs. FinTech ist ein sehr schnelllebiges Arbeitsfeld mit dementsprechend interessanten und kniffligen Aufgaben.

Mein Tag beginnt immer mit einem Update auf Slack, denn unser Team ist auf sechs Länder mit einem zehnstündigen Unterschied der Zeitzone verteilt. Wie man sich vorstellen kann, stellt uns das vor ein paar sehr herausfordernde Aufgaben, aber wir können das Ganze trotzdem zu unserem Vorteil nutzen. Durch das sogenannte Remote Recruiting ist es uns gelungen, eine starke und diverse Arbeitsgemeinschaft aufzubauen, tatsächlich besteht mehr als ein Drittel unseres Teams aus Frauen.

Ich arbeite normalerweise im Home Office oder im „TheFactory“ in Berlin antreffen, einem Coworking-Space in Berlin. Mittlerweile bin ich aber auch an vielen Konferenzen beteiligt und mindestens einmal im Monat trifft sich das Executive-Team in München. Wir sind quasi Vielflieger.

Das war schon immer mein Führungsstil als Managerin. Ich liebe es, mich in meiner Freizeit als Mentorin für die Techstars/METROs Retail and Hospitality Programme zu engagieren, Startups mit Enpact in Berlin zu coachen und bedeutungsvolle Verbindungen zwischen Menschen herzustellen. Es ist ein großartiges Gefühl, wenn ich die richtige Empfehlung geben oder eine großartige Zusammenarbeit fördern kann!

Warum arbeiten nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Nun, ein paar Menschen sind einfach Idioten und das allein kann dafür sorgen, dass Frauen ganz gezielt aus der Branche geekelt werden. Man darf aber auch nicht unterschätzen, dass es viele Frauen gibt, die sich selbst einfach nicht in dieser Rolle sehen können. Ich hingegen hatte die nötige Unterstützung und die Chance, clevere und durchsetzungsfähige Frauen im Bereich der Entwicklung sehen und kennenlernen zu können. Es sind diese Vorbilder, die meiner Meinung nach entscheidend dafür sind, dass man sich als Frau in der Welt der IT selbst sehen kann.

Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus und manchmal unterscheiden sich unsere Bedürfnisse und Ansichten in bestimmten Dingen von denen der Männer. Allein aus diesem Grund halte ich es für lachhaft, wenn Produkte entwickelt werden, an denen nicht eine einzige Frau in irgendeiner Form beteiligt war.

Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus – allein aus diesem Grund halte ich es für lachhaft, wenn Produkte entwickelt werden, an denen nicht eine einzige Frau beteiligt war.

Es ist insbesondere dann ungeheuerlich, wenn es um Technologien und Produkte geht, die speziell für Frauen entwickelt worden sind oder sich an die breite Masse der Gesellschaft richtet. Um ein kleines Beispiel zu geben: Es hat eine halbe Ewigkeit gedauert, bis gute Apps im Rahmen der Gesundheitstechnologie entwickelt wurden, die sich auch mit der Gesundheit von Frauen befassten. Apple hat z.B. erst mit iOS 9 die Möglichkeit implementiert, den Menstruationszyklus mithilfe der Health App zu überwachen. Etwas so Grundlegendes wurde erstaunlicherweise lange übersehen!

Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass gemischte Teams aus Frauen und Männern zu einem wesentlich angenehmeren Arbeitsklima führen und den ungesunden Wettbewerbsdruck, der in rein männlichen Teams entstehen kann, verhindern können. Unter konstantem Druck in einer 60-Stunden-Woche zu arbeiten, kann für niemanden gesund sein.

Wir müssen aufhören, uns zu zanken und schleunigst damit beginnen, weibliche Vorbilder aus der IT-Branche ins Rampenlicht zu rücken. Wir sollten vom ersten Tag der Ausbildung bis zum Eintritt in das Berufsleben Unterstützung und Hilfe anbieten und es sollte unser Ziel sein, den Arbeitsplatz fairer und gesünder für alle zu machen. Eigentlich ist das nur logisch, denn wenn Tech-Teams fair und gerecht sind und sich die Mitglieder gegenseitig unterstützen, dann ist das vorteilhaft für alle Beteiligten.

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Herausforderungen

Es gibt Menschen, die an besseren Betriebs- und Arbeitsmöglichkeiten für Frauen in der IT arbeiten, aber im Gesamtbild stellen wir immer noch eine Minderheit dar, was manchmal sehr unangenehm und schwierig sein kann.

Man muss widerstandsfähig sein und braucht ein dickes Fell. Denn es ist nicht einfach, ständig belästigt zu werden, sei es auf sexuelle Art oder auf Grundlage angeblich fehlender Erfahrung. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich nicht immer die Kraft oder die Möglichkeit habe, jemanden auf seine mangelnde Professionalität hinzuweisen.

Tipps und Tricks

Der Begriff „Technologie“ ist ein weites Feld, aber Soft- und Hardware sind in erster Linie Werkzeuge, die wir zur Erschaffung unserer Welt benötigen. Das ist mitunter einer der Gründe dafür, dass es weiterhin mehr als nur einen Weg geben wird, Technologie zum Teil des eigenen Berufslebens zu machen. Ich kenne z.B. sehr viele Frauen, die sehr talentierte und kreative Problemlöser sind und die stark davon profitieren würden, wenn „Tech“ Teil ihres persönlichen Werkzeugkastens werden würde.

Deswegen fordere ich jede Frau dazu auf: Helft und ermutigt euch gegenseitig und habt keine Angst davor, auch die angeblich „dummen“ Fragen zu stellen. Bewahrt eure Neugier und scheut nicht vor Mühen und Hindernissen zurück. Doch am allerwichtigsten ist es, niemals aufzugeben. Macht solange weiter, bis ihr endlich das habt, was ihr benötigt.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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