Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Kristel Kruustük

Women in Tech: „Anstatt mich an Hindernissen festzubeißen, habe ich immer nach vorne geschaut und mich durchgeboxt“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Kristel Kruustük, Co-Founder und CEO bei Testlio.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Kristel Kruustük

Um ehrlich zu sein, hatte ich, als ich aufwuchs, nicht das geringste Interesse an Technologie. Nach der Highschool bin ich zu meiner Schwester nach London gezogen, um mir einen Ferienjob zu suchen und zu planen, wie es weitergeht. Zufällig kamen alle ihre Freunde aus der Tech-Welt. Sie motivierten mich, ebenfalls einen technischen Weg einzuschlagen. Zusätzlich boomte die Branche gerade und bot jede Menge Möglichkeiten. Ich hörte auf die Freunde meiner Schwester und studierte Informatik. So habe ich schließlich auch Software-Testing für mich entdeckt.

Rückblickend betrachtet, kann ich nicht wirklich von einer erschreckend großen Zahl Steine auf meinem Weg berichten. Vielmehr habe ich es mir selbst schwer gemacht, weil ich wachsen und mich schneller entwicklen wollte. Direkt nach meinem Diplom bin ich zum Beispiel aus Estland weggezogen, um durch einen Umgebungswechsel meine Lernkurve zu verbessern. Mir ist immer bewusst gewesen, dass ich nichts geschenkt bekomme. Anstatt mich an Hindernissen festzubeißen, habe ich immer nach vorne geschaut und mich durchgeboxt.

Meine Familie und meine Freunde haben mich immer unterstützt. Niemand hat meine Berufswahl in Frage gestellt. Entlang meines Berufswegs habe ich in den verschiedenen Stadien viele, unterschiedliche Menschen getroffen, die mich beeinflusst haben. Allerdings habe ich mich immer von meiner Großmutter und meiner Schwester inspirieren lassen. Beide sind über die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten, hinausgewachsen und trotzdem erfolgreich gewesen. Sie haben mir gezeigt, dass alles möglich ist, solange ich bereit bin, hart dafür zu arbeiten. Wenn das Leben dir Zitronen gibt, dann beiße einfach rein.

Wenn ich auf meine unternehmerische Reise zurückblicke, erkenne ich, dass einige der Herausforderungen, mit denen ich konfrontiert war, oft hausgemacht waren.

Ein Tag in Kristels Leben

Ich bin Mitgründerin und CEO von Testlio. Wir helfen Unternehmen dabei, erstaunliche Kundenerlebnisse zu erzielen, indem wir eine Gemeinschaft von hochqualifizierten Testern und eine End-to-End-QA-Management-Plattform bereitstellen. Ich konzentriere mich auf die strategische Unterstützung der einzelnen Abteilungen bei Outbound-Aktivitäten, die Pflege der Tester-Community und das Management von Investor Relations.

Mein typischer Tag beginnt früh um 6:00 Uhr. Normalerweise reite ich meinen Pferd Rockefeller aus, bevor ich ins Büro komme. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich mich körperlich und geistig um mich kümmern muss, um fit für meinen Tag zu sein. Der Rest des Tages ist in der Regel aufgeteilt in Schlagzeilen überprüfen, E-Mails bearbeiten, Teambesprechungen, Meetings/Konferenzen, etc. Ich bin stolz auf das, was wir heute mit Testlio erreicht haben – es ist sehr bereichernd, dass wir in der Lage sind, weltbekannten Marken dabei zu helfen, qualitativ hochwertige Kundenerlebnisse zu liefern.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Technik?

Ich denke, dass es hauptsächlich auf die Kultur ankommt. Die Realität sieht so aus, dass Frauen in der Regel nicht schon in jungen Jahren mit Technik konfrontiert sind. Persönlich hatte ich vor dem Eintritt in die Universität auch keinen Kontakt zu Technikern. Zusätzlich waren meine Fächer schwer männlich-dominiert. Aber das hat mich überhaupt nicht abgeschreckt, sondern ich habe mich der Situation angepasst und weitergemacht.

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Am Anfang meiner unternehmerischen Laufbahn war ich auch in einigen Denkweisen/Stereotypen in Bezug auf Frauen gefangen, insbesondere in Bezug auf Konflikte zwischen Arbeit und Familie. Von Frauen wird traditionell erwartet, dass sie eher Hausfrau ihrer Familie sind und nicht eine erfolgreiche Unternehmerin. Ich habe auch (zu Unrecht) das Gefühl gehabt, dass das Jonglieren mit Mutterschaft und Karriere die Arbeitsaufgaben nur beeinträchtigen kann. In gewisser Weise werden berufstätige Frauen von Anfang an darauf vorbereitet, dass das Familienleben ihre Karriere behindert. Männer denken nicht wirklich über diese Themen nach. Die traditionelle Rolle eines Vaters wird als primärer Ernährer angesehen, so dass Männer das Gefühl haben, dass sie ihre familiären Pflichten durch Arbeit erfüllen.

Inzwischen ist mir völlig klar, dass dies Grenzen sind, die wir uns selbst schaffen oder die für uns geschaffen sind. Wir können nicht nur eine Hälfte einer Geschlechterrevolution haben, Männer sind auch Teil der Gleichung. Ich spüre dies deutlicher denn je, denn ich sehe, wie mein Team und ich selbst wachsen und wir uns weiterentwickeln.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch in Zukunft ein ausgewogeneres Verhältnis von Vielfalt in den Unternehmen erreichen werden.

Die Realität ist, dass Technologie unsere Zukunft ist. Wenn wir also Gruppen von Menschen ausschließen, die auf Geschlecht, ethnischer Herkunft, Orientierung, Alter usw. beruhen, leisten wir als Gesellschaft einen schlechten Dienst. Unterschiedliche Denkweisen, Sichtweisen und Erfahrungen schaffen mehr Chancen für Innovationen in einem schnelleren Tempo und zum Nutzen aller.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch in Zukunft ein ausgewogeneres Verhältnis von Vielfalt in den Unternehmen erreichen werden. Mit Testlio haben wir von Anfang an Vielfalt in das Gründerteam integriert. Unternehmen sollten darauf abzielen, Frauen und Menschen unterschiedlicher Hautfarbe von Anfang an in allen Rollen zu haben, anstatt zu versuchen, ein Problem zu beheben. Persönlich, auch wenn ich mich nicht als Vorbild betrachte, ist mir klar, dass ich eine Stimme und eine Plattform habe, um mich zu äußern, zu stärken und vielleicht sogar andere zu inspirieren und Barrieren zu durchbrechen.

Hürden

Ich würde sagen, dass die Hauptherausforderung in der Tech-Community darin besteht, dass sie traditionell von Männern dominiert wird, was wiederum in verschiedene männlich dominierte Stereotypen und Geschlechterrollenerwartungen mündet. Ein Beispiels ist die Wahrnehmung von Frauen als naiver, wenn sie nett sind, oder als unsensibel bzw. egoistisch, wenn sie dieselben Eigenschaften aufweisen, die einem kompetenten Mann zugeschrieben werden können. Sexuelle Belästigung ist leider immer noch ein sehr reales Problem.

Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, erkenne ich, dass einige der Herausforderungen, mit denen ich konfrontiert war, oft selbst verschuldet waren, wie mangelndes Selbstvertrauen, Perfektionismus und Fragen der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Bis mir klar wurde, dass das Erreichen des Gleichgewichts viel Selbsterkenntnis und einen Mentalitätswechsel erfordert. Technologie gestaltet unsere Zukunft – wir alle müssen sie gestalten, nicht nur einige wenige. Frauen sollten sich nicht scheuen, Stereotypen zu durchbrechen und eine Karriere in der Technik anzustreben.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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