Interview mit Jennifer Wadella, JavaScript-Entwicklerin und internationale Speakerin

Women in Tech: „Problematisch sind vor allem Leute, die sich als Türsteher der Tech-Branche aufspielen“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Jennifer Wadella, JavaScript-Entwicklerin und internationale Speakerin.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Jennifer Wadella

Oft als Naturgewalt beschrieben, ist Jennifer Wadella, JavaScript-Entwicklerin, internationale Speakerin, Foodie, Fitness-Freakin und Community-Organisatorin, vor allem für ihre Arbeit an innovativen und sehr gefragten Programmen für Frauen in der Tech-Branche bekannt.

Jennifer hat bereits Code geschrieben, bevor ihr überhaupt klar wurde, dass es ein möglicher Karriereweg für sie sein könnte. Derzeit arbeitet sie als leitende Frontend-Entwicklerin bei einem Legaltech-Startup und liebt es, Javascript-Anwendungen zu entwickeln sowie auf technischen Konferenzen als Speakerin zu sprechen. Jennifer ist die Gründerin von Kansas City Women in Technology (KCWiT), einer Organisation die darauf hinarbeitet, die Zahl von Frauen in der Tech-Welt von Kansas City zu erhöhen. Sie hat eine Reihe von Programmen für KCWiT entwickelt, um Frauen und Mädchen beim Erlernen des Codens behilflich zu sein. Zu diesen Programmen gehören unter anderem das CoderDojoKC, Coding & Cupcakes und Coding & Cocktails. Sie war für den Silicon Prairie Champion Award nominiert, ist Preisträgerin des Rising Trendsetter STEMMy Awards und laut Pure Wow offenbar Missouri’s Coolest Woman.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Wie bei vielen Frauen in meinem Alter galt mein Interesse nicht der Technik, sondern der Kreativität. Technologie war einfach ein Mittel zum Zweck – also um herauszufinden, wie man Computerspiele manipuliert und dann programmatisch ausdrückt, was genau ich will. Ich habe nicht mit Programmieren angefangen, weil ich das so spannend fand, sondern um eine Website für mein Halo-2-Team zu erstellen oder meine Xanga-Seite zu aktualisieren.

Die größten Hindernisse, denen ich gegenüberstand, waren diejenigen, die ich mir aufgrund von Vorurteilen selbst aufbaute.

Als ich an die Universität kam, wusste ich, dass ich Grafikdesign mit dem Ziel studieren wollte, Creative Director zu werden. Nach meinem Abschluss war die US-Wirtschaft leider komplett am Boden und ich konnte keinen Job finden. Allerdings war ich in der Lage, freiberufliche Arbeit zu bekommen, um Webseiten zu entwerfen und zu bauen. Also musste ich mir tatsächlich das Coden beibringen, um den Ansprüchen meiner Kunden genügen zu können. Ich denke, die größten Hindernisse, denen ich gegenüberstand, waren diejenigen, die ich mir aufgrund der in der Gesellschaft verbreiteten Vorurteile selbst aufbaute: Etwa, dass ich nicht gut in Mathe sein konnte, weil ich eine Frau bin (in Wirklichkeit liebte ich Logikrätsel und war wirklich gut darin, sie zu lösen) und wenn ich zu kämpfen hatte, sollte ich einfach aufgeben, da ich wohl nicht klug genug war.

Vorbilder und Hindernisse

Meine Eltern haben mich immer unterstützt, aber sie hatten definitiv nicht das Wissen, um all die verschiedenen Möglichkeiten in der Welt der Technologie zu erkennen und mir zu zeigen. Sie wussten, dass ich gut mit Computern umgehen kann, aber sie kannten keine berufliche Laufbahn, die ich hätte einschlagen können.

In jüngeren Jahren waren meine Vorbilder Figuren aus Filmen. Ich habe mich immer mit den Hauptdarstellerinnen identifiziert, die in männerdominierten Bereichen zu tun hatten: Becky (Ice-Box) aus dem Film Kleine Giganten etwa und Julie „The Cat“ Gaffney aus Mighty Ducks II – Das Superteam kehrt zurück. Heute habe ich nicht mehr unbedingt ein Vorbild, aber ich lasse mich von all den Frauen inspirieren, die sich in dieser von Männern dominierten Technik-Branche gegenseitig helfen.

Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, können unsicher und eifersüchtig sein und nach Gründen suchen, andere für ihren fehlenden Erfolg verantwortlich zu machen. Das kann zu destruktivem und böswilligen Verhalten führen. Ich denke, ich habe es öfter erlebt, dass man versucht hat mich runterzuziehen, nachdem ich Erfolg hatte, als dass man versucht hat, mich überhaupt am Vorankommen zu hindern.

Ein Tag in Jennifers Leben

Derzeit arbeite ich bei einem kleinen Legaltech-Startup und nutze dort vorrangig Angular 2, ein JavaScript Framework. Ich hatte bereits viele verschiedene Entwickler-Jobs, aber ich denke, dass ich solche bevorzuge, bei denen ich mich einfach hinsetzen und mich auf das Schreiben von Code konzentrieren kann. Das mache ich jedenfalls lieber, als Produkt-/Geschäftsentscheidungen zu treffen oder zusätzlich zum Schreiben von funktionalem Code an Design und Benutzeroberfläche zu arbeiten.

Viele Frauen fühlen sich der Tech-Branche nicht ‚zugehörig‘.

Außerdem bin ich Leiterin einer gemeinnützigen Organisation namens Kansas City Women in Technology, bei der ich über 40 Leute betreue. Es ist schön, tagsüber Code schreiben zu können und dann nach Feierabend meine emotionale Energie einem Team zu widmen, einfach weil man dafür ganz andere Fähigkeiten braucht. Ich bin spreche zudem auf internationalen Konferenzen. Daher gibt es oft Wochen, in denen ich meine Zeit zwischen der Arbeit und dem Sprechen auf Tech-Konferenzen aufteile.

Worauf bist Du in Deiner Karriere besonders stolz?

Besonders stolz bin ich auf meine Kansas City Women in Technology. Wir haben verschiedene Programme, Programmier-Workshops, Networking-Veranstaltungen und Mentoring-Möglichkeiten ins Leben gerufen, um die Frauen in unserer Gemeinschaft zu unterstützen. Es ist fantastisch zu sehen, wie viele Frauen eine technische Laufbahn eingeschlagen und dank uns das Vertrauen haben, diesen Karriereweg weiter zu beschreiten.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der IT?

Zunächst ganz klar wegen der Gesellschaft. Wir haben diese geschlechtsspezifischen Gebilde geschaffen, die uns sagen, was für Frauen und Männer „angemessen“ ist, was sie mögen und worin sie gut sein dürfen. Und das ist unglaublich schädlich. Viele Frauen fühlen sich der Tech-Branche nicht „zugehörig“ und unternehmen nicht einmal den Versuch, sich dort zu engagieren.

Eines unserer Programme, Coding & Cupcakes, zielt darauf ab, Mädchen dazu zu bringen, Technologie und das Programmieren kennenzulernen. Allerdings haben wir eigentlich die Eltern im Auge, die denken, dass „Programmieren nichts für Mädchen“ ist. Ich halte übrigens regelmäßig einen Talk zum Thema Diversität in der Tech-Branche, die Slides dazu gibt es hier.

Ich bin mir nicht sicher, bis wann laut Expertenmeinung die Gleichberechtigung in der Tech-Industrie erreicht worden sein soll. Die Arbeit meiner Organisation konzentriert sich jedenfalls mehr auf den Einfluss, den wir bereits heute nehmen können, immer mit dem Wissen, dass wir damit behilflich sind, das Ziel langsam aber sicher zu erreichen.

Herausforderungen

Viele Frauen müssen sich anhören, nur wegen Diversity-Bemühungen der Unternehmen erfolgreich zu sein.

Zusätzlich zu den erwähnten gesellschaftlichen Problemen, also dass Frauen das Gefühl geben wird, dass sie nichts in der Technik verloren haben, gibt es eklatanten Sexismus und Leute, die sich wie die Türsteher der Tech-Branche aufführen. Das Google Manifestbro offenbarte uns, dass es tatsächlich Leute gibt, die glauben, weder Frauen noch People of color sollten in der Tech-Branche vertreten sein.

Es gibt zahlreiche Frauen in meinem Netzwerk, denen gesagt wurde, dass sie ihren Job nur aufgrund von Diversity-Bemühungen bekommen haben, also weil sie eben eine Frau sind. Auch manche Speakerin einer Tech-Konferenz musste sich so etwas schon anhören. Die Leute sprechen den „Erfolg“ von Frauen oft sogar eher erfolgreichen Diversity-Bemühungen zu, als deren Fachkompetenz.

Tipps & Tricks

Ich bin Software Engineer, die meisten meiner Ratschläge betreffen also das das Programmieren. Coden ist wie jede andere Fähigkeit, es bedarf harter Arbeit und Übung.

Viele Frauen geben das Programmieren ziemlich schnell wieder auf, weil es nicht ganz leicht ist und sie glauben, nicht gut darin zu sein, wenn es nicht sofort klappt. Ich sage ihnen dann immer, „wenn du Breakdance oder sonstwas lernst, wirst du beim ersten Versuch auch nicht gut darin sein. Es braucht viel Zeit, Mühe und Kraft, also gib nicht einfach auf.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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