Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Jeanine Banks

Women in Tech: „Es hilft nicht, präsent zu sein, ohne Präsenz zu zeigen”

Mascha Schnellbacher

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Jeanine Banks, Executive Vice President Global Products and Solutions bei Axway.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

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The Seven Habits of Diverse Communities

Außerdem wird es am Abend des 10. Mai ein BoF geben:

Diversity in IT – what can YOU do?

Wir freuen uns auf zahlreiche Besucher!

Unsere Woman in Tech: Jeanine Banks

Heute erzählt uns Jeanine Banks, Executive Vice President Global Products and Solutions bei Axway, ihre Geschichte. Jeanine ist verantwortlich für die Innovations-, Wachstums- und Marketingstrategie des an international tätigen Softwareherstellers. Bevor sie zu Axway kam, war sie sowohl für Start-Ups als auch für große Technologiekonzerne wie CA Technologies, Sterling Commerce/IBM und Canon im Produktmanagement, Vertrieb und Management tätig.

Schon in der Kindheit entwickelte sich Jeanines Interesse für die Computer-Technologie:

Mein Vater interessierte sich für Atari-Videospiele und Computer. Deshalb abonnierte er die Byte, ein Computer-Magazin, das in den späten 1970er-Jahren das Licht der Welt erblickte. Die Printausgaben lagerte er in einer Ecke in unserem Wohnzimmer. Ich war noch recht jung, doch immer wenn mir langweilig wurde, blätterte ich darin herum, erkundete die Welt der Microcomputer und erfuhr alles über das Speichern von Audio-Dateien.

Anfangs merkte ich es gar nicht, doch bald konnte ich nicht mehr genug von dieser seltsamen und doch so spannenden Welt bekommen. Eines Tages in der dritten Klasse sollte ich meine Hausaufgabe vortragen. Was soll ich sagen – ich hatte sie komplett vergessen und musste nun improvisieren! Die Frage lautete, was ich machen wollte, wenn ich groß bin. „Irgendwas mit Computern“, war meine Antwort. Und schlagartig wurde mir bewusst, wie sehr ich längst in ihren Bann gezogen war.JeanineBanks

Im College nahm mein Wunsch etwas konkretere Formen an: Ich wollte Softwareentwicklerin werden. Mein erster Job nach der Schule lehrte mich dann, dass ich zwar das Designen, Entwickeln und Vermarkten von Software wirklich mochte, nicht jedoch unbedingt das Programmieren von neun bis fünf Uhr. Heute arbeite ich im Produktmanagement und Marketing – und code nur zum Spaß am Wochenende.

In ihrem Berufsleben musste sie viele Herausforderungen meistern. Ob diese eher mit ihrer Rolle als Frau oder mit der Tech-Branche zu tun hatten, kann Jeanine nicht sagen:

In meiner Laufbahn stand ich häufig vor Herausforderungen, denen Männer sich nicht stellen müssen. Behaupten, dass mir Steine in den Weg gelegt worden sind, nur weil ich eine Frau bin, kann ich allerdings nicht. Einige der Erlebnisse könnte man zwar durchaus als schockierend bezeichnen, aber ich bin mir nicht sicher, ob diese eher mit meinem Geschlecht zusammenhängen, oder mit der Tatsache, dass ich in der Tech-Branche tätig bin. Vielleicht haben sie auch mit beidem zu tun – oder auch mit etwas völlig Anderem. Am schwersten waren die persönlichen Herausforderungen.

So wurde mir früh von allen Seiten geraten, eine Schwangerschaft auf einen Zeitpunkt zu verschieben, an dem ich fester in meinem Berufsleben stehen würde. Ich bin froh, diesen Rat nicht befolgt zu haben. Dennoch fühlte ich mich oft isoliert, wenn meine Freunde und Familie nicht verstanden, warum ich so viel auf Reisen war. Letztendlich haben mein Mann und ich aber erkannt, dass wir uns für den Lebensstil entscheiden müssen, den wir wollen. Wir können uns auch von uns nahestehenden Menschen keinen Lebensstil vorgeben lassen – selbst wenn diese Menschen die besten Absichten haben.

Das klassische Familienmodell, in dem die Frau den Großteil ihrer Zeit zu Hause verbringt, passt einfach nicht zu uns, wie es auch für viele andere Familien von heute nicht mehr passt. Unser Leben wurde einfacher und glücklicher, nachdem wir uns von den unrealistischen Erwartungen aus unserem sozialen Umfeld gelöst hatten. Wenn mich heute jemand fragt, wie es mir mit meinen vier Kindern geht, antworte ich: „Ich habe ein großartiges Support-System zu Hause und ich genieße das Leben!”

Wie wichtig ein starkes Selbstbewusstsein für Frauen in der Tech-Branche ist, zeigt Jeanine anhand eines Beispiels aus ihrer frühen Karriere:

Irgendwann zu Beginn meiner Karriere hat mich der Senior Vice President nach einem Vorstandsmeeting zur Seite genommen und gefragt, warum ich in der Sitzung so still gewesen sei, obwohl ich doch eine Menge guter Ideen hätte. Er stellte mir eine Frage, an die ich mich immer wieder selbst erinnere: „Warum willst Du in einem Führungskräfte-Meeting anwesend sein, wenn Du keine Präsenz zeigst?“

Wann immer ich heute auf dem Weg in ein Meeting bin, erinnere ich mich daran, auch wenn ich weiß, dass ich wahrscheinlich die einzige Frau im Raum sein werde. Als Frau in der männerdominierten Tech-Branche muss man sehr selbstbewusst sein, um an die Größe der eigenen Ideen zu glauben und sie auf den Tisch legen zu können.

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Women in Tech – die Umfrage

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Women in Tech – die Serie

In der Serie Women in Tech stellen sich inspirierende Frauen aus der IT-Branche vor. Zum Reinschnuppern:

Trotz der Männerdominanz bietet die Tech-Branche für Frauen viele Vorteile und Chancen, glaubt Jeanine. Und sie verrät, worin sie den größten Vorteil für sich selbst sieht:

Es werden gerade viele Debatten darüber geführt, warum Frauen in der Tech-Branche unterrepräsentiert sind. Ich habe auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Fakt ist dennoch, dass Jobs in der Tech-Branche zu den bestbezahlten Jobs überhaupt gehören. Tech-Unternehmen bieten für Mitarbeiter und auch speziell für Frauen oft Vorteile, die man anderswo lange suchen muss. Netflix zum Beispiel gewährt ein ganzes Jahr lang bezahlte Elternzeit. Salesforce ermöglicht es seinen Mitarbeitern, sechs Tage pro Jahr ehrenamtlich Gutes zu tun und legt dazu 1.000 Dollar als Spende für eine Wohltätigkeitsorganisation oben drauf. Adobe schließt sogar das ganze Unternehmen für eine Woche im Sommer und für eine weitere Woche im Dezember.

Wahrscheinlich das Wertvollste, was ich selbst durch meine Tätigkeit in der Tech-Branche erreicht habe, ist die Vorbildfunktion für meine elfjährige Tochter. Sie hat ihren eigenen YouTube-Kanal erstellt und bringt sich selbst bei, Adobe-Programme für die Videoproduktion zu benutzen. Ich kann es kaum erwarten, was sie noch alles tun wird! Ich hoffe, ihre Generation schafft es, dass viel mehr Frauen eine entscheidende Rolle in der Tech-Branche einnehmen.

Für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen wollen, hat Jeanine einen ebenso simplen wie wichtigen Tipp:

Die Tech-Branche ist extrem schnelllebig. Deshalb ist es wichtig, aufgeschlossen zu sein. Man kann leicht eine stark vereinfachte Sicht auf Tech-Karrieren bekommen, schließlich ist in den großen Schlagzeilen immer nur die Rede von den Wahnsinns-Erfolgen der Start-Ups, die binnen kürzester Zeit milliardenschwer sind und von einer App gesteuert werden. Man muss nicht unbedingt selbst so ein Unternehmen gründen.

Es gibt so viele andere Möglichkeiten: Manche Karrierewege wie Produktmanagement kann man nicht als solche ergreifen, indem man Kurse dafür an Unis belegt – die meisten Hochschulen bieten so etwas nicht an.

Darum braucht es oftmals eine Extraportion Mut und Aufgeschlossenheit, um sich in diese weniger bekannten Winkel der Tech-Branche zu wagen. In meinem Fall bin ich im Produktmanagement gelandet, bevor ich überhaupt wusste, wie es genannt wird. Produktmanager müssen extrem gut mit anderen zusammenarbeiten und einen guten Führungsstil haben, um andere zu beeinflussen und zu überzeugen, auch wenn sie nicht der Chef sind und ihr Titel eher „Spezialprojekte“ lautet.

Geschrieben von
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher studierte Buchwissenschaft und Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Juni 2015 arbeitet sie als Redakteurin in der Redaktion des Entwickler Magazins bei Software & Support Media. Zuvor war sie als Lektorin in einem Verlag sowie als freie Editorin tätig.
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