Interview mit Jane Silber, Vorsitzende von Diffblue

Women in Tech: „Junge Frauen werden von einer Karriere in der Tech-Branche abgeschreckt“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Jane Silber, Vorsitzende von Diffblue.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Jane Silber, Vorsitzende von Diffblue


Jane ist Vorsitzende von Diffblue und Vorstandsmitglied bei Canonical, nachdem sie seit 2004 Führungsrollen (unter anderem als CEO) innehatte. Bevor sie Canonical beitrat, bekleidete sie unterschiedliche Positionen im Business Development, Operations und Software Management in verschiedenen Firmen, darunter Interactive Television Company und General Dynamics C4 Systems.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

In der High-School habe ich angefangen, Coden zu lernen. Damit habe ich während des Bachelor- und Masterstudiums weitergemacht und war in der Anfangszeit meiner Karriere eine Entwicklerin. Zu Beginn habe ich nicht wirklich gemerkt, dass ich mich für Tech interessiere – es war nur etwas Neues, das ich probiert habe, zu einer Zeit in meinem Leben, als ich viel am Ausprobieren und Lernen war. Dabei entdeckte ich meine Liebe zum Programmieren. Code zu designen und zu schreiben fühlte sich für mich wie ein Puzzle an – die ultimative Kombination aus Kreativität und Problemlösung. Es machte einfach “klick” und ich schaute nicht zurück.

Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, denke ich nicht wirklich an Hindernisse.

Meine Karriere als Entwicklerin begann ich in einem Startup in den USA. Nach ein paar Jahren machte ich meinen Master und arbeitete danach in Japan, wieder als Entwicklerin. Meine erste Management-Erfahrung sammelte ich ebenfalls in Japan und habe dabei natürlich viel über Kommunikation und Teamwork gelernt. Danach verbrachte ich über acht Jahre bei einer Softwarefirma in Virginia, in meinem sogenannten „Weiterentwicklungsjob“. Die meisten Menschen haben im Laufe ihrer Karriere mindestens einen Job, in dem sie ihre Fähigkeiten und Skills weiterentwickeln und sich lukrative Aufstiegsmöglichkeiten und Karriereschritte ergeben, Jobs also, die wir für lange Zeit ausüben.

In meinem Fall fing ich als Entwicklerin an und führte am Ende das Unternehmen größtenteils – dann verkaufte ich es an eine große Blue-Chip-Unternehmensgruppe. Nach einer kurzen Pause (und einem weiteren Ausflug ins Masterstudium) landete ich in London, etwa zur Zeit der Gründung von Canonical (die Macher des Ubuntu-Betriebssystems). Ich war angesichts der Vision von Ubuntu sehr freudig gespannt und trat gerne als Chief Operating Officer bei. Das führte dazu, dass ich nach sieben Jahren die Zügel als Chief Executive Officer in die Hand nahm – eine Position, die ich die nächsten sieben Jahre behalten sollte.

Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, denke ich nicht wirklich an Hindernisse. Jeder begegnet fordernden Situationen – schwierigen Managern, begrenztem Raum zur Entfaltung usw. Ich denke, der Schlüssel liegt darin, herauszufinden, was für einen selbst funktioniert; welche Hindernisse gelöst werden können und wann es an der Zeit ist, weiterzuziehen. Ich war oft dazu in der Lage, Aufstiegsmöglichkeiten zu kreieren oder zu finden – regelmäßig wechselte ich die Rolle, aber nicht die Firma, und ich blieb recht lange bei jedem Arbeitgeber. Und wenn ich doch die Firma wechsele, dann sind es meist große Veränderungen – in ein anderes Land, in eine andere Domäne, Privatsektor vs. Wissenschaft etc. Diese großen Veränderungen können schwieriger zu organisieren sein, aber ich wusste, dass mir kleine schrittweise Änderungen nicht die Art von belebender Herausforderung bieten würden, nach denen ich suchte.

Hat jemand versucht, dich daran zu hindern, in deiner Karriere voranzukommen?

Nein. Vielmehr habe ich mit Menschen gearbeitet, die mich auf der Suche nach neuen Herausforderungen, beim Lernen und beim beruflichen Vorwärtskommen unterstützt haben. Ich bin mir der Hindernisse bewusst, mit denen viele Frauen auf ihrem Berufsweg konfrontiert werden. Aber ich halte es für wichtig, insbesonderen jungen Frauen zu vermitteln, dass dies keine Erfahrungen sind, die sie zwangsläufig machen müssen.

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Ein Tag in Janes Leben

Ich arbeite in Teilzeit als Vorsitzende von dem Startup Diffblue, das AI-basierte Entwicklertools herstellt. Die Diffblue-Software kann eigenständing Unit-Tests für euren Code schreiben und dabei helfen, Sicherheitslücken zu finden und zu schließen und noch mehr – es ist ein großartiges Produkt.

Die Firma Diffblue wurde nach vorangehender jahrelanger Entwicklung an der Oxford University aus der Taufe gehoben und ist daher voller talentierter Leute. Es ist sehr aufregend, Teil davon zu sein. Ich bin auch als CEO-Beraterin bei einer anderen Firma für Entwicklertools und als Non-Executive Director (NED) bei einigen anderen Firmen tätig. Jeder Tag ist anders, und ich liebe diese Abwechslung!

Ich bin stolz auf die Entscheidungen, die ich getroffen habe, und auf die Risiken, die ich eingegangen bin.

Ich bin stolz auf die Entscheidungen, die ich getroffen habe, und auf die Risiken, die ich eingegangen bin. Ich bin dazu gewillt, mich in unbekanntes Terrain zu wagen, was einen Länderwechsel (USA, Japan, UK), einen Branchenwechsel (Gesundheitswesen, Verteidigung, IT-Infrastruktur, Entwicklertools) und generelles berufliches Weiterkommen angeht. Es ist nicht immer bequem, aber es ist immer lehrreich, aufregend und im Endeffekt lohnenswert. Ich glaube, dass meine Aufstiegsmöglichkeiten und mein Erfolg aus dem Selbstvertrauen resultieren, es einfach zu versuchen.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Das ist ein komplexes Problem mit wenigen einfachen Antworten. Kleine Kinder werden schon ab einem frühen Alter mit Genderstereotypen bombardiert, was Spielzeug und Kleidung angeht. In der Schule wählen Mädchen Mathe und Naturwissenschaften in einem jungen Alter ab, obwohl sie eine bessere Leistung an den Tag legen. In der Wirtschaft sind Firmen mit einer höheren Diversität erfolgreicher. Frauen, die sich doch zu einer Tech-Karriere entschließen, verlassen die Branche viel häufiger als Männer, was meist an den Problemen in der Arbeitskultur liegt.

Junge Frauen werden von einer Karriere in der Tech-Branche abgeschreckt.

Junge Frauen werden von einer Karriere in der Tech-Branche abgeschreckt, weil von den vorangehenden Problemen berichtet wird. Ich habe kein Patentrezept für eine einfache Lösung – Ich wünschte, ich hätte eines! Wir müssen scheibchenweise die systemischen und kulturellen Probleme abtragen, durch die alle diese Entwicklungen befördert werden.

Hindernisse

Women in Tech stehen den gleichen Schwierigkeiten gegenüber, die Frauen in unserer Gesellschaft generell haben. Ich glaube nicht, dass Menschen im Tech-Bereich besser oder schlechter sind als in anderen Branchen. Unglücklicherweise bedeutet das, dass es Probleme gibt: in der Sprache, der Einstellung, den Handlungen, der unterschiedlichen Bezahlung und in den Aufstiegsmöglichkeiten. „Sonnenlicht ist das beste Desinfektionsmittel“, sagt man. Diese Dinge zu beleuchten, wird dabei helfen, uns langsam in eine gerechtere Position zu bringen.

Die Diversitätsdebatte gewinnt an Aufwind. Wie lange wird es dauern, bis man Erfolge sieht?

Es passieren schon jetzt Veränderungen. Manchmal fühlt es sich an wie ein Szenario nach dem Motto „zwei Schritte vor, einer zurück“, aber die größere Bewusstheit im Umgang mit Diversitäts- und Inklusionsprioritäten, konstruktive Debatten zu den Problematiken, die Zunahme von positiven Rollenvorbildern, die Partizipation von Männern bezüglich der Thematik usw. haben alle eine Auswirkung. Ich bin optimistisch, dass wir uns weiterhin in diese Richtung bewegen werden.

Tipps & Tricks

Mir ist es wichtig, Frauen wissen zu lassen, dass sie eine sehr erfüllende, Spaß bringende und lohnenswerte Karriere im Tech-Bereich haben können. Die Geschichten von ungeheuerlich schlechtem Verhalten ziehen berechtigterweise das Interesse auf sich und wir sollten uns alle darum sorgen, mit welcher Häufigkeit sie geschehen. Aber ihr braucht euch keinen Schutzpanzer anzuziehen und euch für die Schlacht zu wappnen – es gibt günstige Gelegenheiten zum Lernen und für positive Leistungen sowie hilfreiche Kollegen, die einen unterstützen. So stellen sich Erfolg und ehrliche Freude an der Tech-Welt irgendwann bestimmt ein.

Findet etwas, das euch Spaß macht, und los geht’s!

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc war Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor ihrem Engagement bei S&S Media studierte sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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