Interview mit Ix-chel Ruiz, Senior Software Developer bei Canoo Engineering

Women in Tech: „Diversität und Innovationspotential korrelieren positiv miteinander“

Dominik Mohilo

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Ix-chel Ruiz, Senior Software Developer bei Canoo Engineering.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Ix-chel Ruiz

Ix-chel Ruiz entwickelt bereits seit dem Jahr 2000 Software-Anwendungen und Tools. Besonders interessiert sie sich für die Themenbereiche Java, dynamische Sprachen, Client-seitige Technologien und Testing. Sie ist eine eifrige Reisende, ein Java Champion, eine Open-Source-Enthusiastin, Speakerin auf vielen Konferenzen und Mentorin.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Das fing wohl da an, wo die meisten ausgeprägten Leidenschaften beginnen: Zu Hause. Beeinflusst und inspiriert wurde ich zum Beispiel durch meinen Vater, einen Elektroniker und Kommunikationstechniker, der einfach jedes Gerät auseinandernehmen und reparieren konnte. Diese Fähigkeit hat mich gleichermaßen fasziniert und verwirrt, aber er war ein sehr geduldiger Lehrer, Mentor und Trainer. Er brachte mir die Fähigkeit bei, eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie Dinge funktionieren und wie sie funktionieren sollten.

Später, als ich auf der High School war, hatte ich das unbeschreibliche Glück, im Rahmen eines Stipendiums in einem der modernsten Computer-Zentren Lateinamerikas arbeiten zu dürfen. Damals musste ich mich entscheiden, ob ich lieber Motherboards, Prozessoren und integrierte Schaltkreise designen oder mit Computern selbst arbeiten wolle. Am Ende lief es darauf hinaus, dass ich beides tat.

Mein erstes Vorbild war also mein Vater, aber ich wurde auch von meinen Lehrern, manche davon Frauen, die in ihrem Feld sehr engagiert sind, inspiriert.

Unvermeidbare Hindernisse

Während meiner College-Zeit bin ich mit einigen Vorurteilen konfrontiert worden, es gab zum Beispiel nicht genug Frauen in den Kursen, die ich wählte. Manche Lehrer und Studenten waren daher immer skeptisch gegenüber den Fähigkeiten, der Leistung und sogar der Intelligenz der wenigen Frauen, die diesen Pfad gewählt haben. Allerdings muss ich zugeben, dass die größten Hindernisse erst in den letzten Jahren aufgetaucht sind. Daraus schließe ich, dass sie proportional mit der Verantwortung und dem erreichen wichtigerer Rollen zunehmen.

Hat dir jemals jemand in deinem beruflichen Leben Steine in den Weg gelegt?

Diese Frage muss ich leider mit einem klaren „Ja“ beantworten. Manche Kollegen und Vorgesetzte unangemessene Ideen bzw. Erfolge. Ich habe mehr als einmal erlebt, wie eine Idee ausschließlich wegen dem Geschlecht oder der Persönlichkeit dahinter abgelehnt wurden. Man beurteilte dabei nicht anhand der Erfahrung, dem Wissen oder dem Wert bzw. der Effizienz der Idee. Auch Vorschläge oder Kommentare werden in Meetings oft einfach übergangen.

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Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Vor drei oder vier Jahren war ich auf einem gesellschaftlichen Zusammenkommen im Zuge der JavaOne und sprach dort mit den Organisatoren der QCon in Brasilien. Einer von ihnen sprach davon, dass sie aktiv nach Speakerinnen suchten, denn „wir alle brauchen Vorbilder“. Er fand es schrecklich, dass seine Kolleginnen nicht genug Beachtung bekamen und wollte einfach, dass weitere Erfolgsgeschichten präsentiert würden.

Zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht in irgendeinem Rampenlicht. Ich arbeitete im Hintergrund und obwohl mich in der Branche viele Leute bereits kannten, wussten die wenigsten, dass ich tatsächlich eine Softwareentwicklerin bin. Ich hatte das Glück die Unterstützung von Andres Almiray und Kirk Pepperdine zu haben. Sie halfen mir nicht nur dabei, einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erlangen, sondern haben mich auch dazu ermutigt, meine Erfahrung und mein Wissen zu teilen. So kam ich dazu, nicht mehr nur bei UnConferences zu spechen, sondern auch auf internationalen Konferenzen.

Herausforderungen

So wie ich das sehe, gibt es zwei ganz besondere Herausforderungen, denen sich gerade Frauen in der Tech-Branche stellen müssen. Zum einen das sogenannte Blendersyndrom (Imposter Syndrome) und die Doppelbindungstheorie (Double Bind).

Hochstapler-Syndrom

Trotz offensichtlicher Beweise für ihre Fähigkeiten sind Betroffene davon überzeugt, dass sie sich ihren Erfolg erschlichen und diesen nicht verdient haben. Von anderen als Erfolge angesehene Leistungen werden von den Betroffenen mit Glück, Zufall oder mit der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten durch andere erklärt.

Quelle: Wikipedia

Doppelbindungstheorie

„Die Rolle der Frau basiert stereotypisch darauf, dass Frauen nett, freundlich und mitfühlend sind“, sagt Sozialpsychologin Alice Eagly. Im Gegensatz dazu erwarte man, so Eagly, „von Personen in einer Führungsrolle die Dinge forsch voranzuschreiten und zumindest ab und zu Härte zu zeigen, kritische Entscheidungen zu treffen, durchsetzungsfähig das Unternehmen voranzutreiben und sogar Leute herauszuwerfen usw.“

Was wird also von Frauen erwartet? Sollen sie nett und freundlich sein, wie der Stereotyp es verlangt? Oder lieber doch hart und entscheidungsfreudig, wie es der Stereotyp von Führungspersönlichkeiten erwartet? Man kann sich offenbar nur zwischen freundlich und schwach oder kompetent und ungeliebt entscheiden.

Quelle: npr

Sähe die Welt mit mehr Frauen in MINT-Berufen anders aus?

In meinem neuesten Talk „One size fits all?! Not really!“ spreche ich über Diversität. Es gibt dazu auch eine Studie aus der Zusammenarbeit zwischen der Boston Consulting Group und der Technischen Universität München mit dem Namen „The mix that matters“. Darin wird klar aufgezeigt, dass Geschlechtsdiversität und Innovationspotential positiv korrelieren, während in homogenen Teams – unabhängig vom hohen Grad akademischen Wissens der Mitglieder – Ideen oft redundant sind. Innovation benötigt also einen größeren Pool an Wissen, Erfahrung und Fähigkeit, was durch gemischtere Teams recht einfach erreicht werden kann. Natürlich gibt es auch dabei Herausforderungen, aber eben auch Wachstumspotential und weitere Vorteile, die den Aufwand mehr als ausgleichen.

Wie lange wird es noch dauern, bis die Diskussionen über Diversität endlich Früchte tragen?

Ich bin der Meinung, dass man die Resultate bereits heute sehen kann! Was wir jetzt brauchen, ist die kritische Masse. Außerdem müssen wir die Aufmerksamkeit auf die Vorteile und Herausforderungen einer diverseren Tech-Branche lenken. Ein besseres Verständnis für unsere Persönlichkeiten, Überzeugungen und Vorurteile könnte uns dabei helfen, unsere eigene Perspektive ein wenig zu erweitern. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns durch die Wertschätzung von Unterschieden und den Aufbau von Vertrauen innerhalb von physiologisch sicheren Umgebungen ein erfolgreicheres und ausgeglicheneres Leben aufbauen können.

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Tipps & Tricks

Niemals aufgeben! Die Tech-Branche ist spaßig. Sie ist zudem voller Rätsel, Herausforderungen und Möglichkeiten zum Lernen. Wir brauchen euch!

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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