Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Heather Kirksey

Women in Tech: Man kann die Herausforderungen auch zu seinem Vorteil nutzen

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Heather Kirksey, Vice President bei NFV, Linux Foundation und Director der OPNFV.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Heather Kirksey

Als Director der OPNV arbietet Heather Kirksey mit der Community an der Weiterentwicklung und der Implementierung der Open-Source-Plattform NFV. Sie ist für alle Aspekte des Projekts verantwortlich, von der Technik über die Community bis zum Marketing und den Berichten an den Vorstand von OPNV. Bevor sie zur Linux Foundation kam, hat Heather strategische Technologieallianzen für MongoDB geschmiedet. Während ihrer Karriere hatte sie verschiedene Führungspositionen in der Telekommunikationsbranche inne. Sie hat ein Partnerprogramm bei CPE geleitet, Solutions Marketing für die IP-Division von Alcatel-Lucent durchgeführt und war an unzähligen Standardisierungsaktivitäten beteiligt. Sie hat einen Abschluss in Englischer Literatur der Universität von Texas.

Als Kind war Heather vom Weltraum und Astronomie fasziniert und plante eigentlich eine Karriere in der Forschung. Als sie feststellte, dass das doch nicht zu ihr passt, kam der Dot.com-Boom. Sie hatte viele Freunde und Bekannte, die in der Softwarebranche arbeiteten und erkannte wie dynamisch, cutting-edge und voller schlauer Menschen diese Industrie war. Daran wollte sie teilhaben. Die allgemeine Aufregung um die Tech-Branche wuchs stetig, also sprang sie mitten rein.

Als die Dotcom-Blase kam musste ich mich entscheiden: Bleibe ich und sehe die Blase als Anomalie? Oder ist meine Zeit in der Tech-Branche nur ein kurzes Intermezzo?

Ich blieb. Es kam eine Position bei einem Telekommunikations-Software-Start-up als Manager eines Partnerprogramms für Heimgeräte. Ich habe schnell erkannt, dass es nötig ist, all die verschiedenen Geräte von verschiedenen Anbietern einheitlich zu integrieren, um ein vernünftiges Partnerprogramm zu haben. Das hat mich zur Standardisierung in der Telekommunikationsbranche gebracht. Zu dieser Zeit wuchsen die Anzahl der privaten Breitbandanbindungen, und auch wenn Geräte noch lange nicht so vernetzt waren wie heute, wurden Heimnetzwerke immer mehr Wirklichkeit und wir begannen zu verstehen, was Konnektivität für unser tägliches Leben bedeuten kann. Und die Macht der Konnektivität war ziemlich überzeugend. Ich hatte sowohl Spaß an der Nerdigkeit wie Netzwerke aus einer technischen Sicht funktionieren aus als auch an der Anwendung und der UI-Ebene dieser Verbindung mit anderen quer über den Globus – mit der Macht des Internets.

„Und was machst du eigentlich in dem Projekt?“ *herablassend*

Die meisten Probleme, denen ich begegnet bin, bestanden vor allem aus beiläufigem Sexismus und unbewussten Vorurteilen. Zum Beispiel gingen Menschen davon aus, dass ich nicht in der führenden Stellung arbeite, in der ich war, oder dass ich nicht über das Wissen oder den Hintergrund verfüge. Niemand hat versucht mich von irgendetwas abzuhalten, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich als Frau im Raum immer wieder neu beweisen muss.

Ich habe mitbekommen, dass Männer sich selbst und ihre Annahmen ändern mussten, wenn sich mich das erste Mal getroffen haben und erkannten, dass ich die Führungsrolle inne habe. Ich habe mehr als einmal die Frage „Und was machst du eigentlich in dem Projekt?“ in einem herablassenden Ton gestellt bekommen.

Ein Tag in Heathers Leben

Ich leite das Open-Platform-for-Network-Virtualization-Projekt (OPNFV). Das ist ein Open-Source-Projekt zur Förderung von NFV-Deployments. Es ist ein kollaboratives Projekt unter dem Dach der Linux Foundation, dass sich auf Netzwerke der nächste Generation fokussiert.

Ich habe eigentlich keinen typischen Tagesablauf.  Es ist eine Mischung zwischen der Zusammenarbeit mit der Community, Eventorganisation, auf Events sprechen, evangelisieren, mit Mitgliedern des Vorstands zusammenarbeiten, Menschen für die Projekte rekrutieren und größeren strategischen Dingen, wie dem Verständnis was wir technisch machen und wie dies den Markt beeinflusst, sowie Hindernisse zu erkennen und zu beseitigen. Ich suche außerdem Swag aus, brainstorme wie die Wände von einem Stand aussehen sollen oder wie ich meine Slides für einen Vortrag anordne. Manchmal ist es das große Ganze, manchmal die kleinen Kleinigkeiten.

Ich bin vielen Hindernisse begegnet, hauptsächlich weil Telekommunikation nicht mein Schwerpunkt während meiner Ausbildung war. Ich habe einen Abschluss in Englischer Literatur und einen Master in Feminismustheorie. Ich musste Dinge in Echtzeit lernen – Technik, Branche, Ökosystem – und musste genug lernen, um Glaubwürdigkeit zu erlangen und gute Entscheidungen zu treffen. Zusätzlich zu all diesen Dingen kamen dann oft die Falschannahmen aufgrund meines Geschlechts.

„Sexismus ist lebendig und wohlauf in der Tech-Branche“

Eine homogene Gruppe bewahrt Homogenität. Zum Beispiel beim Recruiting: Tech-Unternehmen tendieren dazu aus Quellen zu rekrutieren, in denen Frauen, Minderheiten und Menschen, die aus ärmeren Verhältnissen stammen, nicht vorkommen. Menschen neigen außerdem dazu, Menschen einzustellen, die wie sie sind. Nicht nur, was das Aussehen anbelangt, sondern auch was den Werdegang, die Ansichten und die Erfahrungen betrifft. Ich bin ein gutes Beispiel für jemanden, der in die Tech-Branche hineingeplumpst ist. Ich habe einen Abschluss in Feminismustheorie, nicht Computerwissenschaften, und ich wurde nicht im Silicon Valley groß.

Es gibt kein bewussten Bemühungen Frauen aus der Tech-Branche herauszuhalten

Sexismus ist lebendig und wohlauf in der Tech-Branche. Als Frau ist es ermüdend. Für viele ist es deswegen vielleicht die vernünftigere Entscheidung, die Branche nach einigen schlechten Erfahrungen zu verlassen. Die Anzahl der Frauen, die Abschlüsse in MINT-Fächern machen, steigen. Laut dem National Girls Collaborative Project gingen 2013 50 Prozent alle STEM-Abschlüsse in Amerika an Frauen. Aber die Zahl der Frauen im MINT-Positionen liegt bei 29 Prozent und nur 25 Prozent dieser Frauen arbeiten in Bereichen der Computerwissenschaften. Außerdem sieht man, dass viele Frauen Probleme haben nach einer Kinderpause wieder einen Job zu bekommen.

Der Weg zum Erfolg ist mit Herausforderungen gepflastert

Unbewusste Vorurteile sind ein großes Hindernis. Männer sind nicht zwangsläufig der Feind. Es gibt keine bewussten Bemühungen Frauen aus der Tech-Branche fernzuhalten. Aber die Dinge sind ziemlich festgefahren und es braucht einen großes Stück Selbsterkenntnis dies zu erkennen. Die Realität sieht so aus, dass man Frauen ausschließt, wenn man kein bewusste Entscheidung trifft sie zu integrieren.

Ein weiteres Hindernis ist auch die Atmosphäre einer Studentenverbindung, die viele Unternehmen kultivieren – vor allem bei Start-ups. Die Kultur eines Studentenwohnheims als Unternehmenskultur zu replizieren hilft weder Frauen, noch anderen Minderheiten, oder anderen, die ernsthaft versuchen erwachsene Führungsfiguren zu sein.

Es gibt eine Bewegung, die versucht STEM (Anm. d. Red: Science, Technology, Engineering, Mathematics, Synonym zum deutschen MINT) in STEAM umzubennen, wobei das A für Arts (Kunst) steht. Die Begründung dahinter ist, dass es viel zu sehr um den Kampf Geisteswissenschaften gegen Wissenschaften und Technik geht. Es sollte viel mehr Überschneidungen geben. Zum Beispiel kann das Produktdesign davon profitieren, wenn man mehr designorientierte Talente miteinbezieht. Es wurde gezeigt, dass ein größere Diversität an Sichtweisen, die verschiedene Lebenserfahrungen und – perspektiven von Menschen unterschiedlichen sozioökonomisch Werdegängen umfasst, gut für den Reingewinn eines Unternehmens ist.

Tipps und Tricks für eine Karriere in der Tech-Branche

Als aller erstes: In der Tech-Branche zu arbeiten macht Spaß, es ist aufregend und dynamisch. Aber man muss wissen, dass es nicht perfekt ist. Und als Frau wird man Sexismus und Vorurteilen begegnen. Das kann man nicht ändern, nur weil man besonders leidenschaftlich ist.

Es gibt eine große Anzahl an Wegen und Möglichkeiten in der Tech-Branche abseits vom Programmieren. Eventuell ist nicht jedem bewusst, dass dies auch Spaß machen kann, interessant ist und cool. Es gibt Dinge, die weit jenseits des traditionellen Marketings gehen, wenn man versuchen will die männlich geprägte Kultur der Programmierer zu meiden, die oft bei Programmierjobs vorherrscht. Dinge wie Technologiemarketing können Orte sein, an denen man Programmier-Skills  und andere technisch-orientierte Dinge einbringen kann.

Man kann außerdem die Herausforderungen auch zu seinem Vorteil nutzen. Weil die Möglichkeit, komplett hineinzupassen wegfällt, kann man ganz man selbst sein. Das ist eine Chance herauszustechen und so sichtbar zu machen, was mach tut. Man schaue sich nur die Tech-Konferenzen an. Man sieht wenige Frauen, aber man sieht viele mit blauen Haaren oder abgefahrener Kleidung. Als Frau in der Tech-Branche hat man die Freiheit über die Stränge zu schlagen und seinen eigenen Weg zu bahnen. Das kann sehr befreiend sein.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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