Interview mit Erica Tanti, Software-Engineer bei Ixaris Solutions Ltd.

Women in Tech: „Alle denken, dass Gleichberechtigung bereits existiert und das ist ein großes Problem“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Erica Tanti, Software- Engineer bei Ixaris Solutions Ltd. und Speakerin auf der JAX London 2018.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Erica Tanti

Erica Tanti ist Software Engineer bei einem Fintech-Unternehmen auf Malta. Außerdem ist sie Kommiteemitglied des Malta Toastmaster Clubs, was ihr die Türen für eine Reihe weiterer Engagements von Vorträgen eröffnet hat. Das Highlight in dem Zusammenhang war die Vertretung Maltas beim JPC Puplic Speaking European Comitee in Basel war.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich war auf der Stelle begeistert vom Coden und erzählte allen, dass ich Programmiererin werden wolle, wenn ich erwachsen sein würde.

Als ich noch ein Kind war, liebte ich es, Videospiele auf dem Commodore 64 meines Vaters zu spielen. Allerdings habe ich Computer während meiner Kindheit nur als etwas betrachtet, das Anwendungen enthält, die ich nutzen kann. Als ich 14 Jahre alt war, entschied ich mich im Sommer, mein Computerlehrbuch zur Hand zu nehmen und das Coden zu lernen – noch bevor der Programmierunterricht in der Schule begann. Ich war auf der Stelle begeistert davon und erzählte allen, dass ich Programmiererin werden wolle, wenn ich erwachsen sein würde. Sie sagten mir, dass ich meine Meinung vielleicht ändern würde, wenn ich älter werde, aber ich bin seitdem dabei geblieben.

Von diesem Moment an arbeitete ich zunächst auf meinen Bachelor-Abschluss, dann auf meinen Master in Informatik an der Universität von Malta hin. Während meines B.Sc. absolvierte ich ein Praktikum bei Ixaris, einem Fintech-Unternehmen mit Sitz in Malta, seitdem arbeite ich auch dort.

Vorbilder und Hindernisse

Meine Familie war immer sehr unterstützend und ich hatte auch eine ebenso hilfsbereite Informatiklehrerin, Frau Pam, die immer dazu bereit war, mir meine Tausend Fragen zu beantworten und stets da war, um zu helfen. Wenn es um meine Vorbilder geht, kann ich mich noch sehr genau an einen Artikel über Ada Loveless erinnern, den ich damals zum ersten Mal las. Ich erinnere mich daran, dass ich sehr überrascht davon war, dass der „erste Computerprogrammierer“ eine Frau war. Zuvor hatte ich immer nur von Männern gehört und wie diese die Pionierarbeit in der Computerindustrie leisten. Jetzt, da ich mehr über die Geschichte der Softwareentwicklung weiß, wird mir die Ironie dieser Aussage bewusst, aber damals hatte ich einfach keine Ahnung davon.

Ich erinnere mich daran, dass ich sehr überrascht davon war, dass der erste Programmierer eine Frau war.

Was die Hindernisse betrifft, so habe ich Anfang des Jahres an einem Career Day für junge Mädchen teilgenommen, dessen Schwerpunkt auf MINT-Karrieren lag, und dort auch gesprochen. Auf diesem Career Day fand eine Podiumsdiskussion statt (an der ich nicht teilnahm), in der etliche Frauen darüber sprachen, welche Erfahrungen sie als Frauen in der MINT-Industrie gemacht hatten. Ich war, angesichts der etlichen Geschichten über die schwierigen Situationen, die diese Frauen aufgrund ihres Geschlechts erleben mussten, entsetzt. Ich habe zum Glück keine solche Geschichte selbst erleben müssen. Mir ist bewusst, dass ich mich in einer sehr privilegierten Position befinde, da ich es so leicht in der Tech-Branche gehabt habe. Dennoch ist es mir wichtig, meine Geschichte so zu erzählen, wie sie stattfand. Ich denke, wenn ich eine der Besucherinnen auf diesem Career Day gewesen wäre, hätte ich mich eher entmutigt als begeistert gefühlt. Also hoffe ich, dass meine Geschichte, die „eigentlich nicht so schlimm“ war, anderen Menschen Hoffnung macht, dass eine MINT-Karriere nicht zwangsläufig voller Hindernisse sein muss.

Ein Tag in Ericas Leben

Ich bin derzeit Software Engineer für Ixaris, ein Unternehmen für Business-to-Business-Zahlungslösungen und arbeite in dessen Büros auf Malta. Ich arbeite bei Ixaris an einer Vielzahl von Technologien und Systemen, vom Frontend bis tief in unsere Transaktions-Engine.

An einem typischen Tag baue ich mit meinem Team neue Features. Dabei gehen wir entweder jeder individuell vor, oder arbeiten nach dem Pair-Programming-Prinzip zusammen. Sollten mal keine neuen Features auf der Tagesordnung stehen, arbeite ich an Dingen wie der Verbesserung oder Performance oder der Code-Qualität. Außerdem organisiere ich auch wöchentlich technische Vorträge, die es jedem ermöglichen, neues und spannendes Wissen auszutauschen.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der IT?

Das ist eine wirklich schwierige Frage für eine Frau wie mich, die selbst in der Tech-Branche tätig ist, schon immer ein Fan von Technik war und unbedingt ein Teil dieser Welt sein wollte. Ich denke, dass das ursprüngliche Problem ist, dass junge Mädchen (und deren Eltern, Lehrer etc.) die Tech-Branche aufgrund von vorherrschenden Stereotypen nicht als etwas identifizieren, das gut zu ihnen passen würde. Ich kann ehrlich gesagt an einer Hand abzählen, wann sich Menschen negativ darüber ausgelassen haben, dass ich ein Software Engineer bin. In der Tech-Industrie habe ich eine hilfsbereite Community gefunden, die an meine Fähigkeiten glaubt (manchmal mal sogar mehr, als ich es tue) und mich dazu antreibt, von Jahr zu Jahr zu wachsen und besser zu werden.

Ich war, angesichts der etlichen Geschichten über die schwierigen Situationen, die manche Frauen erleben mussten, entsetzt.

Ich denke, das größte Problem derzeit ist die Annahme, Gleichberechtigung sei bereits gegeben. Der Umstand, dass wir in den letzten Jahrzehnten so weit gekommen sind, negiert nicht die Tatsache, dass die Gleichberechtigung immer noch nicht erreicht ist. Ja, es mag vielleicht in Europa so sein, dass Mädchen die gleichen Chancen auf Bildung haben und die Frauen in der Arbeitswelt besser behandelt werden. Trotzdem sind Frauen immer noch unterrepräsentiert, in MINT- sowie Führungspositionen und wir müssen aktiv dabei helfen, das zu ändern. Das ist keine Angelegenheit, die sich nachts auf magische Art und Weise von selbst lösen wird, ohne dass wir dafür einen Finger rühren müssten. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich das erklären musste.

Die Vorteile von Diversität

Ich glaube daran, dass MINT-Berufe im Allgemeinen und die Softwareentwicklung im Speziellen die Zukunft sind. Aus diesem Grund glaube ich auch, dass eine gleichberechtigte Repräsentation von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen in MINT-Berufen ebenso von entscheidender Bedeutung ist, wie deren Repräsentation in der Politik. Das Wissen darüber, wie man mit Computern und Code umgeht, verleiht Entwickelern und Entwicklerinnen eine gewisse Macht, die sich in Zukunft vermutlich sogar noch vergrößern wird. Vielleicht hört sich das übertrieben an. Wem das so vorkommt, dem empfehle ich folgenden Artikel, dem ich zu weiten Teilen zustimme.

Der Wandel ist langsam. Ich weiß nicht, wann wir Ergebnisse sehen werden, aber ich weiß, dass wir noch nicht dort angekommen sind, wo wir hinsollten. Das gilt auch für die nächste Generation, obwohl diese sicher ein geschärftes Bewusstsein haben wird, wenn es um die Bedeutung von MINT geht. Ich sage das mit dem Wissen aus meinen Teilnahmen der Career Days für 16- bis 18-Jährige, bei denen die Verteilung von Jungs und Mädchen ebenfalls noch weit von einer gewissen Ausgeglichenheit entfernt ist.

Tipps und Tricks

Schade niemanden, aber lass dir nichts gefallen

Wer gerade am Anfang steht: Es gibt viele Karrieremöglichkeiten in der Tech-Branche, macht euch also all eurer Möglichkeiten bewusst und schaut, was für euch interessant klingt! Wenn ihr Interesse daran habt, Software Engineer zu werden, dann solltet ihr mit dem Coden anfangen. Praxis ist der Schlüssel!

Wer schon in der Branche ist: Mein Motto lautet: „Schade niemanden, aber lass dir nichts gefallen“. Man muss nicht außergewöhnlich sein, um als Frau in der Tech-Branche Fuß zu fassen und lasst euch da von niemandem etwas anderes sagen. Manchmal leide ich an einem Hochstaplersyndrom. Dem steuere ich dann dadurch entgegen, indem ich mich dazu zwinge, Dinge auszuprobieren. Ich glaube, dass es diese Technik ist, die die Tür für viele Möglichkeiten öffnet.

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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