Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Lucie Kaffee und Charlie Kritschmar

Women in Tech: „Zusammen die Welt mit einem Stück Software verbessern“

Mascha Schnellbacher

© S&S Media

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Lucie Kaffee, Softwareentwicklerin, und Charlie Kritschmar, UX-erin.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Women_in_Tech_Aufmacher_900x450_farbe1_superweib-900x450Diversity in Tech

Women in Tech – die Umfrage

Wie steht es um die Diversität in Ihrem Unternehmen? Machen Sie mit bei der großen Umfrage (mitmachen können alle):


Women in Tech – die Serie

In der Serie Women in Tech stellen sich inspirierende Frauen aus der IT-Branche vor. Bisher erschienen:

Unsere Women in Tech: Lucie Kaffee & Charlie Kritschmar

Heute erzählen uns Lucie Kaffee und Charlie Kritschmar ihre Geschichte. Charlie arbeitet derzeit im UX-Bereich bei Wikimedia Deutschland e. V. und Lucie ist als Softwareentwicklerin an der University of Southampton tätig. Wie sie dazu kamen, erzählen sie am besten direkt selbst.

In der ersten Woche unseres Studiums saßen wir zusammen in einem Kurs und lösten die Hausaufgaben des Informatikkurses, anstatt der Professorin zuzuhören. Sie ermahnte uns nicht, sondern prophezeite uns, dass wir noch viele Jahre befreundet sein würden. In der ersten Woche einer Freundschaft eher awkward, sollte sie doch recht behalten.

Heute, fünf Jahre später, hat sich viel verändert, nur eines nicht: Der ständige Austausch von Ideen und möglichen Projekten – nur mittlerweile via IRC und nicht mehr während eines Unikurses.


Das neueste Projekt von Lucie und Charlie ist dataduet.net. Es repräsentiert ihre Interessen und ihren Wunsch, Wissen für jeden Menschen zugänglich zu machen. Charlie arbeitet im Bereich User Experience Design und Research – vor allem im Bereich der Webentwicklung. Lucie entwickelt Software, vor allem im Backend, und forscht zum Thema Semantic Web.

dataduet.net ist ein Projekt zur Visualisierung frei zugänglicher Daten und befindet sich im Moment im Aufbau. Daneben gestalten die beiden zusammen zahlreiche andere Dinge. phones.dontgrowontre.es ist eins davon. Ziel ist es, einen bewussteren Umgang mit Technologien zu fördern und den Produktionszyklus eines Mobiltelefons offen zu legen.

Der Gedanke, Wissen für jeden Menschen zugänglich zu machen, war immer ein wichtiger Antrieb und so arbeiteten sie zusammen an einer der größten zehn Webseiten der Welt, Wikipedia. Bei Wikimedia Deutschland e. V., der deutschen Organisation hinter dem Projekt, arbeiteten die beiden an Wikidata, der Wissensdatenbank der Wikimedia-Projekte; Charlie weiterhin im UX-Bereich und Lucie als Softwareentwicklerin. Lucie ist mittlerweile an der University of Southampton als Doktorandin im Projekt WDAqua tätig, das sich mit Question Answering mit Webdaten beschäftigt.

Obwohl ihre Wege sehr ähnlich verliefen, sind Charlie und Lucie zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf ihre Liebe zur Technologie gestoßen:

Charlie: Ich war schon immer recht technikaffin, da ich von klein auf immer die alten Rechner meines Vaters bekam und so schon früh Kontakt zu Computern hatte. Er hat mir immer alles recht technisch erklärt und mir nichts abgenommen, sondern versucht, mich alles selber machen zu lassen. Damals kam mir das nicht wirklich nennenswert vor, aber je älter ich wurde, desto mehr merkte ich, dass mir der Umgang mit Technik oftmals leichter fiel als vielen meiner Freunde.

Lucie: Ich habe erst viel später angefangen, mich mit Technologie tiefergehend auseinanderzusetzen. Vermutlich hat der Kontakt zu dem Thema einfach gefehlt. Computer existierten für mich nur als Gebrauchsgegenstände. Trotzdem habe ich aber damals schon die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten erkannt und auch bemerkt, wie man die verschiedenen Hilfsmittel auch bereichsübergreifend verwenden kann.

LucieCharlie

Lucie (links) und Charlie (rechts)

Der erste professionelle Kontakt mit Tech entstand für beide dann in der Schule:

Lucie: Viele meiner Freunde auf dem Gymnasium waren damals schon am Programmieren. Ich weiß noch, wie ich während meiner Abiturprüfungen Gameboy spielte, um mich abzulenken. Da entschied ich, dass ich das auch können will – ich will auch selber entwickeln. Also habe ich mich hingesetzt und angefangen, programmieren zu lernen.

Charlie: Wir hatten auf der Oberschule Informatikunterricht, aber der war wirklich grausig und hat mich eher noch von der Informatik entfernt als mich ihr näher gebracht.

Lucie: Der Informatikunterricht meiner Schule bestand im Bearbeiten von Word-Dokumenten. Ich wünschte, ich hätte hier schon eine Chance gehabt, mehr zu lernen.

Lucie und Charlie wollten lustigerweise unabhängig voneinander Psychologie studieren, erhielten aber beide keinen Studienplatz. Sie entschieden sich dazu, ihrem anderen Interesse zu folgen und Medieninformatik an der HTW Berlin zu studieren. Dort lernten sie sich schließlich kennen:

Charlie: Vom ersten Tag an waren wir praktisch unzertrennlich. Wir belegten jeden Pflichtkurs zusammen, lernten gemeinsam für die Klausuren und machten alle Hausarbeiten im Team.

Lucie: Das setzte sich auch in unserem Auslandspraktikum fort, das Teil des Studiums war. Charlie ging damals nach Israel und ich in die Türkei, nach Istanbul. Als wir die Chance hatten, zusammen in Istanbul an meinem Projekt zu arbeiten, zog Charlie auch dorthin.

Obwohl das Praktikum und die erlernten Techniken, Android-Entwicklung und -Design, interessant waren, war ich nicht überzeugt von dem eigentlichen Produkt. Mir war es immer wichtig, dass ich etwas bewirken kann mit meiner Arbeit. Nach meiner Rückkehr habe ich einen Studentenjob gesucht, der mir das bieten kann und so wurde ich Softwareentwicklerin bei Wikimedia.

Charlie: Als wir unsere Bachelorarbeit schreiben mussten, arbeitete Lucie schon seit ungefähr einem Jahr bei Wikimedia. Für sie war klar, dass sie ihre Arbeit in Kollaboration mit Wikimedia schreiben möchte und schlug mir vor, das doch auch zu machen.

Ich habe dort sechs Monate an meiner Arbeit geschrieben, in der ich ein Konzept entwickelt habe, wie man das Editieren und Integrieren von Wikidata in der Wikipedia mit User-Centered Design realisieren kann. Im Moment leisten die Wikipedien in unterschiedlichen Sprachen viel redundante Arbeit, was erheblichen Mehraufwand bedeutet und sehr fehleranfällig ist. Besonders kleine Sprachen mit wenig Editoren haben Schwierigkeiten, alle ihre Artikel aktuell zu halten. Das sollte mit meiner Arbeit verbessert werden.

Nach dem Ende meines Bachelors war ich so gefesselt vom Wikiversum, dass ich mich entschied, noch bis Ende März 2017 ein Praktikum in der Softwareentwicklung als UX-erin bei Wikimedia Deutschland zu machen.

Lucie: Ich habe bei Wikimedia vor allem an Wikidata gearbeitet, ein Projekt in dem das Wissen der Welt in strukturierten Daten festgehalten wird und zum Beispiel von Wikipedia genutzt wird. Ich schrieb meine Bachelorarbeit über den ArticlePlacheholder. Wenn Benutzer auf Wikipedia nach einem Thema suchen und es noch keinen Artikel dazu gibt, wird ein Platzhalter mithilfe der Daten aus Wikidata generiert. Mittlerweile wird die Software auf acht Wikipedien genutzt. Vor allem kleine Wikipedien profitieren davon, da mehr Datenobjekte auf Wikidata vorhanden sind als Artikel existieren.

Mittlerweile bin ich in der Forschung und arbeite an WDAqua, ein Projekt im Bereich Question Answering. WDAqua macht es möglich, Daten zu nutzen, die im Internet bereits zur Verfügung stehen, und mit ihnen Fragen von Benutzenden zu beantworten. An WDAqua arbeiten Studierende und ihre BetreuerInnen in vier Ländern. Innerhalb dieses Projekts mache ich einen Doktor in Computer Science an der University of Southampton.

In ihren Jobs hatten Lucie und Charlie nicht mit Stereotypen zu kämpfen – im Studium allerdings schon:

Lucie: Wir mussten in unserem Arbeitsumfeld nie dafür kämpfen, ernst genommen zu werden. Als wir allerdings in Berlin zusammen studiert haben, hatten wir Situationen, in denen wir uns gegen solche Klischees behaupten mussten. Ich finde es vor allem anstrengend, weil man sich plötzlich mit noch einem Thema auseinander setzen muss, das einem das Leben erschwert. Man wird abgelenkt von dem, was eigentlich wichtig ist: Studieren und Programmieren. An manchen Tagen hat da nur geholfen, Charlie dabei zu haben, um dagegen anzugehen und manchmal auch einfach nur darüber zu lachen.

Beide engagieren sich dafür, einen Weg zu finden, um diese Rollenklischees zu durchbrechen.

Charlie: Ein gutes Beispiel dafür ist – zumindest für den Open-Source-Bereich – ein Hackathon, den Lucie und Julia Schuetze organisiert haben und auf dem ich Mentorin war.

Lucie: Die Idee von Ladies That FOSS ist, mehr Frauen für die Open-Source-Softwareentwicklung zu gewinnen. Wir haben Open-Source-Projekte angefragt, z. B. Mozilla, Libre Office, nextcloud, sourcefabric, inventaire.io, Riot. Natürlich waren auch MediaWiki, die Software hinter Wikipedia, und Wikidata dabei. Anhand der jeweiligen Erfahrungen der Frauen haben wir ihnen eins der Projekte vorgeschlagen und sie haben einen Tag lang zusammengearbeitet, um mögliche Fragen direkt und persönlich zu beantworten. Die Projekte hatten an dem Tag schon zahlreiche Patches, die sie verwenden konnten.

Interessierten Frauen geben Charlie und Lucie folgende Tipps mit auf den Weg:

Informatik ist ein toller Bereich. FOSS-Projekte sind das, was sonst in der Welt so selten klappt: Zusammen die Welt mit einem Stück Software verbessern. Es gibt viele Menschen, die in diesem Gebiet toll sind. Wenn ihr Spaß an dem habt, was ihr tut, lasst euch nicht entmutigen. Es gibt unheimlich viel zu lernen!

Der Diversity Check

Wir freuen uns, wenn Sie sich an der folgenden Umfrage beteiligen, die sich an Frauen und Männer richtet. Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen zum Thema Diversität in IT-Unternehmen mit!

Geschrieben von
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher studierte Buchwissenschaft und Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Juni 2015 arbeitet sie als Redakteurin in der Redaktion des Entwickler Magazins bei Software & Support Media. Zuvor war sie als Lektorin in einem Verlag sowie als freie Editorin tätig.
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.