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Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Carol Lee

Women in Tech: „Seid nicht das, was die Vergangenheit aus euch gemacht hat, sondern was ihr sein wollt“

Gabriela Motroc
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute präsentieren wir Carol Lee, CFO bei GoodData.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Carol Lee, CFO bei GoodData

Carol hat es sich zur Aufgabe gemacht, Wachstum voranzutreiben, indem sie finanzielle Entscheidungen mit der Strategie ihres Unternehmens in Einklang bringt. Sie fungiert funktionsübergreifend als Finanzpartnerin und hat sich zum Zeil gesetzt, operative Exzellenz und finanzielle Erfolge zu erreichen. Carol kann auf 20 Jahre Erfahrung im Finanz- und Rechnungswesen in wachstumsstarken Technologieunternehmen zurückblicken. Zuletzt war sie Vice President of Finance bei Konica Minolta, wo sie direkt dem Präsidenten des schnell wachsenden Geschäftsbereichs Managed IT Services unterstellt war. Sie hat auch Erfahrung in M&A-Bewertung und -Prüfung, mit einer Erfolgsbilanz von über 20 wiederkehrenden umsatzabhängigen Transaktionen. Carol hat ihren Bachelor of Arts in Psychologie und Betriebswirtschaft am Pitzer College in Claremont, Kalifornien abgeschlossen.

Was hat Dein Interesse für die IT-Branche geweckt?

Als ich Ende der 90er Jahre mein Studium beendet habe, bin ich über eine Chance bei einem Technologie-Startup im Silicon Valley gestolpert und habe seitdem keinen Blick zurückgeworfen. Ich arbeite gerne mit technischen Talenten, lerne, wie ihr Verstand funktioniert, und ich mag das hohe Tempo in der Welt der Technik.

Ich habe Psychologie am College studiert, da ich fasziniert von der Erforschung des menschlichen Geistes und Verhaltens war – und immer noch bin. Im zweiten Jahr habe ich zum Spaß einige Business-Analyse-Kurse begonnen. Da wurde mir klar, dass ich eine Leidenschaft dafür habe, meinen analytischen Denkprozess zu entwickeln.

In meinem ersten Job war ich als Finanzanalyst bei einem Technologieunternehmen angestellt. Dort begann mein Karriereweg. Nach einigen Jahren in dieser Position habe ich erkannt, dass es nicht ausreicht, nur meine Fachkenntnisse zu verbessern, um mir das Wachstum zu ermöglichen, das ich mir wünsche. Also habe ich gelernt, die Soft Skills zu entwickeln, die mir geholfen haben, Führungschancen zu bekommen. In gewisser Weise haben mein Interesse an Psychologie und mein Studium dazu beigetragen, das Wachstum meiner analytischen Karriere zu fördern.

Mentoren gibt es in allen möglichen Variationen.

Meine Eltern haben meine Ausbildung und meine Karriereambitionen immer unterstützt. Mein Vater hat bescheiden als Arbeiter bei einem Laden für Meeresfrüchte angefangen, wurde aber später stolzer Besitzer des Unternehmens, das über ein Dutzend Mitarbeiter beschäftigte. Meine Mutter hatte nie die Gelegenheit, eine Schulbildung zu genießen als sie jung war, aber hat es geschafft, drei Kinder großzuziehen, stellte sicher, dass wir alle gute Noten in der Schule erhielten und half meinem Vater, sein Geschäft zu betreiben – und all das gleichzeitig. Meine Eltern lehrten mich die Wichtigkeit harter Arbeit und Ausdauer. Dank ihnen hatte ich viele Möglichkeiten in meinem Leben und habe nie vergessen, dankbar dafür zu sein.

Ich bin sehr froh, dass ich sehr hilfsbereite Chefs, Mentoren und Lehrer hatte oder immer noch habe – früher und heute, Frauen und Männer. Mentoren gibt es in allen möglichen Variationen. Ich lerne von einer Vielzahl von Menschen, einschließlich Chefs, Kollegen, Geschäftspartnern oder sogar Menschen, die ich aus der Ferne bewundere. Diese Erkenntnisse sind entscheidend für mein berufliches Wachstum und meinen beruflichen Aufstieg.

Heute bemühe ich mich bewusst, diese Erfahrungen weiterzugeben. Ich finde Erfüllung darin, hart arbeitenden, talentierten Menschen zu helfen, auf sich aufmerksam zu machen und ihnen Chancen zu eröffnen.

All das heißt jedoch nicht, dass ich nicht schon manches Mal (besonders in den jungen Jahren meiner Karriere) mit Vorurteilen konfrontiert worden wäre und werde. Zu diesen Vorurteilen gehört u.a. das Gefühl nicht dazuzugehören oder nach Kriterien beurteilt zu werden, die nichts mit beruflichen Qualifikationen zu tun haben. Ich versuche diese Negativität zu ertränken, indem ich immer besser in dem werde, was ich tue. Für mich scheint das bisher gut geklappt zu haben.

Ein Tag in Carols Leben

Ich bin CFO bei GoodData, einem Unternehmen für eingebettete und verteilte Analyse im Silicon Valley. Das Unternehmen befindet sich in einer starken Wachstumsphase und expandiert mittels neuester Technologie im Bereich Machine Learning in neue Märkte. Alles ist sehr schnelllebig und ändert sich ständig. Mein Kalender ist in der Regel mit – sowohl internen als auch externen – Anrufen und Meetings gefüllt. Ich nehme mir daher jeden Tag, für gewöhnlich zu Beginn und Ende, Zeit zur Planung und Reflexion.

Ich bin stolz darauf, ein leistungsstarkes Team mit unterschiedlichen Talenten und Sichtweisen aufgebaut zu haben – ein Team, das sich einem gemeinsamen Ziel verschrieben hat. Sobald Menschen mit unterschiedlichen Talenten und Gedanken zusammenkommen, um zusammenzuarbeiten und auf ein gemeinsames Ziel zuzuarbeiten, kommt es zu erstaunlichen Fortschritten.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Dass es nicht genügend Frauen gäbe, um Führungsrollen, Vorstandsposten oder andere Positionen im Allgemeinen zu besetzen, ist ein Problem, von dem ich öft höre. Da die Wurzel des Problems in der ungleichen Verteilung von Jungen und Mädchen in MINT-Fächern liegt, muss die Lösung in meinen Augen mit der jüngeren Generation beginnen.

Als ich mich vor einigen Jahren für meine Tochter mit den „Girl Scouts“ beschäftigte, waren die auf der Website aufgeführten Aktivitäten noch immer sehr geschlechtsspezifisch. Ich freue mich daher sehr, dass sie ihr Programm für Mädchen als G.I.R.L. (Go-getter, Innovator, Risk-taker und Leader) mit den Schwerpunkten MINT und Unternehmergeist neu definiert haben.

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In der Zwischenzeit können Tech-Unternehmen dafür sorgen, dass ihre Kultur und das Umfeld für alle Geschlechter attraktiver wird. Alle paar Jahre sehe ich diesbezüglich eine Reihe wahrnehmbarer, positiver Veränderungen. Es ist bei weitem nicht perfekt, aber ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Es wird ein oder zwei Jahrzehnte dauern, bis der Gender Gap in der Tech-Branche vollständig geschlossen ist, das heißt wenn wir der jüngeren Generation tatsächlich freie Bildungschancen bieten und den aufstrebenden weiblichen Führungskräften Tür und Tor öffnen.

Über meine gesamte Karriere hinweg habe ich von einer Vielzahl an Weiterbildungsprogrammen (Fokus auf Leadership) für Frauen und Minderheiten profitiert. Nur um einige zu nennen: Women 2.0, Girls in Tech, Asian Business League, Financial Women of San Francisco und Watermark.org. Hier bei GoodData haben wir eine Gruppe talentierter und ehrgeiziger Frauen, die ein „Women in Leadership“-Programm leiten. Ich freue mich jedes Mal aufs Neue, dazu beitragen zu können, Wachstumschancen für aufstrebende weibliche Führungskräfte zu fördern.

Gleichzeitig denke ich, dass es wichtig ist, dafür zu sorgen, dass es bei unserem Diversity-Diskurs nicht um uns gegen die, Frauen gegen Männer oder People of Color gegen Weiße geht. Diversität heißt Inklusion. Wir sollten sowohl Frauen als auch Männer willkommen heißen und den Wandel gemeinsam vorantreiben. Ich bin Mutter zweier schulpflichtiger Kinder – eines Mädchens und eines Jungen. Ich hoffe, dass bei ihrem Eintritt in die Arbeitswelt das Geschlecht in keinem der Berufe, für die sie sich entscheiden, eine Rolle spielen wird.

Hindernisse

Sie sagen: Kleidet euch für den Beruf, den ihr gerne hättet oder lernt von der Person, die ihr selbst eines Tages sein wollt. Allerdings gibt es nicht genügend Frauen, denen wir nacheifern und von denen wir lernen könnten.

Sie sagen: Kleidet euch für den Beruf, den ihr gerne hättet, oder lernt von der Person, die ihr selbst sein wollt. Allerdings gibt es nicht genügend Frauen, von denen wir lernen könnten.

Als ich meine Karriere als Finanzanalystin startete, trugen alle CFOs Poloshirts, Khakihosen und Slipper. Kein sonderlich schöner Look für mich! Jenseits der Oberflächlichkeit musste ich allerdings durch viele Fehler und Unbeholfenheiten lernen, wie ich widersprechen, ich meine abweichende Meinung äußern und ich meiner Stimme als Frau Gehör verschaffen kann.

Alltägliche Situationen, wie beispielsweise wohin man sich – physisch – in der Mittagspause setzt oder wie man sich in sozialen Situationen in einem professionellen Umfeld verhält, waren kompliziert. Sollte ich mich professionell verhalten, damit ich die Seriosität, die ich mühsam aufgebaut habe, nicht verliere oder locker, wie einer von den Jungs? Das sind reale Probleme, mit denen Frauen konfrontiert sind, die aber allesamt schwer zu artikulieren sind – geschweige denn dafür Rat zu finden. Als Frau in leitender Position werde ich oft von jungen Frauen angesprochen, um Ratschläge zu diesen Herausforderungen einzuholen. Daher weiß ich, dass diese Problematiken nicht nur aus meinen eigenen Erfahrungen stammen, sondern auch aus der Lebensrealität junger Frauen, die heute in der Tech-Branche tätig sind.

Die Gesellschaft misst bei Männern und Frauen noch immer mit zweierlei Maß. Selbst nachdem ich über Jahre hinweg einen soliden professionellen Ruf aufgebaut hatte, wurden mir Senior-Positionen erst angeboten, nachdem ich mich auch in den schwierigsten Situationen als ebenso hart und effektiv wie meine männlichen Kollegen bewiesen hatte.

Tipps & Tricks

Während ihr daran arbeitet, technisches Fachwissen in eurem gewählten Bereich zu entwickeln, vergesst nicht, eure Soft-Skills wie Empathie, Selbsterkenntnis und die Fähigkeit, die Perspektiven anderer zu sehen, zu erweitern. Frauen neigen dazu, einen angeborenen Sinn für Intuition zu haben; lernt ihn zu kanalisieren. Die Kombination von Tech-IQ und People-EQ kann euch in der Tech-Welt von anderen unterscheiden.

Sheryl Sandberg, eine der bekanntesten weiblichen Tech-Führungskräfte und treibende Kraft für die Gleichstellung der Geschlechter, wird von ihrem Chef als seltene Kombination aus hohem IQ und hohem EQ beschrieben. Ihr Stil ist dafür bekannt, effektiv aber dennoch nachvollziehbar zu sein. Sie ist in der Lage, unvoreingenommen Feedback zu geben, Geschäftsergebnisse zu fördern und gleichzeitig Authentizität und Bescheidenheit zu bewahren. Eben diese Führungsqualitäten strebe ich selbst an und ich denke, dass sie gut in Tech oder in jeder anderen Branche eingesetzt werden können.

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Die Tech-Branche ist bis dato überwiegend männerorientiert und auch wenn sich die Branche verändert, wird das nicht rückstandslos über Nacht geschehen. Wenn du deine innere Welt veränderst, nimmst du damit auch Einfluss auf deine jeweilige Umwelt – das ist bekannt. Mein Rat an Frauen, die heute eine technische Karriere anstreben, lautet: Entwickelt euer Selbstvertrauen, prescht damit voran. Lasst euch nicht von ein paar schwarzen Schafen entmutigen. Ihr seid nicht das, was die Vergangenheit aus euch gemacht hat, sondern das, was ihr sein wollt. Nehmt eine wachstumsorientierte Denkweise an, strebt danach, euer Potential zu entfalten und werdet unaufhaltsam!

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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