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Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Aubrey Blanche

Women in Tech: Es geht um mehr als Programmieren beibringen

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Aubrey Blanche, Global Head of Diversity & Inclusion bei Atlassian.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Aubrey Blanche

Aubrey Blanche ist Global Head of Diversity & Inclusion bei Atlassian. Sie kam durch puren Zufall in die Tech-Branche – sie arbeitete an ihrer Doktorarbeit in Stanford und erkannte, dass es nicht das Richtige für sie war. Sie landete in der Tech-Branche, weil sie einen Job brauchte. Aber dann stellte sich heraus, dass sie Tech liebte.

Aubrey war immer schon davon fasziniert herauszufinden, wie Dinge funktionieren. Ihr erste Job war bei einem Unternehmen für Enterprise Software. Sie hat quasi den Kunden erklärt wie die Software funktioniert. Von da aus ging es in den Bereich Diversität und Inklusion (Diversity & Inclusion, D&I), aus purem Frust über das starke demographisches Ungleichgewicht in der Branche. Sie hatte das Gefühl, dass es in diesem Bereich an gesellschaftswissenschaftlicher Betrachtung mangelt. Nun kann sie Probleme mit einer soliden Basis an empirischer Forschung angehen und Menschen mit verschiedenen Hintergründen dabei unterstützen bei Atlassian einzusteigen und erfolgreich sein.

Aubrey startete das College mit Gesang als Studienfach, machte ihren Abschluss dann aber in Journalismus und Politikwissenschaften mit einem Fokus auf den Sprachen des mittleren Osten – Arabisch und Farsi, die sie heute aber nicht mehr gut spricht. Dann wollte sie ihren Doktor in Politikwissenschaften über Regierungsverträge machen und landete aber in der Tech-Branche.

Rückblickend gab mir jeder Abschnitt meines Weges etwas Wichtiges für die Arbeit mit, die ich heute mache.

Aubreys ultimatives Ziel

Meine Mama ist meine Heldin. Ich habe darüber im Detail in einem Essay auf Medium geschrieben. Aber die Kurzform ist, dass meine Mutter ohne einen College-Abschluss ein erfolgreiches Unternehmen am Laufen hielt, während sie sich um ihre Familie kümmerte und ihre Tochter adoptierte (mich!). Sie war mein erster Berührungspunkt mit Unternehmertum und hat mir gezeigt was Beharrlichkeit wirklich bedeutet. Mein ultimatives Ziel ist es, genug Gutes in der Welt zu tun, damit sie stolz auf mich ist.

Aber ich hätte nicht das erreichen können, was ich heute habe, ohne die Hilfe der Teams um mich herum. Manchmal war das meine Familie, die mir unnachgiebig erklärte, das ich alles tun kann, was ich möchte. Oder es waren meine Freunde und Bekannte, die mir auf dem Kollegen dabei geholfen haben zu verstehen, wie man lernt. Jetzt verlasse ich mich auf meine Teamkollegen bei Atlassian, dass sie mir helfen und mit gutem Beispiel vorangehen, wie eine ganze Branche umsichtiger, bestimmter und wirkungsvoller mit Diversität und Inklusion umgehen kann.

Obwohl mich nie jemand aufgehalten hat, gab es Zeiten, in denen es sich anfühlte als wären Dinge aufgrund meines Geschlechts schwieriger. Ich hatte einen Professor, der einmal erzählte, dass er Probleme damit habe Studentinnen zu betreuen, weil er mit ihnen nicht einfach bei einem Abendessen über ihre Forschung reden könne. Also versuchte er möglichst keine zu betreuen. Anscheinend war ihm nie aufgegangen, dass er einfach damit aufhören könnte Forschung bei einem Abendessen zu besprechen, um faire Voraussetzungen zu schaffen.

Ein Tag in Aubrey Blanches Leben

Mein Job ist es, mit Führungskräften quer durch das Unternehmen zusammenzuarbeiten, um zu verstehen was unsere Teams daran hindern könnte das Level an Diversität und Inklusion zu erreichen, das wir gerne hätten. Und zu intervenieren, damit Menschen mit verschiedenen Hintergründen die gleiche Chance haben für Atlassian zu arbeiten und erfolgreich zu sein, wenn sie dann da sind. Mein offizieller Titel ist Global Head of Diversity & Inclusion, aber ich versuche mich mehr auf die Probleme zu fokussieren, die ich versuche zu lösen als auf meinen Jobtitel. Von mir selbst als HR-Person zu denken, begrenzt meine Herangehensweise an Problemlösungen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich einen typischen Tag habe, und das ist das spaßig daran. Aber die eine Konstante ist mein Hunger mehr über die Umgebung zu wissen, in der ich lebe und atme. Das spiegelt sich vor allem in meinem morgendlichen Twitter- und Medium-Ritual wider. Diese beiden Accounts pflege ich vor allem, um alle News rund um Diversität und Inklusion mitzubekommen, die aus der Tech-Branche kommen. Mein typischer Tag kann alles mögliche umfassen: von Brainstorming, wie man den Einfluss  eines neuen Führungskräfte-Programm messen kann, ein Briefing, das erläutert, wie unser Ansatz Diversität zu messen den Ausschlag geben kann, oder zu erkunden, was der beste Weg ist, Jobkandidaten zu evaluieren, um die richtigen Menschen für Atlassian zu finden.

Diversität an Ideen macht viel aus.

Ich bin unglaublich stolz auf mein Team und was es getan hat, um die Art und Weise zu verbessern, wie wir die Diversität der Belegschaft messen und zu beweisen können, dass Diversität an Ideen wirklich viel ausmacht. Letztes Jahr haben wir ein neues Paradigma eingeführt, wie wir Diversität messen, und das auf der Teamebene. Man kann unsere Analyse auf Teamebene online nachlesen. Das Team als Maßeinheit zu nehmen, hat sich ganz natürlich angefühlt und war das Ergebnis von Diskussionen mit unseren D&I-, Kommunikations-, Entwickler- und HR-Teams, wie wir am besten Ziele setzen und Fortschritt messen.

Zusätzlich fokussiert sich eines der aufregendsten Programme bei Atlassian und eines, auf das ich besonders stolz bin beim Start geholfen zu haben, auf die besonderen Herausforderungen und Stärken farbiger Frauen. Atlassian hilft dabei unsere Teams diverser zu machen, mit einem High-Touch-Stipendienprogramm für Schwarze, Latinas und indigene Frauen über das Galvanize-Full-Stack-Programm. Faire Voraussetzungen zu schaffen ist mehr als nur jemandem beizubringen zu programmieren. Es geht auch darum, sie mit der Resilienz auszustatten Hindernisse zu überwinden, ihre professionelles Netzwerk zu erweitern und ihnen dabei zu helfen, erste Erfahrungen früh in ihrer Karriere zu sammeln. Das Programm, das wir entwickelt haben, reicht weit über finanzielle Unterstützung hinaus. Teilnehmer bekommen für den gesamten Prozess einen Atlassian-Entwickler als Mentor und Cheerleader zur Seite gestellt. Unser Recruiting-Team arbeitet mit den Teilnehmern zusammen, damit sie auch nach dem Programm erfolgreich sind und bieten ihnen bezahlte Praktika bei Atlassian an. Dieses Programm ist ein großer Schritt in die richtige Richtung für Diversität und Inklusion bei Atlassian. Wir hoffen, dass wir auch in Zukunft solche Programme entwickeln und fördern können. Ich bin unglaublich stolz darauf die Früchte des Programms zu sehen. Eine der ersten Teilnehmerinnen arbeitet bereits als Vollzeit-Entwickler bei Atlassian.

Sehen Sie auch im JAX TV: Mit diesen sieben Regeln funktioniert Diversität in Communitys

Frauen und Minderheiten sind unterrepräsentiert

Es gibt viele verschiedene Faktoren, die dafür sorgen, dass Frauen und Minderheiten in der Tech-Branche unterrepräsentiert sind. Wir haben von der vielzitierten Talent-Pipeline gehört, aber dieses Konzept schließt die Tatsache nicht mit ein, dass mehr unterrepräsentierte Minderheiten an technischen Trainingsprogrammen teilnehmen als in der Tech-Branche arbeiten. Bevor wir überhaupt sinnvoll über eine Talent-Pipeline reden können, müssen wir die Pipeline nutzen, die bereits existiert.

Das führt uns zum Thema Zugang. Zugang zu Bildung in technischen Bereichen ist ein wichtiger Faktor, der einzelne dazu motiviert eine Karriere in der Tech-Branche anzustreben. Studenten muss gezeigt werden, dass Tech eine praktikable und interessante Karrieremöglichkeit ist. In vielen Schulen gibt es schlicht keinen Zugang zu technischer Bildung, vor allem an Schulen, die von Minderheiten besucht werden.

Selbst dort, wo gute MINT-Bildung existiert, zeigen Lehrer subtile Voreingenommenheit zugunsten von Studenten in Mathematik und Naturwissenschaften. Das führt zu einer Haltung, wer das Potenzial hat in Tech erfolgreich zu sein. Ein weiteres Themenfeld, das wir ansprechen müssen, sind unsere eigenen unbewussten Vorurteile, ausgelöst durch kulturelle Stereotypen, was Unternehmen dazu führen kann weniger Menschen aus existierenden Talentpools einzustellen und was ein starker Treiber für die Verlustraten bei Mitgliedern von unterrepräsentierten Minderheiten ist.

Und zu guter letzt: Die Tech-Kultur, von immer längeren Arbeitszeiten über Events, die auf den Alkoholkonsum ausgelegt sind, bis zu Verdrängungswettbewerb, kann besonders Frauen und andere Menschen ausschließen, die nicht in diese feste Form hineinpassen. Mehr als 50 Prozent der Frauen verlassen die Tech-Branche in den USA mitten in ihrer Karriere und die überwiegende Mehrheit macht dafür die Kultur verantwortlich. Wir müssen uns darauf fokussieren eine wirklich inklusive Kultur zu schaffen, damit mehr Frauen an Tech partizipieren.

Wie können wir den Wert von Diversität sichtbar machen?

Wir müssen als erstes zwei sehr wichtige Fragen klären: Was heißt erfolgreich überhaupt und wie messen wir Fortschritt? Als Beispiel: In einer aktuelle Umfrage von Atlassian mit über 1.400 Arbeitern aus der Tech-Branche gaben 94 Prozent ihrer Branche, ihrem Unternehmen und ihrem Team eine ausreichende Note, was Diversität und Inklusion betrifft. Rund 50 Prozent gaben an, dass es in ihren Unternehmen keiner Verbesserungen bedürfe, was Demographien wie Herkunft, Alter oder Geschlecht betrifft.

Lass uns das damit vergleichen, wie die Tech-Industrie aussieht: Allgemeiner Konsens ist, dass rund 2 Prozent der Techbelegschaft schwarz ist, 3 Prozent Latinos, und 24 Prozent der Mitarbeiter identifizieren sich als weiblich. Es ist klar, dass wir einen besseren Job darin machen müssen zu definieren, was Erfolg bedeutet – auf meinem Blog gibt es mehr dazu – und den Leuten erklären, wohin wir wirklich wollen.

Dann müssen wir die Art und Weise verbessern, wie wir Erfolg messen. Zum Beispiel nutzen viele Unternehmen ihre unternehmensübergreifenden Diversitätszahlen, um Veränderungen zu beobachten. Auch wenn das ein guter erster Schritt in Richtung Transparenz und Verbesserungen ist, ist es nicht sensibel genug, um zu erkennen, ob der Mehrwert von Diversität wirklich verstanden wurde und es kleine Schritte vorwärts gibt.

Die Wahrheit ist, dass kein Unternehmen diese Probleme alleine lösen wird. Es ist ein branchenweites Problem, dass eine branchenweite Lösung braucht. Wir müssen weiter an Transparenz und Verbesserungen arbeiten, unsere Erfahrungen teilen, bessere Wege nutzen Erfolg zu messen und als Branche zusammenarbeiten, um das wirklich gerechte Ergebnis zu sehen, das wir alle wollen.

Tipps und Tricks für Erfolg in der Tech-Branche

Frauen, die gerade in die Tech-Branche starten, würde ich raten:

  • Mach deine Hausaufgaben: Nur die Zahlen werden dir nicht zeigen wie einladen und Diversitäts-unterstützend ein Unternehmen ist.
  • Bilde dich weiter: Lese über die üblichen vorurteilsgetriebenen Verhaltensweisen und das Thema Vertrauensdefizit nach. Wenn Frauen diese Muster verstehen, sind sie besser in der Lage mit Selbstzweifeln umzugehen, die aufkommen können.
  • Finde deine Leute: Einen Kreis an Menschen zu haben, denen man vertraut – entweder im Unternehmen oder nicht, aber besser beides – ist für viele Menschen ein wichtiger Grund in der Tech-Branche zu bleiben.
  • Weitergeben: Es kann eine Herausforderung sein anderen Menschen zu helfen, wenn man selbst in der Unterzahl ist. Aber wenn wir wirklich vorankommen wollen, müssen wir alle zusammenarbeiten.
  • Hab Spaß: Nimm dir die Zeit einmal die Woche etwas mit deinem Talent zu machen, was dir Spaß macht. Lass dich nicht im Hamsterrad einfangen.
Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
Kommentare
  1. Dr. Nils Jena2017-08-24 15:59:48

    Drei Anmerkungen, die mich an der Relevanz dieses Artikels stellvertretend für die ganze Reihe zweifeln lassen.

    1) Dieser Artikel setzt die lange Reihe der auf die Arbeitswelt in den USA bezogenen fort. Es mag sein, dass dort dies beobachtet werden kann:

    "Die Tech-Kultur, von immer längeren Arbeitszeiten über Events, die auf den Alkoholkonsum ausgelegt sind, bis zu Verdrängungswettbewerb, kann besonders Frauen und andere Menschen ausschließen, die nicht in diese feste Form hineinpassen. Mehr als 50 Prozent der Frauen verlassen die Tech-Branche in den USA mitten in ihrer Karriere und die überwiegende Mehrheit macht dafür die Kultur verantwortlich."

    Aber lässt sich das auch auf europäische und deutsche Verhältnisse übertragen? Alle IT-Unternehmen, in denen ich seit 20 Jahren arbeite, sind so nicht richtig beschrieben. Die Arbeitszeiten waren überall fair, Verdränung fand keine statt, der Alkoholkonsum unbedeutend. Und jeder und jede war immer in der lage, sich Gruppenzwängen zu entziehen.

    2) Vom Reihentitel "Women in Tech" ist für den Artikel das "in Tech" nicht relevant. Alles, was Frau Blanche beschreibt, kann genauso auch für jede andere Branche gelten. Wo ist der Bezug zur IT?

    3) Ich würde gerne einmal etwas über die vielen Menschen, egal ob Frauen oder Männer, lesen, die hier in Deutschland in der IT und in vielen anderen Branchen gute Arbeit machen, ohne "Head of Foo", "Teamlead" oder "CXO" zu sein. Wo bleiben die Berichte über die unentbehrlichen Bürokaufleute, die Reinigungskräfte, das Kantinenpersonal? Auch dort finden sich sicher viele "Women in Tech", die ganz andere aber für den deutschen Arbeitsmarkt relevantere Probleme haben als Minderheiten in der IT-Branche der USA.

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