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Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Anna Mininkova

Women in Tech: „Ohne Empathie lässt sich kein großartiges Produkt entwickeln“

Mascha Schnellbacher

© S&S Media

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Anna Mininkova, Mobile Analytics Manager bei JetSmarter.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

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Women in Tech – die Umfrage

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Women in Tech – die Serie

In der Serie Women in Tech stellen sich inspirierende Frauen aus der IT-Branche vor. Bisher erschienen:

Unsere Woman in Tech: Anna Mininkova

Heute erzählt uns Anna Mininkova, Mobile Analytics Manager bei JetSmarter, ihre Geschichte. Anna hat ihre Karriere als Junior-Software-Produktmanagerin in ihrer Heimatstadt Odessa in der Ukraine begonnen und wuchs in die Position der Leiterin der mobilen Produktentwicklung bei Stanfy, Yandex und Invoice2go hinein – erfolgreiche ukrainische, russische und australische Startups. Sie hat Projektteams für verschiedene Kernprodukte von Yandex geleitet – Yandex Navigator und Yandex Maps Mobile. Außerdem war sie Agile Product Development Evangelist bei allen Produkten, an denen sie beteiligt war.

Wie fast jede(r) Schulabgänger(in) wusste auch Anna zuerst nicht, was sie später einmal beruflich machen will. Allerdings war ihr klar, was sie nicht werden will:

Als ich mit der Highschool fertig war, hatte ich wenig bis gar keine berufliche Orientierung. Die drei Berufe, für die sich die meisten Mädchen in meinem Alter interessiert haben, waren Anwältin, Ärztin und Ökonomin. Um ehrlich zu sein, weiß ich bis heute noch nicht so genau, was eine Ökonomin macht 🙂

Mathe und Physik haben mich schon immer interessiert und ich habe sogar darüber nachgedacht, mich für einen Bachelor of Science in angewandter Mathematik einzuschreiben. Ich wusste allerdings nicht, was ich damit dann beruflich machen könnte. Ich wollte keine Kinder unterrichten, keine System-Administratorin werden und auch nicht einfach einen Kommilitonen heiraten. Das waren aber die wahrscheinlichsten Berufswege für Absolventinnen eines Fachs, in dem auf jede Frau drei Männer kommen.

Ihre erste Berufswahl war dann auch recht ungewöhnlich:

Ich habe mich für einen Bachelor of Arts in forensischer Linguistik entschieden. Ich hatte also vor, beruflich Abschiedsbriefe von Suizidenten und Erklärungen von zum Tode verurteilten Verbrechern zu lesen. Das hatte keinerlei Bezug zu Tech.

Eine Laune des Schicksals brachte Anna dann ins Tech-Umfeld:

Nach einer Meningitis-Erkrankung brauchte ich einen Job, um meine Rechnungen für das Krankenhaus und die Universität zu bezahlen. Das war zu Beginn der inzwischen boomenden ukrainischen Outsourcing-Industrie; damals hatte so gut wie niemand, der in der Tech-Branche arbeitete, einen entsprechenden Abschluss oder viel Erfahrung. Ich war jung, gewillt zu lernen, meine Englischkenntnisse waren gut und ich konnte mit Photoshop und Excel umgehen. Und so bekam ich meinen ersten Produktmanagement-Job im digitalen Marketing.anna

Ich habe dann vier Jahre lang mit Web-Produkten gearbeitet, bevor ich meine Leidenschaft gefunden habe – Mobile Development. Neun Jahre lang bin ich durch verschiedene Länder gezogen (Ukraine, Russland, Australien, USA) und hatte verschiedene Aufgaben: Projektmanagerin, Produktmanagerin, Analystin. Und jetzt bin ich eine hochspezialisierte Mobile-Analytics-Managerin. Neben dem Beruf habe ich meinen Abschluss in IT-Management gemacht und glaube noch immer, dass das meiner Karriere sehr zuträglich war. Das liegt vor allem daran, dass ich einen der seltenen Kurse erwischt habe, die tatsächlich von Profis aus der Branche unterrichtet wurden, nicht von Theoretikern.

Heute arbeitet Anna als Mobile Analytics Managerin für JetSmarter, ein Privatjet-Unternehmen, das ein Shared-Economy-Modell anbietet.

Ich halte meine Finger am Puls der Product Health Metrics und verarbeite sie in umsetzbare Maßnahmen. In der Praxis bedeutet dass, dass ich mir täglich die Verhaltensdaten unserer Nutzer ansehe, diese Daten analysiere und auf eine Weise darstelle, die dem ausführenden Team dabei zu verstehen hilft, was gut läuft und was nicht. Daraus kann man dann ableiten, wie wir unser Produkt so verbessern können, dass es dem Geschäft zuträglich ist.

Gerade arbeite ich an einem Tool für Product Analysts, das die Arbeit mit Massive Event Maps vereinfacht, die aus Screenshots des Interfaces und Text bestehen. Das ist ein großes Thema für alle, die jemals mit Mobile oder Web Analytics gearbeitet haben. Nebenbei erwähnt: Wir sind auf der Suche nach Analysten für den Beta-Test des Produkts.

Vor ihrem Vollzeitjob hat Anna gemeinsam mit Freunden eine Mobile-App entwickelt, die Autofahrer bei der Tankstellensuche unterstützt:

Die App zeigt Tankstellen mit hochwertigem Kraftstoff in der Ukraine, Polen, Weißrussland und Russland an. Das ist immer noch ein großes Problem für Fahrer in Osteuropa! Die App bietet außerdem einen Preis-Check und die Möglichkeit von Reviews nach dem Besuch einer Tankstelle.

Die App heißt Zapravonka, was so viel wie „niedliche kleine Tankstelle“ auf Russisch heißt. Für mich war klar, dass die App ein Erfolg ist, als wir Feedback und Support-Anfragen von Bekannten von mir bekommen haben, die die App verwendeten, ohne dass sie wussten, dass ich daran beteiligt war 🙂 In der Ukraine ist die App auf mehr als hunderttausend User gewachsen; ich habe sie allerdings an einen befreundeten Entwickler abgegeben und bin nicht mehr daran beteiligt.

Mit Vorurteilen musste sich Anna so gut wie nie auseinandersetzen, vielmehr kam es zu Problemen zwischen anders arbeitenden Entwicklern:

Ich bin mir sicher, dass ich nicht die Einzige im Mobile Development bin, die das erlebt hat: Manchmal scheint es in großen Projekten eine Dichotomie zwischen den Client-seitig arbeitenden und den Server-seitigen Entwicklern zu geben. Diese Diskrepanz wird noch größer, wenn zwei verschiedene Unternehmen an einem Projekt zusammenarbeiten, eins für die mobilen, eins für die Server-seitigen Services, die eine App verwendet – da kollidieren Budgets, Zeitpläne und Egos miteinander. Die wenigen komplizierten Beziehungen meiner Karriere hatte ich immer mit serverseitig arbeitenden Entwicklern.

Auch mein Status als junge Frau könnte rückblickend einige dieser Beziehungen belastet haben. Ich erfülle das Stereotyp des erwachsenen, männlichen Managers nicht unbedingt – ich bin sehr klein, habe viele Tattoos und habe mir die Haare früher in allen Farben des Regenbogens gefärbt.

Doch nicht Klischees und Stereotype halten Frauen von einer Arbeit im Tech-Bereich ab, sondern ganz grundlegende Dinge:

Ich glaube, dass Frauen in jedem Land vor spezifischen Herausforderungen stehen. In der Ukraine gibt es so gut wie gar keine Berufsorientierungshilfen für Frauen. Junge Mädchen müssen erst einmal – ganz banal – den Mangel an Informationen über ihre Möglichkeiten überwinden und dann den fehlenden Zugang zu Lernmaterialien bewältigen. Englisch ist der Schlüssel zum Bildungsweg in der Tech-Branche. Außerhalb der großen Städte herrscht an vielen Schulen allerdings Lehrermangel schon für die regulären Fächer, ganz zu schweigen von Englisch.

Ein weiteres Problem ist der Mangel an Wissen auf Seiten der Eltern, die ihre Töchter häufig nicht in „langweiligen technischen Jobs“ sehen und somit gar nicht erst versuchen, sie für Technologie zu begeistern. Meine Mutter ist eine großartige, gebildete Karrierefrau. Wir haben trotzdem kaum darüber gesprochen was ich beruflich machen könnte, weil ihr die Möglichkeiten für Menschen in meinem Alter gar nicht bekannt waren.

Dennoch bieten sich Frauen gerade in Osteuropa enorme Vorteile:

Trotz all dieser Probleme profitieren Frauen in Osteuropa aber auch von einem interessanten Überbleibsel der Denkweise aus der Sowjet-Zeit. Insbesondere in der Tech-Branche werden Frauen hier häufig als Genossinnen angesehen, also als Gleichberechtigte, und nicht als nervige Eindringlinge auf den Spielplatz der Jungs.

Die demographische Situation hat hier viele Frauen in den 90er-Jahren zu Hauptverdienern gemacht. Die Gesellschaft ist also an den Anblick starker, arbeitender Frauen gewöhnt und hat ein positives Bild davon.

Diversity ist allerdings in jeder Branche von Vorteil – gerade Frauen bringen oft Qualifikationen mit, die Männer vermissen lassen:

Wie in jeder anderen Branche auch ist Diversität der Schlüssel zu Innovation und erfolgreichen Produkten. Wenn man zehn Personen mit ähnlichem demographischem Profil in einen Raum setzt, ist es egal, wie klug diejenigen sind – sie werden zu einer homogenen Lösung kommen, die viel eindimensionaler und weniger inklusiv ist, als eine Lösung, die eine Gruppe mit diverser Zusammensetzung von Leuten auf dem gleichen Kompetenzlevel erarbeitet hätte.

Es ist zwar eine weitreichende Verallgemeinerung, aber Männer sind doch häufig mehr an der Sachebene interessiert, Frauen an den Menschen und der Beziehung zwischen ihnen. Ohne eine große Portion Empathie lässt sich aber kein großartiges Produkt entwickeln – das bezieht sich sowohl auf die Nutzer als auch auf das Team – und die meisten Frauen, die ich in der Tech-Branche getroffen habe, sind sehr gut darin, diese Empathie einzubringen. Aus eigener Erfahrung kann ich außerdem sagen, dass Projekte mit einem gesundem Geschlechterverhältnis von einem besseren sozialen Zusammenhalt, reduziertem Stress und weniger Aggressionen zwischen den Projekt-Mitarbeitern profitieren.

Dass überhaupt eine Diversity-Debatte geführt werden muss, ist an sich schlimm genug. Doch das jetzt erarbeitete Fortschritte wieder negiert werden, findet Anna unhaltbar:

Ich würde mir wünschen, dass die Diversity-Debatte bald der Vergangenheit angehört. Es ist jedoch auch leicht zu erkennen, wie schnell all die Erfolge rückgängig gemacht werden können, die Minderheiten in den letzten 40 Jahren erzielt haben. Ich rede da über die gegenwärtige politische Situation in den USA, in Russland und im Nahen Osten. Die russischen Gesetzgeber haben in diesem Jahr die häusliche Gewalt gegen Frauen entkriminalisiert! Die Debatte über Diversität hat dort noch gar nicht begonnen.

Heutzutage ist das Empowerment von Mädchen meiner Meinung nach wichtiger als jemals zuvor. Noch wichtiger ist aber die Bildung von Jungs, die oft nur mit überholten männlichen Stereotypen konfrontiert werden und so alle Arten von Vorurteilen entwickeln, während sie heranwachsen.

Deshalb ist es besonders wichtig, dass sich Mädchen und Frauen folgendes vor Augen halten:

  1. Keine Angst vor Tech! Tech ist nur ein Instrument, mit dem sich die Dinge um uns herum zum Besseren ändern lassen.
  2. Für viele Karrieren in der Tech-Branche muss man nicht mehr studieren. Begeisterung und zwei bis drei Jahre konzentriertes Online- oder Teilzeit-Studium kombiniert mit einem Tech-Job auf Einstiegslevel sind eine bessere Basis als ein universitäres Studium, das man mit hohen Schulden abschließt. Das könnte allerdings vor allem ein guter Rat für Osteuropa und die USA sein, wo gute Bildung finanziell nur schwer zugänglich ist. Außerdem kann man sowas wie Biotech natürlich nicht online lernen. Ich würde allerdings trotzdem zweimal überlegen, bevor ich mich für einen fünfjährigen Studiengang entscheide.
  3. Wir brauchen euch hier! Euer Talent, euer „um die Ecke denken“, eure Kreativität: Die Branche ist jung und flexibel genug, also kommt dazu und helft dabei, das nächste Produkt zu entwickeln, das die Welt zu einem besseren Ort machen kann!

Der Diversity Check

Wir freuen uns, wenn Sie sich an der folgenden Umfrage beteiligen, die sich an Frauen und Männer richtet. Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen zum Thema Diversität in IT-Unternehmen mit!

Geschrieben von
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher studierte Buchwissenschaft und Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Juni 2015 arbeitet sie als Redakteurin in der Redaktion des Entwickler Magazins bei Software & Support Media. Zuvor war sie als Lektorin in einem Verlag sowie als freie Editorin tätig.
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