Interview mit Anjali Doneria, Informatikstudentin im Abschlussjahr an der North Carolina State University

Women in Tech: „Wir müssen den Gedanken loswerden, dass Frauen ihre Karriere nicht so sehr lieben wie Männer“

Gabriela Motroc

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Anjali Doneria, Informatikstudentin im Abschlussjahr an der North Carolina State University in Raleigh, mit Spezialisierung auf Data Science.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Anjali Doneria

Anjali Doneria kommt aus der Stadt des Taj Mahal in Indien. Sie schloss 2014 ihr Studium am Birla Institute of Technology and Science in Pilani (Indien) im Bereich Information Systems ab. Bis August 2017 arbeitete sie drei Jahre lang in den Bereichen E-Commerce und in der Reisebranche, wobei sie große, skalierbare Anwendungen mit dem Spring Framework, Cassandra und Elasticsearch entwickelte.

Anjalis Hang zu diesem Bereich ermöglichte ihr letztes Jahr, ihr Studium in den Vereinigten Staaten fortzuführen. Aktuell ist sie im Abschlussjahr an der North Carolina State University in Raleigh, wo sie Data Science studiert. Anjali hat im Sommer ein Praktikum bei VMware absolviert und kehrte nun zur Uni zurück, um ihr letztes Semester abzuschließen.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Die Technologie war in den letzten Jahren überall um uns herum, aber sie war nicht so allgemein verbreitet, als ich in Indien aufwuchs. Die Mobiltelefone waren in den 1990er und frühen 2000er Jahren ein seltener Anblick, sodass sich der Begriff „Technologie“ für mich auf Online-Spiele und Internetsurfen für meine Schulprojekte auf einem Desktoprechner beschränkte.

Der Glaube, dass mein Beitrag in der realen Welt etwas bewirken wird, war eine große Motivation.

Mich hat immer fasziniert, wie diese Dinge funktionieren, aber ich habe die komplizierten Details nicht verstanden. Also entschied ich mich, ein Grundstudium im Fach Information Systems zu beginnen, um diesen Bereich besser erforschen zu können. Aber irgendwie fiel es mir schwer, in Kontakt mit den hochtechnisierten Leuten um mich herum zu kommen, da alle einen technischen Hintergrund hatten, während ich keine offizielle Ausbildung im Programmieren oder Informatik hatte. Daher kam ich nach vier Jahren einen Punkt, wo ich von der Informatik in die Psychologie oder die Kunst wechseln wollte. Dennoch wollte ich einen letzten Versuch wagen (auf Anraten meines Vaters) und fing als Softwareentwicklerin bei einer der Firmen in Indien an. Und plötzlich war es da! Durch die Übernahme verschiedener Projekte im Rahmen meiner beruflichen Laufbahn wuchs mein Interesse an der Technik. Der Glaube, dass mein Beitrag in der realen Welt etwas bewirken wird, war eine große Motivation.

Ich komme aus einer Familie von Nicht-Techies, die von Wirtschaftsprüfern und Geschäftsmännern dominiert wird. Mein Vater war zunächst Buchhalter bei einer Privatfirma und wechselte dann in seine derzeitige Rolle als Production Manager bei einer Handweberei in Indien, während meine Mutter Hausfrau war. Mein Bruder und ich sind die einzigen in der Familie, die eine Karriere in der Technikbranche gemacht haben.

Als ich in der achten Klasse war, nahm ich an einem Essay-Wettbewerb teil, bei dem wir über unsere beruflichen Ziele im Leben schreiben mussten. Überraschenderweise stand damals eine Karriere im Computerbereich nicht auf der Liste! Ich habe geschrieben, dass ich gerne Luft- und Raumfahrttechnik studieren und irgendwann ins All fliegen möchte. Das hat zwar nicht ganz geklappt, als ich mich für das Engineering entschieden habe, aber ich habe nicht mehr zurückgeblickt. Ich engagierte mich so leidenschaftlich auf diesem Gebiet, dass ich mich entschied, meine Komfortzone und meine Familie zu verlassen und in die USA zu fliegen, um einen Master-Abschluss in Informatik zu machen. Was mich die ganze Zeit davon abhielt voranzukommen, war die Tatsache, dass ich erst einmal erkennen musste, was ich wollte. Erst als ich das wusste, konnte ich den Schritt in die richtige Richtung wagen.

Ein starkes Unterstützernetzwerk

Ich glaube, dass man von jeder Person, der man begegnet, etwas lernen kann.

Meine Familie war in jeder auch nur erdenklichen Weise für mich da, ich hatte also in dieser Hinsicht sehr viel Glück. In Phasen, von denen ich dachte, dass ich sie nicht überstehen würde, war meine Familie die größte Motivation weiterzumachen, sei es persönlich oder beruflich. Ich tendiere dazu, Risiken einzugehen. Dabei war mir meine Familie immer behilflich.

Ich habe keine bestimmte Person als Vorbild. Ich glaube, dass jede Bekanntschaft etwas zu bieten hat, aus dem man lernen kann. Seien es neue Fähigkeiten, neues Wissen oder schlicht, was man vermeiden sollte.

Ein Tag in Anjalis Leben

Derzeit bin ich Studentin der Informatik im Abschlussjahr an der North Carolina State University, Raleigh (USA). Ich bin spezialisiert auf Data Science als Teil des Studienprogramms, wobei meine persönliche Vorliege Machine Learning und Software Engineering sind. In der Zukunft würde ich meine Fähigkeiten gerne in der Psychologie einsetzen. Ich möchte gerne jenen helfen, die derzeit gegen Depressionen kämpfen, indem ich natürliche Natural-Language-Processing-Techniken einsetze, um den Kontext und die verschiedenen Verwandtschaftsgrade von Texten besser zu verstehen, die von einem bestimmten Benutzer zur Verfügung stehen.

Zudem bin ich Vize-Präsidentin des Women in Computer Science (WiCS) Club an der Universität. Unser Ziel ist es, junge Frauen zu ermutigen, sich in der Research-Triangle-Park-Region am Computing zu beteiligen und Veranstaltungen für ihre persönliche und berufliche Entwicklung auszurichten.

Mein typischer Tag ist mit Vorträgen, Meetings und dem Studium gefüllt. Normalerweise stehe ich auf, koche für den Tag, besuche Vorlesungen, arbeite an Aufträgen und akademischen Projekten und gehe ins Open-Source-Labor, wo ich als Teilzeit-Entwicklerin arbeite. Die Abende sind in der Regel mit WiCS-Meetings und –Veranstaltungen sowie dem Fitnessstudio belegt. Meine Freizeit startet gegen Ende des Tages (meist meditiere ich dann, schaue Netflix oder lese ein guten Buch).

In meiner noch jungen Karriere in der Tech-Branche bin ich stolz auf die Art und Weise, wie ich als Mensch gewachsen bin. Meine Fähigkeit, Herausforderungen zu bewältigen, hat sich um ein Vielfaches erhöht. Gewinnerin des Grace Hopper Scholarship Award 2018 zu sein ist das neueste Juwel in meiner Sammlung und ich bin sehr stolz darauf. Mich bei der Vergabe dieses Stipendiats gegen großartige Frauen aus 150 Ländern durchzusetzen, hat mir erneut gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der IT?

Ich glaube, dass die klassischen Rollenbilder sowohl Männer als auch Frauen übermäßig unter Druck setzen.

Ich glaube, ob sich jemand für ein bestimmtes Thema interessiert, hängt stark davon ab, wie es einem in der Kindheit nahe gebracht wird. Wenn man jemandem etwas auf sehr interessante Weise näher bringt, möchte man er es selbst weiter verfolgen. Ich denke, dass Frauen in den meisten Entwicklungsländern dies eher nicht erleben. Angesichts des asymmetrischen Geschlechterverhältnisses, das wir weltweit haben, ist das Ungleichgewicht der Branche noch größer.

Außerdem gelten Männer nach wie vor als Hauptverdiener der Familien, deren Schwerpunkt auf dem beruflichen Aufstieg liegt, während von Frauen erwartet wird, dass sie ein Gleichgewicht zwischen Familie und Beruf finden (wenn sie überhaupt eine Karriere anstreben). Ich glaube, dass diese klassischen Rollenbilder sowohl Männer als auch Frauen übermäßig unter Druck setzen, was irgendwann zu einem Chaos führt. Und in solchen Situationen neigen Frauen dazu, ihre Karriere auf dem Rücksitz zu parken.

Frauen in MINT-Berufen

Wenn mehr Frauen in MINT-Berufen arbeiten würden, lägen sicherlich mehr Ideen auf dem Tisch und es gäbe eine andere Perspektive, um ein bestimmtes Problem anzugehen. Es gäbe, denke ich, mehr soziale Gleichheit in der Gesellschaft. Wie ich bereits erwähnt habe, ist es notwendig, mit den klassischen Rollenbildern für das einzelne Geschlecht zu brechen. Die Einbeziehung von mehr Frauen in die Tech-Branche ist eine der Möglichkeiten, diesen Wandel herbeizuführen. Die gesamte wirtschaftliche Situation der Familie wäre ebenfalls besser. In der Tech-Branche könnte man soziale Probleme, die insbesondere Frauen betreffen, viel besser angehen, wenn mehr Frauen in der Branche verfügbar wären, um tatsächlich helfen zu können.

Ich denke, es wird mindestens dreißig bis vierzig Jahre dauern, bis die Ergebnisse dieser Diskussionen über Diversität der Technologie sichtbar sind. Die Dinge geschehen seit vielen Jahren immer auf dieselbe Weise und das zu ändern, braucht Zeit. Wir sollten die Entwicklungsländer im Auge behalten, wenn wir uns diese Zahlen ansehen. Sie stehen derzeit vor größeren Herausforderungen und die Frauen in diesen Ländern erhalten von vornherein keine angemessene Ausbildung, deshalb ist es sehr wichtig sie in diesem Rennen um Diversität in der Tech-Branche zu integrieren.

Herausforderungen

Die Annahme, dass Emotionen die Entscheidungskraft von Frauen am Arbeitsplatz bestimmen, ist ein großes Problem.

Die Annahme, dass Emotionen die Entscheidungskraft von Frauen am Arbeitsplatz bestimmen, ist ein großes Problem. Eines der Hindernisse mit denen einige meiner Kolleginnen konfrontiert sind, ist die Verweigerung von Aufstiegschancen, obwohl sie besser sind als ihre Konkurrenten, nur weil sie verheiratet waren und bald schwanger werden könnten oder bereits schwanger waren. Wir müssen schnellstmöglich den Gedanken loswerden, dass Frauen ihre Karriere nicht so sehr lieben wie Männer.

Tipps und Tricks

Bleib dir selbst treu, wenn du Entscheidungen triffst. Wenn du weißt, was dich interessiert, sei mutig das zu sagen und den Schritt in diese Richtung zu wagen. Dinge nehmen Gestalt an, wenn du einen starken Geist hast. Zaudere nicht! Das Programmieren ist etwas, bei dem man mit der Zeit immer besser wird. Man sollte also nicht die Hoffnung verlieren, wenn man nicht so schnell vorankommt, wie die Altersgenossen oder Studienkollegen. Fang einfach an und blicke nicht zurück.

Mein Freund (der auch in dieser Branche arbeitet) hat mir vor ein paar Tagen einen wirklich guten Rat gegeben: „Wenn du nicht anfängst, daran zu glauben, dass du für eine bestimmte Position in dieser Branche qualifiziert bist und du sie verdienst, werden die anderen es auch nicht daran glauben!“.

Also, an all die großartigen Ladys da draußen, fangt an zu glauben!

Geschrieben von
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc
Gabriela Motroc ist Online-Redakteurin für JAXenter.com. Vor S&S Media studierte Sie International Communication Management an der The Hague University of Applied Sciences.
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