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Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Andrea Claudia Delp

Women in Tech: „Von echter Gleichberechtigung sind wir meilenweit entfernt“

Mascha Schnellbacher

© S&S Media

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Andrea Claudia Delp, Freiberufliche Beraterin im Bereich SEO und Online-Marketing.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

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Women in Tech – die Umfrage

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Women in Tech – die Serie

In der Serie Women in Tech stellen sich inspirierende Frauen aus der IT-Branche vor. Bisher erschienen:

Unsere Woman in Tech: Andrea Claudia Delp

Heute erzählt uns Andrea Claudia Delp, Freiberufliche Beraterin im Bereich SEO und Online-Marketing (www.art-of-visibility.de), ihre Geschichte. Andrea hat nach einer Berufsausbildung im Technical Support gearbeitet, dann Betriebswirtschaftslehre studiert und nach dem Studium in verschiedenen Positionen in Unternehmen gearbeitet, bevor sie sich 2004 selbstständig machte. Vom Projektmanagement für Systeme in der Telekommunikation führte ihr Weg hin zum Gesamtspektrum der Suchmaschinenoptimierung und zum Online-Marketing – in diesem Bereich ist sie als Interims-Managerin, Beraterin, Trainerin und Autorin seit vielen Jahren tätig.

Andrea interessierte sich schon immer für Tech, allerdings spielte die Schule dabei keine Förderrolle:

Interesse an Tech bestand bei mir schon immer. Als Teenager war ich einfach neugierig, wie so ein „Ding“ wohl funktioniert. Die graue Theorie in der Schule fand ich wenig hilfreich, auch wenn sie mir leicht gefallen ist. Möglicherweise lag das aber an den damaligen Lehrplänen oder Lehrern, die selbst nicht wirklich vermitteln konnten, wie sich das denn nun praktisch darstellt.

Der Hang zu technischen Themen zieht sich durch Andreas Leben, obwohl sie erst einmal eine Ausbildung zur Betriebswirtin absolvierte.

Eigentliche komme ich als Betriebswirtin aus der wirtschaftlichen Ecke. Dennoch zog sich der Hang zu technischen Themen durch mein ganzes Leben – schon vor dem Studium bei DELL. Als ich dann in den Anfangszeiten des Unternehmens bei DELL als Mitarbeiterin gelandet bin, hat sich das Verständnis für technische Dinge schnell gezeigt. In einer sehr schnell wachsenden Branche und einem Unternehmen mit offener Unternehmenskultur gab es genügend Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Fachkräfte mit entsprechendem Hintergrund gab es ja ohnehin kaum und so sind sehr viele Quereinsteiger in entsprechenden Berufen gelandet.

Der Gedanke an die Verwirrung einiger Anrufer auf der technischen Hotline über eine Frau, die sich dann auch mit dem Nachnamen Delp meldet (Was, spreche ich etwa mit Frau DELL?!) – der amüsiert mich selbst nach den vielen Jahren. Es lässt sich nicht ausschließen, dass es noch heute Menschen gibt, die glauben, mit der Frau des Gründers höchstpersönlich gesprochen zu haben – wegen eines Druckertreibers.egoshooter-web-025

Direkt nach dem Studium bei DELL ist Andrea tiefer in die Materie eingestiegen:

Nach dem Studium bin ich schon in der Welt der ERP-Systeme mit SAP und Oracle gelandet. Als Analyst und Projektleiterin bzw. im Product Management habe ich dank der Entwickler sehr viel gelernt. Das technische Verständnis war schon immer da, es brauchte aber Menschen, die mich auf den Weg bringen und so hat das eigentlich mein ganzes Leben hindurch gut funktioniert. Meist reicht/e eine kurze Einarbeitung durch jemanden, der gut erklären kann – alles weitere lernt man dann schon von alleine, sofern Talent und Interesse da sind.

Nachdem ich mich zu einem Zeitpunkt selbstständig gemacht hatte, in dem das WWW die breite Masse erreicht hatte, ergab sich die Arbeit als SEO dann fast von alleine. Ich kann in diesem Beruf wirtschaftliche und technische Kenntnisse sowie meine Talente perfekt unter einen Hut bringen. Genau diese Vielseitigkeit gefällt mir, passt zu meiner Persönlichkeit und meinen Fähigkeiten.

Auf ihrem Weg in die Tech-Branche musste Andrea aber auch einige Hürden überwinden: 

Nachdem ich jahrelang im Interimsmanagement tätig war, habe ich beim einen oder anderen Einsatz große Unternehmen praktisch alleine bezüglich redaktioneller, technischer und strategischer Themen betreut. Seit letztem Jahr fokussiere ich mich deutlich stärker auf mittelständische Unternehmen und kurzzeitige Beratungsaufgaben. Das bringt mich in eine stärkere Wettbewerbssituation, in der eben nach männlichen Regeln gespielt wird.

Als Selbstständige sehe ich vor allem, dass das Thema Suchmaschinenoptimierung an Platzhirsche vergeben ist und das sind vorwiegend Männer. Als Wettbewerberin anderer Anbieter sind die Mittel, mit denen gespielt wird, für mich als Frau aber teilweise sehr gewöhnungsbedürftig.

Doch nicht nur die männliche Härte sorgt dafür, dass so wenige Frauen in der Tech-Branche Fuß fassen, meint Andrea:

Meines Erachtens liegt das zunächst einmal an den Frauen selbst. Ich kenne sehr viele Damen, die damit einfach nichts anfangen können und schon im Vorfeld sagen „Das ist nichts für mich.“ Dabei haben sie das Tech-Umfeld noch nie auch nur im Ansatz ausprobiert. Sie werden auch nicht ans Thema heran geführt – also niemand vermittelt beispielsweise, dass manche Dinge gar nicht so kompliziert und schwer sind, wie sie vielleicht auf den ersten Blick wirken und das fängt schon früh an. Da sollten Eltern ruhig mehr tun und ihre Töchter (sofern sie denn selbst entsprechendes Wissen haben) an die Hand nehmen und sie fördern, sofern Interesse besteht.

Dennoch ist es oft so, dass sich Männer in ihrer vermeintlichen Domäne als den Frauen überlegen präsentieren:

Stereotypen und Klischees sehe bei Männern vorwiegend in dem Impuls, helfen zu wollen. Diese „Hilfsbereitschaft“ wirkt teilweise unglaublich arrogant. Ich habe beispielsweise eine Festanstellung in der Projektleitung im Bereich Oracle Applications angetreten und da gab es einen Kollegen, der hinter mit stehend – die Hand schon fast auf der Schulter – selbstgefällig meinte, er könne mir ja helfen und mir das eine oder andere erklären. Tatsächlich handelte es sich aber dabei um Dinge (Grundlagen), die ich besser kannte als er, weil ich die Systemversion vom vorherigen Arbeitgeber in- und auswendig kannte – er nicht. Es wurde mir dann vom Management auch sofort angekreidet, dass ich die „Hilfe“ nicht angenommen habe.

Auch wenn diese Situation recht überspitzt war: In diesem oder ähnlichem Ausmaß habe ich genau so etwas häufig erlebt. Die Vermutung „Die kann das nicht, wir müssen ihr das erst zeigen“ ist eine häufige Haltung mir bzw. der Frauenwelt gegenüber. Wenn ich Fragen habe, stelle ich die schon – ich bin alt genug dafür und war es auch schon vor zehn Jahren.

Was ich außerdem erlebe: In einigen Beiträgen im Netz geht es auch um die Frage, warum es so wenige Frauen im Bereich SEO gibt. Da werden dann aber Frauen befragt, die gerade in der Familienplanung sind oder die eigentlich (bisher) keinen wirklich nennenswerten beruflichen Hintergrund haben. Häufig lese ich dann auch Beiträge von Frauen, die sich selbst sehr klein halten und mit Bemerkungen wie „Ja, sowas mache ich auch manchmal“ aufwarten, anstatt selbstbewusst zu sagen „Ja, das kann ich.“ Das ist schwierig, denn damit landet man bei der selbsterfüllenden Prophezeiung.

Für mehr Gleichberechtigung und Diversität ist es ungemein wichtig, dass mehr Frauen in technischen Berufen arbeiten, so Andrea.

Es ist allgemein bekannt, dass gemischte Teams besser funktionieren, sich die Teammitglieder besser benehmen. Auf gesellschaftlicher Ebene werden Frauen (insbesondere mit Kindern) immer noch stark benachteiligt – darüber gibt es genügend Studien. Dieser Benachteiligung ließe sich damit etwas entgegen setzen, aber nicht alle Probleme lösen. Ich glaube, dass Themen wie emotionale Intelligenz größer geschrieben würden, wenn mehr Frauen in Tech arbeiteten – und das ist nun wirklich kein Fehler.

Andrea befürchtet, dass wir uns noch lange mit der Diversity-Debatte herumschlagen müssen:

Ich befürchte, dass die Diskussion weiter gehen wird. Politisch erleben wir ja teilweise im Moment eher Rückschritte. Das ist aus meiner Sicht dramatisch, beängstigend und entzieht sich meiner persönlichen Realität. Darüber hinaus erlebe ich auch auf sozialen Medien teilweise Tendenzen mit regelrechtem Frauenhass. Ich glaube aber, dass da nur offen gelegt wird, was in den Köpfen einiger Leute vor sich geht. Möglicherweise bringt es aber mittelfristig auch eine Diskussion, die viel zu lange verschlafen wurde.

Auch wenn es nicht oft passiert – eine Reduzierung aufs Geschlecht und sogar sexuelle Belästigung kommen leider auch im 21. Jahrhundert noch vor:

Unter Gleichberechtigung verstehe ich im Übrigen keinesfalls das Entfallen der Selbstdefinition als Mann oder als Frau, unsere Sexualität sollte und muss erhalten bleiben. Ich trage beispielsweise gerne hohe Schuhe und Oberteile mit Blumenmuster und habe nicht im Mindesten vor, daran etwas zu ändern. Was in diesem Zusammenhang sehr vereinzelt (aber wiederholt) passiert: Es gibt Männer, die die Vergabe von Aufträgen an den Wunsch koppeln, dass ich sie sexuell attraktiv finden soll. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass sie auf der Suche nach sexuellen Abenteuern sind und werden in der Regel dann aufdringlich und direkt mit aneinander gereihten Anmerkungen wie „Ich kenne genug Hotels“ und „Dann können wir ja richtig Spaß haben, von mir erfährt keiner was“ – vor allem in Form von Texten. Ein „Nein“ wird von dieser Klientel nicht akzeptiert oder es folgt Auftragsentzug – spätestens dann ist jede Grenze überschritten.

Ich kann dazu nur sagen: Auf einige (Vielleicht)-Kunden kann, muss und will ich eben lieber verzichten. Auch wenn ich davon ausgehe, dass sich solche Menschen auch bei Männern auf irgendeine Weise schlecht benehmen: Sexuelle Gefälligkeiten zu erwarten, ist absolut kein akzeptabler Tradeoff. Es ist insofern eine der reinsten Formen emotionaler Gewalt bzw. von versuchtem Ausnutzen einer vermeintlichen Machtposition.

Das Posten von sexuell abwertenden Bildern unter Fachbeiträgen oder Posts solcher Fachbeiträge auf Facebook ist auch keine Seltenheit. Insofern: Von echter Gleichberechtigung sind wir meines Erachtens meilenweit entfernt.

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Trotzdem sollten Frauen keine Angst vor der Tech-Branche entwickeln – glücklicherweise handelt es sich bei dem zuvor beschriebenen nur um einige wenige Ausnahmen.

Die allermeisten Männer, die einem im Tech-Umfeld begegnen, sind nett. Das ist wirklich wichtig. Denn: Wenn Du als Frau das erste Mal in ein großes Meeting kommst, in dem lauter Nerds sitzen – das ist definitiv erst mal ein sehr komisches Gefühl. Habt keine Angst – das sind auch nur Menschen und ziemlich sicher ist der eine oder andere genauso verunsichert von der Situation wie ihr selbst.

Die Uhren ticken relativ schnell in unserem Umfeld; das macht die Arbeit aber eben auch sehr spannend. Wer von Haus aus neugierig, wissbegierig, sehr lernfähig ist, sollte sich zumindest die Dinge anschauen und wenn es erst mal im Rahmen eines Praktikums ist. In jedem Unternehmen finden sich Menschen, die einen unterstützen – ich würde insofern immer dazu raten, sich eben solche Unterstützer zu suchen; insbesondere am Anfang einer beruflichen Karriere. Das sollen und müssen auch Männer sein, denn sonst bleiben zu viele Türen verschlossen.

Andrea rät Frauen dazu, sich auf die männliche Sichtweise einzulassen und vielleicht auch einen Teil des Selbstbewusstseins auf sich selbst zu übertragen:

Die männliche Sicht mag außerdem hier und da ungewohnt sein, zudem zeigen sich einige Männer sehr unbeholfen im zwischenmenschlichen Bereich. Habt Nachsicht. Solange sie ihre Unbeholfenheit nicht in Form von Abwertungen oder anderen Übergriffen auf einen abregnen lassen, kann man das gut aushalten.

Ansonsten erlebe ich Männer deutlich selbstbewusster, was ihre beruflichen Errungenschaften angeht. Wenn eine Frau das Gleiche tut – nämlich nicht hinter dem Berg zu halten – gibt es garantiert Anfeindungen und man wird als Emanze, Angeberin oder mit anderen Negativbewertungen abgestempelt, auch wenn es mit der eigenen Person gar nichts zu tun hat. Es ist kein Fehler, sich darauf einzurichten und sich klar zu machen: Männer, die so agieren, haben ein Problem mit sich und der Welt. Richtet den Blick auf diejenigen, die nicht so ticken – es gibt genügend davon.

Bei all dem darf man aber nicht vergessen, dass Sexismus und Abwertung nichts in der (Arbeits-)Welt verloren haben. Frauen dürfen sich nicht alles gefallen lassen:

Problematisch wird es, wenn es zu Sexismus, verbalen Übergriffen und Abwertungen kommt. Allzu oft steht man als Frau damit relativ alleine da, weil das Umfeld in einer männlich geprägten Welt oft gar nicht versteht, was denn jetzt bloß das Problem sein soll. Dann wird einem die Realität leicht abgesprochen und man steht als die „dumme Gans“ da, die sich gefälligst nicht so anstellen soll. Und das kommt dann keineswegs nur von Männern.

Solche Situationen wird es mit absoluter Sicherheit irgendwann geben. Auch deshalb sind die vorher schon genannten Unterstützer (also Menschen mit entsprechendem Einfühlungsvermögen und/oder Rollenverständnis) sehr wichtig. Alles in allem kann ich aber sagen: Ich habe tolle Männer kennengelernt; das möchte ich nicht missen. Ein Feindbild aufzubauen hilft nicht weiter.

Der Diversity Check

Wir freuen uns, wenn Sie sich an der folgenden Umfrage beteiligen, die sich an Frauen und Männer richtet. Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen zum Thema Diversität in IT-Unternehmen mit!

Geschrieben von
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher studierte Buchwissenschaft und Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Juni 2015 arbeitet sie als Redakteurin in der Redaktion des Entwickler Magazins bei Software & Support Media. Zuvor war sie als Lektorin in einem Verlag sowie als freie Editorin tätig.
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