Wie viel bleibt von einer Idealarchitektur am Ende übrig?

Die Botschaft höre ich wohl

Der nächste Morgen. Voller Tatendrang kommt der Architekt ins Büro. Ein verspieltes Lächeln auf den Lippen, kindische Funken in den Augen. Er will loslegen. Er geht zum Reißbrett und… Was ist denn das? Was er sieht, haut ihn buchstäblich aus den Socken: Sein Entwurf ist zwar immer noch da, einige Stücke davon wurden jedoch ganz offensichtlich irgendwie heraus gefressen. Hier fehlt eine Teilkonstruktion, da ein Teilmechanismus. Es sieht noch nach der ursprünglichen Idee aus, aber diverse interessante Momente fehlen eben, und man kann klar und deutlich erkennen, dass das Papier nicht wahllos gefressen, sondern ganz spezielle Teile der Skizze mit Bissen entfernt wurde.

Der Architekt ist empört. Was soll denn das? Natürlich hat er keine Sicherheitskopie. Wer rechnet denn mit so was? Aber vor allem ist es die schiere Machtlosigkeit, die ihn in diesem Augenblick so wütend macht. Er sieht sich nach Hinweisen um – vielleicht haben die Täter irgendeine Spur hinterlassen, irgendetwas, woran man erkennen kann, wer es war und vor allem warum sie es getan haben.

Und diese Hinweise muss er nicht lange suchen. In einer Ecke des Zimmers bemerkt der Architekt viele Büroklammern, die auf den ersten Blick wahllos herumliegen. Doch beim näheren Hinsehen erkennt er eine Gesetzmäßigkeit, und beim noch näheren Hinsehen eine Botschaft. Die Büroklammern bilden ganz eindeutig einen Satz, und dieser sagt: „Mach‘ das weg! Begründung: zu viele Linien. Es ließ sich an diesen Stellen nicht schnell genug fressen. Archi-Termiten“

Der Architekt lässt sich in seinen Stuhl sinken. Wer zum Teufel sind die Archi-Termiten? Wieso fressen sie seinen Entwurf? Was genau hat die Fressgeschwindigkeit mit dem künftigen Bauwerk zu tun? Er ist entsetzt und geschockt zugleich. So etwas hat er noch nie erlebt. Er ist nachdenklich. Was tun? Was er gelernt hat, ist die eiserne Selbstmotivation. Architekten werden mit der Zeit zu Zynikern, und um noch immer Spaß an der Arbeit zu haben, müssen Sie sich stets selbst motivieren. Aus dem nichts. Mit nichts. Selbstmotivation eben. Wie Selbstentzündung.

Und unser Architekt denkt sich also, was soll’s? Schauen wir uns doch an, was diese Archi-Termiten weg gefressen haben, und ob man ohne diese Stückchen leben kann. Aha, ok, diese Teile waren schon interessant und an sich notwendig, aber man kann sie so und so ersetzen. Prompt klebt der Architekt besonders leichte und dünne Papierfetzen unter die Löcher und zeichnet sehr einfache Alternativen ein, in der Hoffnung, dass er richtig versteht, wie die Archi-Termiten gerne fressen wollen. Er hält das ganze absichtlich sehr einfach, sodass auch das kleinste und zarteste Archi-Termiten-Baby den Entwurf komfortabel genug verschlingen kann.

Nach mehreren Stunden Arbeit ist der Ersatzentwurf fertig, von dem der Architekt überzeugt ist, dass er diese bösen Tierchen beruhigt. Der Architekt pfeift sogar wieder ein Lied, und es ist zwar nicht mehr die ursprüngliche Motivation, die er hatte, aber trotzdem kein Grund für Trübsal. Er sieht sich um, aber keine Spur von den Archi-Termiten – es war klar, dass sie feige sind, um sich zu zeigen, oder er unterschätzt sie, und sie beschnuppern ihn im Moment nur, um zum entscheidenden Schlag auszuholen. Wer weiß. Der Architekt trinkt noch ein Glas Wein, aber keiner kommt, um sich an seinem Entwurf zu vergehen… Verzeihung, zu erfreuen. Schließlich macht er das Licht aus und geht nach Hause. Vielleicht war es das schon.

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