Wie viel bleibt von einer Idealarchitektur am Ende übrig?

Mama, ich will auch!

Umso schlimmer ist seine Stimmung am nächsten Morgen. Er hat Sodbrennen, will nichts essen, hat einen irren Blick, der mit Sicherheit auf andauernde Schlaflosigkeit zurückzuführen ist, und ist äußerst mies gelaunt. Archi-Termiten, Archi-Termiten… Das ist der einzige Gedanke, der ihm durch den Kopf geht. Denn er weiß, dass sie noch lange nicht fertig sind. Mit ihm und seinem Entwurf. Zu zahlreich sind die noch unberührten Stellen. Zu einfach sieht es bislang aus…

Und siehe da – tatsächlich. Er traut sich kaum in sein Büro. Aber er muss. Jahre des geübten Masochismus zwingen ihn dazu, sich in Richtung des Ziels zu bewegen. Er sieht verstohlen ins Büro und auf das Reißbrett. Äußerlich keine sehr große, auffallende Veränderungen. Nur sieht die Zeichnung irgendwie blass aus. Er nähert sich ganz vorsichtig dem Meisterwerk, kaum atmend. Ja, was ist denn das?

Die ganze Zeichnung ist nun mit Salz überstreut. Die Linien schimmern gerade so durch, sind aber noch leicht erkennbar. In der Mitte der Salzschicht ist wieder mit den vielen kleinen Füßchen eine Botschaft hineingetreten. Die gibt dem Architekten fast den Rest, denn er erschaudert und starrt sie eine ganze Weile ungläubig an, als wenn er einen Geist gesehen hätte. Die Botschaft lautet: „Wir wollen bessere Tinte! Der andere Termitenhügel darf sie haben, warum wir nicht? Archi-Termiten“

Nicht schlecht. Der Architekt hat sofort noch mehr graue Haare am Kopf. Er wird wahrscheinlich nie wieder einschlafen können. Er dachte, er hätte schone schlimme Kunden gesehen, die ihre Wünsche jeden Tag geändert haben, aber noch nie wurde er mit derartigem Nonsens konfrontiert. Und offensichtlich hatten diese (vermutlich) kleinen Viecher ausreichend Einfluss in der Organisation, wenn sie dieses Projekt so zielgerichtet torpedieren konnten. Oder zumindest große Erfahrung darin.

Der Architekt setzt sich auf den Stuhl und fasst sich am Kopf. Was tun? Was meinen die denn mit besserer Tinte? Welche Rolle spielt das überhaupt? Es zählt doch das, was gebaut wird, oder hat er in den vielen Jahren irgendwas falsch gemacht? Haben die Archi-Termiten vielleicht die Weisheit mit… was auch immer sie dazu verwenden, gefressen?

Mit dem letzten Rest der Motivation, der vielmehr aus dem Wunsch herrührte, mit dem Ganzen endlich aufzuhören, macht sich der Architekt an die Arbeit. Er entfernt das Salz, dünnt die Tinte auf dem gesamten Entwurf aus und übermalt die Linien mit der teuersten Masse, die er auftreiben kann (vorher fragt er vorsichtshalber nach, welche die „anderen“ verwendet hatten, und besorgt die noch viel bessere).

Die Arbeit nimmt mehrere Tage in Anspruch, die der Architekt ohne viel Schlaf direkt im Büro verbringt. Er arbeitet wie besessen durch, und macht nur Pausen für die allernötigsten physiologischen Prozesse. Er denkt nur an die Archi-Termiten und ist dem Wahnsinn nahe. Und am Ende wirft er seine Werkzeuge einfach hin und geht, ohne sich umzudrehen, und betrinkt sich bis zur Bewusstlosigkeit in einer nahe gelegenen Bar. Bis der Arzt kommt. Was dem Architekten auch recht ist.

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