Wie demokratisch ist Open Source?

Claudia Fröhling und Tom Wießeckel

Kann eine Open-Source-Community demokratisch sein? – diese Frage stellt Mirko Böhm auf opensource.com. Ein interessantes Gedankenspiel, das wir kurz mit Ihnen durchdenken wollen.

Demokratie ist seinem griechischen Ursprung nach zu aller erst einmal eine Volksherrschaft (demos=Volk, kratia=Herrschaft). Aber es gibt viele verschieden Arten von Demokratie, welche Eigenschaften können wir also anwenden?

  • Das Volk ist der souveräne Träger der Staatsgewalt.
  • Eine Demokratie zeichnet sich durch freie Wahlen und eine Verfassung aus.
  • Das Volk wählt seine politischen Repräsentanten und kann eine Regierung abwählen.

Das scheinen auf den ersten Blick die wichtigsten Eigenschaften zu sein, die wir auf eine Open-Source-Community anwenden können. Ein fest definiertes Staatsgebiet und ähnliches lassen wir absichtlich außen vor.

Quickcheck

Eine Open-Source-Community besteht in der Regel aus einer oder mehreren Firmen, die die Schirmherrschaft über ein Projekt haben, einer Reihe von Contributern, die meist von diesen Firmen gestellt werden, und der Basis der Nutzer des Projekts. Alles zusammen kann man als „Volk“ bezeichnen, aber nicht alle sind gleich in diesem Volk: Contributer haben mehr Möglichkeiten, das Projekt zu beeinflussen, als der einzelne Nutzer. Umgekehrt haben die Nutzer (zumindest theoretisch) die Möglichkeit, selbst Contributer zu werden. Das ist bei manchen Open-Source-Projekten denkbar, bei anderen wiederum komplett undenkbar. Mirko Böhm schreibt dazu:

So, for users to become integral parts of open source communities again, users that engage with an open source project need to be equal contributors amongst peers, to be eligible. This is far from standard, and not the mind-set of most contributors I know. Most communities I work with value direct contributions to the project source code higher than feedback from users. They (unconsciously?) consider users outsiders and refer them to talk to the issue tracker, a proven way to make sure they never come back again with more feedback. So firstly, users need to be considered eligible to become community members, and second their efforts (feedback, for example) need to qualify them for acceptance as ordinary contributors.

Wir halten fest: Der Begriff „Volk“ ist nicht eindeutig auf eine Open-Source-Community anwendbar, da nicht alle Akteure gleiche Handlungschancen haben. In einer Open-Source-Community sind nicht alle gleich. Oder wie Mirko Böhm es ausdrückt: „Not all communities are created equal.“ Es mag in manchen Communities eine Art Verfassung geben, die den Wahlprozess der Projektleiter und Expert Groups bestimmt, siehe beispielsweise die Regelungen für neue Eclipse-Committer.

Kommen wir aber zum dritten Punkt, und teilen wir ihn in zwei Unterpunkte auf:

  • Das Volk wählt seine politischen Repräsentanten: ja, in vielen Open-Source-Communities gibt es Wahlen
  • Das Volk kann eine Regierung abwählen: Eine Firma, die ein Projekt initiiert und Contributer stellt, sich damit also finanziell engagiert, hat am Ende die Macht. Niemand kann sie abwählen. Gibt es Ausnahmen?

Mirko Böhm nennt in diesem Zusammenhang ein schönes Beispiel: Stellen Sie sich vor, für Android eine neue „Regierung“ zu wählen. Schwierig, oder?

Wie demokratisch ist die Web-Community?

Abseits der üblichen, hauptsächlich durch Firmen getriebenen, Verdächtigen sollte man allerdings nicht vergessen, einen Blick auf jene Open-Source-Webprojekte zu werfen, die von Vereinen oder Associations getrieben werden, in denen die Ämter den üblichen Regeln unterworfen vergeben werden. Zwei bekannte Vertreter dieser Gattung finden sich im Bereich der Content-Management-Systeme wie TYPO3 oder der JavaScript-Bibliothek jQuery.

Die TYPO3 Association beispielsweise ist ein Verein nach dem Schweizer Recht, der gemäß seiner Satzung das CMS unter der GNU General Publich License fördert. Dazu werden der Allgemeinheit Software-Entwicklungen zur Verfügung gestellt, die durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert werden. Die Besonderheit besteht darin, dass die Association nicht nur aus dem Vorstand, sondern auch noch aus einem Expert Advisory Board besteht.

Zwar steht auch in dieser Kette immer eine Institution, die befugt ist, Entscheidungen zu treffen – der Einstieg und das Mitwirken ist jedoch wesentlich einfacher als bei firmengetriebenen Open-Source-Projekten.

Wie es sich ganz anders entwickeln kann, zeigt die JavaScript-Bibliothek jQuery. 2006 das erste Mal der Öffentlichkeit vorgestellt und von einem einzigen Mann entwickelt, hat es heute (Stand August 2012) eine Verbreitung von 50 % – im gesamten Web. Die Offenheit und Verbreitung des Projekts haben dafür gesorgt, dass jQuery mittlerweile zahlreiche namhafte Unterstützer hat, unter anderem Microsoft und Nokia.

Aktuell steht die Bibliothek unter Regie zweier Gruppen: des jQuery Boards und des jQuery Teams (http://jquery.org/team/):

The jQuery Board makes up the voting membership of jQuery and is the body responsible for approving expenditures for the jQuery project and approving any legally binding contracts between the jQuery project and another party. The voting membership may create policies to govern itself in the performance of these duties. Such policies require a majority vote of the entire voting membership. Members of the voting membership, are added by a 2/3 affirmative vote by the voting membership.

Das klingt nach gelebter Demokratie – und das in einem Projekt, das mit zu den größten Open-Source-Projekten überhaupt zählen dürfte. Ist damit der Gegenbeweis erbracht?

Fazit

Mit dieser kurzen Ausführung haben wir sicherlich nur an der Oberfläche der Diskussion gekratzt. Man könnte den Demokratiebegriff noch auf so viele Ebenen herunterbrechen – uns gefällt zum Beispiel der Gedanke, Open-Source-Communities als parlamentarische Monarchie zu betrachten. Aber wie wir oben schon gesehen haben: Open-Source-Community ist nicht gleich Open-Source-Community.

Oder haben Sie sich vielleicht schon mit dem Thema beschäftigt und haben eine Meinung dazu? Kommentieren Sie direkt unter diesem Artikel, wir freuen uns auf Ihr Feedback!

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Geschrieben von
Claudia Fröhling und Tom Wießeckel
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