Eine für alle

Whitelabel-Apps: Individuelle Anwendungen ohne viel Aufwand

Dominik Mohilo

© Shutterstock / Velishchuk Yevhen

Seit kurzem können Fußballvereine im Handumdrehen kostenlos eigene Apps für iOS und Android erstellen. Möglich macht das die neue Vereinsheim-App von kicker. Dabei handelt es sich um eine Whitelabel-App. Im Interview erklärt Andreas Gerauer, CTO bei Tickaroo, was eine Whitelabel-App ist und worauf Verantwortliche, IT-Projektleiter und Entwickler achten müssen, wenn sie eine mobile Anwendung für mehrere Mandanten planen und programmieren.

JAXenter: Hallo Andreas und danke, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast! Was ist eine Whitelabel-App, für wen und wofür ist sie geeignet?

Andreas Gerauer: Eine Whitelabel-App ist ein B2B-Produkt. Dabei wird eine App einmal entwickelt und dann ohne großen Aufwand oder Code-Änderungen für mehrere Mandanten individuell gebrandet und konfiguriert. Der Geschäftspartner kann die für ihn personalisierte Anwendung dann seinen eigenen Kunden oder Mitarbeitern zur Verfügung stellen. Whitelabel-Apps sind immer dann geeignet, wenn ansonsten die genau gleiche App mehrmals entwickelt werden müsste. Es spielt dabei keine Rolle, ob die letztliche Zielgruppe Endkunden oder Mitarbeiter sind. Eine solche Whitelabel-Anwendung taucht entweder als jeweils eigenständiger Eintrag in den Appstores auf oder aber als Sammel-Anwendung, die beim ersten Start individuell konfiguriert wird.

JAXenter: Welche Hauptfrage sollten sich IT-Projektleiter und Entwickler vor der Programmierung einer Whitelabel-App stellen?

Es macht einen riesigen Unterschied, ob die Whitelabel-App für zehn oder 10.000 Mandanten gedacht ist.

Andreas Gerauer: Ganz klar: „Wie viele Mandanten soll die App haben?“ Das ist der allererste Schritt, um die Planung für das Projekt anzugehen. Es macht einen riesigen Unterschied, ob die Whitelabel-App für zehn oder 10.000 Mandanten gedacht ist. Dazu kommt dann die Anschlussfrage, welche der App-Bestandteile individuell anpassbar sein sollten.

JAXenter: Apropos „zehn oder 10.000 Mandanten“ – Wann lohnt sich eine Whitelabel-App?

Andreas Gerauer: Eine Whitelabel-App eignet sich in beiden Fällen. Viel wichtiger ist, dass tatsächlich die gleiche Funktionalität gewünscht ist und nur wenige individuelle Anpassungen notwendig sind. Schon bei drei Mandanten kann eine Whitelabel-App die richtige(re) Entscheidung sein. Man sollte jedoch bedenken, dass je mehr Mandanten die App nutzen, der Pflege-, Wartungs- und Automatisierungsaufwand stark ansteigt – insbesondere wenn ein hoher Grad an individueller Anpassbarkeit besteht.

JAXenter: Wie steht es um Customizing? Wie individuell anpassbar sollten Whitelabel-Apps sein?

Andreas Gerauer: Theoretisch bieten Whitelabel-Apps unbegrenzte Customizing-Optionen. Man muss sich dann aber bewusst sein, dass hiermit die Komplexität von Testfällen und Updates deutlich steigt. Aus Sicht der Wartbarkeit und des Ressourcen-Aufwands wäre also eher weniger Customizing wünschenswert. Wenn es aber viele Individualisierungsmöglichkeiten geben soll, sollten diese (im Idealfall) von Anfang an beachtet werden. Im Nachhinein neue Bestandteile der App zu individualisieren, ist oft deutlich aufwendiger, da die Auswirkungen auf alle bereits bestehenden Mandanten betrachtet werden müssen.

JAXenter: Stichwort Automatisierung – Was für Möglichkeiten bieten Whitelabel-Apps?

Andreas Gerauer: Whitelabel-Anwendungen können auf verschiedenste Art und Weisen automatisiert werden. Es beginnt bei der Bestellung der Apps und endet bei der Wartung und Pflege der Software. Bei wenigen Mandanten, seien es vier bis fünf, können neue Anwendungen schnell manuell erstellt werden, gleiches gilt für Software-Aktualisierungen. Der Aufwand steigt jedoch linear mit der Anzahl der Mandanten, weshalb man sehr schnell an Grenzen stößt, ab denen eine Automatisierung von Bestellung, Erstellung und/oder App-Store-Uploads aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll ist.

JAXenter: Müssen Whitelabel-Apps immer für Android und iOS entwickelt werden?

Whitelabel-Apps können auf verschiedenste Art und Weisen automatisiert werden.

Andreas Gerauer: Das hängt von der Zielgruppe ab. Ist diese klein und die Anwendung für interne Zwecke vorgesehen, wenn also z.B. die Endgeräte unternehmensweit nur Android unterstützen – oder gar gleich mitgeliefert werden – ist eine Programmierung für diese Plattform komplett ausreichend. Wenn die Anwendung allerdings für unterschiedliche Mandanten über Unternehmensgrenzen hinweg vorgesehen ist, im Kontext der Vereinsheim-App also Vereine und Verbraucher, sollten die beiden größten Plattformen jeweils eine eigene Whitelabel-Lösung bekommen.

JAXenter: Bei der Vereinsheim-App gibt es für jeden Verein eine eigene App im Play Store von Google, für iOS gibt es nur eine Anwendung. Woran liegt das?

Andreas Gerauer: Das hat den Hintergrund, dass im Google Play Store wesentlich lockere Bestimmungen zum Veröffentlichen der Apps bestehen. Bei Apples App Store verbieten die Guidelines hingegen Apps für die jeweiligen Vereine als eigene Anwendungen zur Verfügung zu stellen. Apple fordert explizit, dass nur eine App mit einer Auswahloption veröffentlicht wird.

JAXenter: Was ist dein Tipp für Projektleiter und Entwickler, wenn sie zusammen mit dem Auftraggeber über eine Whitelabel-App entscheiden?

Andreas Gerauer: Wie zu Anfang gesagt, muss zuerst klar sein, wie viele unterschiedliche Mandanten die App später nutzen werden und wie tiefgreifend die Customizing-Optionen sein sollen. Darüber hinaus sollten Entwickler möglichst jegliches Customizing an einer zentralen Codestelle vornehmen, um die Wartbarkeit zu gewährleisten. Sind Backend-Systeme mit im Spiel, muss hier von Anfang an darauf geachtet werden, welche Daten alle Mandanten teilen und welche nur dem jeweiligen einzelnen Kunden zugehörig sind. Hier gilt es, möglichen Sicherheitsproblemen und Datenlecks frühzeitig zu begegnen.

Andreas Gerauer übernimmt als CTO sämtliche technische Angelegenheiten bei Tickaroo. Vor seiner Zeit beim Regensburger Unternehmen, war Andreas bei Kupferwerk, ebenfalls als CTO, tätig. Mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen in den Bereichen Big Data, Software-Architektur und skalierbaren Systemen, ist er der Nerd unter den vier Mitgründern. Getreu dem Motto „I reject your reality and substitute my own“ setzt er sein Know-How bei Tickaroo gezielt ein und sorgt damit vor allem im technischen Bereich für verlässliche Stabilität und optimale Performance.
Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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