Wer langsamer arbeitet, kommt schneller ans Ziel: Ein Plädoyer für entschleunigte Programmierung

Michael Thomas
© Shutterstock.com/Lauren Pretorius

„Mach langsam, wenn es schnell gehen soll!“. Diesen Satz hat vermutlich jeder, der zu einer etwas hektischen Arbeits- oder Lebensweise neigt, schon einmal gehört. Denn wer langsamer arbeitet, kommt schlussendlich schneller ans Ziel – auch beim Programmieren. Diese Ansicht vertritt zumindest der Autor, Blogger und Entwickler Jeffrey Ventrella in seinem Artikel „The Case for Slow Programming„, in dem er für ein gemächlicheres Arbeitstempo in der Softwareentwicklung plädiert.

Denn vor allem jüngere Programmierer neigen seiner Erfahrung nach zu der Ansicht, dass Entwickler im Grunde austauschbar sind und in einem Softwareprojekt niemand eine spezifische, klar definierte Aufgabe haben, sondern jederzeit alles ändern können sollte. Dahinter steht der Gedanke, dass viele Köche eben nicht den Brei verderben, sondern die Schwarmintelligenz es schon richten wird.

Dem widerspricht Ventrella jedoch vehement: Für ihn ist ein durchdachter Designprozess elementarer Bestandteil eines jeden Projekts, der durch nichts ersetzt werden kann. Nur durch echtes, kollaboratives Teamwork seien echte Meisterleistungen wie der Bau der mittelalterlichen Kathedralen – oder als etwas moderneres Beispiel: das Abdrehen eines abendfüllenden Spielfilms – möglich.

„Herzrhythmusstörungen“

Als langsamer unter schnellen Programmierern zu arbeiten, vergleicht Ventrella mit Herzrhythmusstörungen: Sein eigener, langsamer Arbeitsrhythmus wurde durch die wie aus der Pistole geschossenen Iterationen der anderen Programmierer komplett überlagert bzw. aus dem Takt gebracht. Seine Arbeitsabläufe bezeichnet Ventrella als organisch: Jede Arbeitseinheit hat eine andere Größe und einen anderen Zeitplan, doch eines haben sie gemeinsam: Jede beginnt mit Trial and Error, Versuchen und temporären Lösungen, die erst nach und nach Gestalt annehmen und erst ganz zum Schluss ihre endgültige Form erhalten. Rührt nun jeder Programmierer eines Teams im selben Topf, d.h. existieren keine Ruhepole im Software-Ökoystem, ist Ventrella zufolge ein guter Designprozess schlichtweg unmöglich.

Die „Slow Programming“-Bewegung

Die Entschleunigungsbewegung, die in den 1980er Jahren mit der Slow-Food-Kampagne ihren Anfang nahm, hat sich mittlerweile auf die unterschiedlichsten Lebens- und Arbeitsbereiche ausgedehnt, so auch auf die IT-Welt. Die „Slow Programming„-Bewegung etwa vertritt eine Philosophie, die besonderen Wert auf ein sorgsames Design, qualitativ hochwertigen Code, Softwaretests und längere Entwicklungszyklen legt.

Die Crux des Silicon Valley ist Ventrella zufolge nun, dass die dort ansässigen Unternehmen keinen Wert auf derartige Überlegungen legen. Statt sie ihren „natürlichen“ Abläufen zu überlassen, werden Entwicklungsdynamiken vom Geld diktiert. Hinzu kommt eine, wie Ventrella es nennt, religiöse Obsession für Technologie, eine Fetischisierung von Tools, wie sie von den Zuckerbergs der Welt vorangetrieben wird.

Ventrellas Schlussfolgerung: Eine Gegenbewegung ist nötig, die von Programmierern ins Herz der Softwareentwicklung getragen wird, damit beide (wieder) im Gleichklang schwingen. Denn Programmierer sind keine Datentypisten. Soll heißen: Der Akt des Programmierens umfasst mehr, als Code in eine Tastatur zu hämmern. Vielmehr handelt es sich dabei um einen schöpferischen Akt im Kopf des Programmierers, der beispielsweise auch wärend des Rasenmähens vollzogen werden kann.

Zur Zeit greift die Idee der Nachhaltigkeit um sich, und auch die Softwareindustrie sollte sich laut Ventrella intensiv Gedanken darüber machen. Zu erreichen ist sie für ihn nur durch ein langsames und sorgfältig geplantes Wachstum. Denn, so das Fazit: Schneller ist nicht immer besser. Und wenn alles gesagt und getan wurde, bedeutet langsamer häufig tatsächlich schneller.

Aufmacherbild: Why did the Tortoise Cross the Road von Shutterstock / Urheberrecht: Lauren Pretorius

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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