Wenn Projekt X wieder mal versucht, das Rad neu zu erfinden... - JAXenter

Wenn Projekt X wieder mal versucht, das Rad neu zu erfinden…

Hartmut Schlosser

Ein Ökosystem aus Software-Projekten und -Produkten beherbergt ab einer gewissen Größe unweigerlich eine Vielzahl an Lösungen, die funktional im Großen und Ganzen dasselbe erledigen.

Man kennt das:

Schon wieder mal versucht Plug-in X, das Rad neu zu erfinden!

Bedeuten solche Redundanzen nicht eine Verschwendung von Entwicklerzeit? Ließe sich mehr erreichen, wenn alle am selben Strang zögen und die Projekte entweder zusammengefasst oder komplementär angelegt würden?

Mitch Sonies, Mitglied des Entwicklungsteams der Eclipse-Build-Lösung Buckminster, beklagt sich in seinem jüngsten Blogposting „Do well by doing good at Eclipse“ darüber, dass bei der Einreichung des Maven-Tycho-Projekts bei Eclipse offen von einer Konkurrenzsituation von Tycho zu anderen Build-Lösungen im Eclipse-Ökosystem wie Buckminster, B3, PDE Build und Athena geredet wird. Obwohl eine Kooperation mit Buckminster möglich gewesen wäre, habe das Maven-Tycho-Team den Weg der Konfrontation gewählt.

But no one asked us to collaborate. They just decided that whatever we’re doing is in the way and decided we were „competitors.“ Developer cycles and good code will be wasted on all sides. Users will be confused. And the community will probably end up with something that isn’t as good as it could have been. Mitch Sonies

Deutliche Worte, in denen sicherlich auch die Angst mitschwingt, Maven Tycho könnte ob seiner großen Verbreitung und Popularität auf lange Sicht die anderen Build-Lösungen bei Eclipse verdrängen.

Doch das Problem der Projektredundanzen ist ein allgemeineres und z.B. auch bei Eclipse Modeling (die ähnlich gelagerten Model Repositories CDO und EMFStore) und beim Projekt e4 (verschiedene Rendering-Technologie-Ansätze) vorhanden.

Bei Eclipse gibt es im Grunde keinen Mechanismus, der solche konkurrierenden Überschneidungen von Projekten verhindern würde – und ein solcher scheint auch nicht gewünscht. Zum einen sollen sich die Leiter der Projekt-Management-Committees (PMC), das Gremium zur Organisation der übergreifenden Top-Level-Projekte, ausdrücklich nicht zu stark für eine Konsolidierung der Projektlandschaft einsetzen. Zum anderen betont die Eclipse Foundation selbst immer wieder, dass es nicht ihre Rolle sei, Technologie-Entscheidungen zu treffen.

Mike Milinkovich im Interview mit dem Eclipse Magazin 4.10:

Die Foundation selbst hat niemals die Technologiestrategie ihrer Projekte vorangetrieben. Dies ist eine communitygetriebene Bewegung von unten nach oben. Wir geben weder den Committern noch den beitragenden Mitgliedern eine Richtung vor, wo sie ihre Ressourcen investieren sollen. Mike Milinkovich

Man scheint es also quasi einem evolutionären Prozess überlassen zu wollen, welches Projekt sich schließlich durchsetzen wird. Dass dabei nicht immer die technologische Qualität das entscheidende Kriterium ist, sondern etwa auch die Marktpräsenz und das Marketing-Potential eines Projekt-unterstützenden Unternehmens, dürfte auf der Hand liegen.

Was bei Maven Tycho allerdings noch hinzukommt – und worauf es Mitch Sonies in seinem Blogposting im Grunde ankommt -, ist, dass das Maven-Tycho-Projekt bisher nicht wirklich ein Community-getriebenes Projekt war. Für Mitch ist es bedenklich, dass Eclipse oft nur als reiner Marketing-Kanal benutzt wird und die „Community-Aspekte“ keine Rolle spielen:

You’re more likely to get a return on your Eclipse commitments if your goal is to get technology that’s better than you could develop privately. Conversely, you’re likely to be disappointed if you see Eclipse as some giant marketing channel for an essentially proprietary agenda. Mitch Sonies

Was hier im Grunde auf dem Spiel steht, ist die Definitiion des Begriffs „Eclipse-Projekt“. Genügt es, sich den formalen Richtlinien des Eclipse-Entwicklungsprozesses und der Eclipse-Lizenzbedingungen zu unterwerfen, um sich offiziell „Eclipse-Projekt“ nennen zu dürfen? Oder sollten „weichere“ Kriterien wie Kooperationsbereitschaft, Community-Unterstützung und Diversität dazu gehören?

Wie dem auch sei. Vielleicht liegt es auch einfach in der Natur der Branche, wenn Projekt X wieder einmal das Rad neu erfindet. Immerhin lässt sich so alter Wein in neuen Schläuchen verkaufen – Beispiele dafür, dass man so gute Geschäfte machen kann, gibt es ja schließlich zuhauf.

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Hartmut Schlosser
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