Interview mit Hendrik Lösch zum Welcome-App-Projekt

Integrationshilfe per Smartphone: Wie die Welcome App Germany Flüchtlinge willkommen heißt

Tom Wießeckel

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Heute wurde in München die MobileTech Conference 2016 eröffnet. Hendrik Lösch stellt im Rahmen der Konferenz die „Welcome App Dresden“ vor, eine Anwendung, die Flüchtlingen die wichtigsten Anlaufstellen und Informationen per Smartphone-App zur Verfügung stellt. Wir sprachen mit Lösch über Konzept und Umsetzung der App.

Die von der Saxonia Systems AG und HeiReS gemeinsam entwickelte Welcome App Dresden steht kostenlos für iOS, Android und Windows Phone zur Verfügung und fasst neben allgemeinen Informationen zum Leben in Deutschland auch spezifische Anlaufstellen in Dresden zusammen. Zur Verfügung stehen diese sowohl in Deutsch und Englisch als auch in Arabisch.

Dabei geht es neben spezifischen Fragen zum Umgang mit Ämtern und Behörden auch um das Miteinander in Deutschland, und auch essentielle Fragen – zum Beispiel, wie man im Notfall einen Rettungswagen ruft – dürfen nicht fehlen. Das Besondere dabei: Es sind nicht nur alle wichtigen Informationen zentral an einem Ort gesammelt, sondern auch mit geprüften Adressen hinterlegt, sodass Flüchtlinge direkt an den zuständigen Ansprechpartner verwiesen werden.

Welcome App – eine klassische Cross-Plattform-App

Herr Lösch, können Sie uns kurz erklären, wer genau hinter der Welcome App steckt?

Hendrik Lösch: Initiiert wurde für das Projekt im April 2015 innerhalb der Saxonia Systems AG durch unser Vorstandsmitglied Viola Klein. Ausgelöst durch die PEGIDA-Proteste war es uns von Beginn an eine Herzensangelegenheit zu zeigen, dass Dresden eine innovative, offene und menschenfreundliche Stadt ist. Mit diesem Anliegen konnten wir dann auch binnen kürzester Zeit die ebenfalls in Dresden ansässige HeiReS GmbH als Kooperationspartner gewinnen, mit dem wir nun schon seit einem Jahr gemeinsam an dem Projekt arbeiten.

Natürlich bietet ein solches Projekt zahlreiche Herausforderungen … welchen Zeitrahmen hatten Sie sich zu Beginn der Entwicklung selbst gesteckt?

Hendrik Lösch: Anfangs waren wir tatsächlich mit der Idee gestartet, „nur“ eine App für Dresden zu entwickeln und anderen Kooperationspartnern diese App für zusätzliche Städte zur Verfügung zu stellen. Daher sprechen wir auch immer vom „Welcome App Concept“. Wir entwickelten gemeinsam mit Geflüchteten das Konzept für eine App, die ihre Anforderungen erfüllt. Die App für Dresden war dann die erste Implementierung des Konzepts, das wir nun unterschiedlichen Städten anbieten.

Bei der Umsetzung hat sich die Perspektive vor allem bei der Entwicklungszeit verändert.

Bei der Umsetzung hat sich unsere Perspektive immer mehr verändert. Ganz zu Beginn sind wir von einer Entwicklungszeit von ein bis maximal zwei Monaten ausgegangen. Je mehr wir aber recherchierten und je weiter unsere Dresden-App fortschritt, desto mehr wurde uns bewusst, dass wir eine koordiniert entwickelte, gesamtdeutsche Lösung benötigen, die darüber hinaus auf mehrere Jahre angelegt ist.

Gerade beim Thema Flüchtlinge gibt es natürlich eine nicht zu verachtende Sprachbarriere, die es zu überwinden gilt. Wie haben Sie das Problem gelöst?

Hendrik Lösch: Bei der Anforderungsanalyse hatten wir den Vorteil, mit Sprachschülern zu arbeiten. Diese haben während eines Sprachkurses gemeinsam mit ihrem Lehrer ihre Anforderungen beschrieben. Auch bei späteren Analysen unserer Prototypen hatten wir den Vorteil, zumindest einen Übersetzer zur Verfügung zu haben. Hinzu kommt, dass sich in unserem Team auch ein syrischer Kollege befindet, der uns sehr mit Arabisch geholfen hat.

Bei den Inhalten haben wir konsequent auf möglichst einfache und leicht verständliche Texte gesetzt, die anfangs noch automatisch, dann durch Freiwillige und zukünftig durch professionelle Übersetzer in die jeweilige Sprache übertragen werden. Darüber hinaus setzen wir auf eine möglichst eindeutige Applikationsstruktur um wenig Raum für Missverständnisse zu bieten.

Technische Herausforderungen der Welcome App

Bei der Welcome App handelt es sich um eine klassische Cross-Plattform-App – welche Technologien kamen dabei zum Einsatz?

Hendrik Lösch: Dieses Projekt ist auf vielen Ebenen für uns etwas Besonderes. Zum einen müssen wir möglichst viele Endgeräte unterstützen, da unsere Zielgruppe vor allem ältere iOS- und Android-Geräte, aber auch günstige Einsteigergeräte von Microsoft nutzt. Darüber hinaus handelt es sich um ein Non-Profit Projekt, was natürlich einen gewissen Druck in Bezug auf die Kosten verursacht.

Daher haben wir für die App im Vorfeld eine ganze Reihe unterschiedlicher Frameworks und Werkzeuge in Betracht gezogen. Da sowohl HeiReS als auch die Beteiligten von Saxonia Systems eher durch die Microsoft-Entwicklung geprägt sind, setzen wir den Prototyp zunächst für Windows Phone um, da wir so sehr schnell vorzeigbare Ergebnisse und vor allem Feedback von unseren Nutzern erhalten konnten.

Prototypen werden zunächst für Windows Phone umgesetzt; für iOS und Android setzt man auf Cordova und Ionic.

Für die iOS- und Android-Version wurde die App mit Hilfe von Cordova und Ionic umgesetzt. Diese Kombination stellte sich als hervorragende Lösung heraus, da sie fast all unseren Anforderungen gerecht wird. In der Cordova-Version, die wir nutzen, werden Android-Versionen bis hinunter auf Version 2.3 unterstützt. Dies hat zwar einen Geschwindigkeitsnachteil gegenüber nativer Entwicklung, der für uns in diesem Fall aber vernachlässigbar ist. Dass Ionic kein Windows Phone 8 unterstützt, konnten wir wiederum dadurch kompensieren, dass HeiReS den ehemaligen Prototyp aus der Analysephase zur vollwertigen App inklusive Implementierung für Informationsterminals ausgebaut hat.

Für die Umsetzung unseres Content-Management-Systems setzen wir hingegen komplett auf Microsoft und verwenden ASP.Net MVC sowie Microsofts Azure Cloud. Die Kosten dafür halten sich bisher deutlich im Rahmen und die Integration in den Microsoft Toolstack hat uns während der Entwicklung sehr viel Arbeit und Zeit gespart.

Mit welchen weiteren technischen Herausforderungen sahen Sie sich während der Entwicklung konfrontiert?

Hendrik Lösch: Die Besonderheiten der arabischen Sprache haben uns tatsächlich vor so einige technische Probleme gestellt. Dabei verursacht vor allem die veränderte Schreib-Lese-Richtung einige Schwierigkeiten. Weder Cordova noch Ionic unterstützen dies offiziell. Hinzu kommt noch, dass die typischen Editoren, die man als Entwickler nutzt, äußerst unberechenbar reagieren, wenn sich innerhalb einer Datei die Schreib-Lese-Richtung ändert.

Ein weiterer Punkt sind die generellen Übersetzungen unserer dynamischen Daten. Da jede Stadt eigene Adressdaten bereitstellen kann und jene zukünftig in mehr als sechs Sprachen übersetzt werden sollen, mussten wir uns eine Möglichkeit überlegen wie wir dies in einer Hybrid-App realisieren können.

… und welche nicht-technologischen Hürden mussten Sie nehmen?

Hendrik Lösch: Die größte Hürde eines solchen Projekts ist die Recherche und Pflege der Inhalte. Dabei kann man auf zwei Weisen vorgehen: Entweder man baut eine Redaktion auf, die die Inhalte pflegt oder man bedient sich der Crowd. Wir haben uns für den ersten der beiden Wege entschieden, da man bei Crowdsourcing einen hohen Aufwand für die Qualitätssicherung einplanen muss, sofern man dauerhaft belastbare Informationen bereitstellen möchte. Da das Thema Asyl in Deutschland sehr polarisiert, ist der Aufwand im gegebenen Fall umso höher.

Jener Aufwand relativiert aus unserer Sicht dann auch den eigentlichen Vorteil des Vorgehens – und zwar, dass der Content theoretisch von allein entsteht. Die Redaktion erlaubt es uns darüber hinaus, auch direkt mit Städten und Gemeinden in Kontakt zu treten. Deren Informationen wollen wir in die App integrieren, um einen lokal gültigen Wegweiser für Ankommende in Deutschland bereitzustellen.

Auch die Finanzierung eines solchen Projekts ist eine große Herausforderung.

Last but not least ist die Finanzierung eines solchen Projekts eine Herausforderung. Dabei ist es nicht so sehr die Entwicklung selbst, sondern der Betrieb und die inhaltliche Pflege, die langfristig finanziert sein wollen. Selbst wenn das Projekt auch ohne Gewinnabsichten betrieben wird, so müssen zumindest die laufenden Kosten gedeckt sein um es lange Zeit am Leben zu erhalten.

Sind Sie mit dem fertigen Produkt zufrieden, oder sind bereits weitere Features in Planung?

Hendrik Lösch: Wir waren eine der ersten Initiativen, die Ankommende in Deutschland mit Hilfe von technischen Werkzeugen unterstützt. Mehr oder weniger neben dem allgemeinen Projektgeschäft haben wir von der Saxonia Systems AG und unsere Partner der HeiReS GmbH ein gemeinsames Startup aufgebaut, das ein weltweites Medienecho hervorgerufen hat.

Wir bekommen immer wieder Zuschriften von Personen, die uns sagen, wie sehr ihnen unsere App geholfen hat und so entwickelt sie sich schrittweise nicht nur zu einer Hilfe für Asylsuchende, sondern für jede Art von Migranten. In diesem Zusammenhang bin ich mit dem aktuellen Stand mehr als zufrieden.

Wirklich sichtbare Features wird man jedoch in Zukunft erst einmal nicht erwarten können. Der Fokus des Projekts liegt nun darauf, die App mit lokalen Inhalten zu füllen – und an dieser Stelle haben wir noch sehr viel Arbeit außerhalb der eigentlichen Programmierung vor uns.

5667178346c262152323a183version49sizefullHendrik Lösch ist Consultant und Coach der Saxonia Systems AG. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Design und der Entwicklung von Anwendungen für Kunden im medizinischen oder industriellen Umfeld. Darüber hinaus arbeitet er als Fachautor und veröffentlicht zu Themen im Bereich der Testautomatisierung und des Clean Code.

Aufmacherbild:hanohiki / Shutterstock.com 

Geschrieben von
Tom Wießeckel
Tom Wießeckel
Thomas Wießeckel war von 2009 bis 2017 Redakteur bei Software & Support Media. Seine Themengebiete umfassen Webtechnologien und -Entwicklung sowie die Bereiche Mobile Development und Open Source. Er arbeitete an regelmäßig erscheinenden Magazinen wie dem PHP Magazin mit und hat das Magazin Mobile Technology ins Leben gerufen. Vor seiner Zeit als Redakteur hat er als freier PHP- und Frontend-Entwickler gearbeitet.
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