Teil 5: Inclusive Design - Alle(s) inklusive!

Perspektiven zur zugänglichen Gestaltung

Olena Bochkor

©Shutterstock / Maders

Inclusive Design ist Gestaltung, die das Gestaltete für alle Nutzer zugänglich macht. Der Ansatz ist auf alle Arten von Produkten, Dienstleistungen und Services übertragbar. Es geht darum, Personen mit unterschiedlichen Perspektiven einzubeziehen und ihre Bedürfnisse im Entwurf und bei der Gestaltung möglichst umfassend zu berücksichtigen.

Im letzten Teil unserer Serie geht es um die umfassende Berücksichtigung der besonderen Anforderungen an die Gestaltung digitaler Produkte. Bisher haben wir die Anforderungen ausgewählter Nutzergruppen wie Kinder, ältere Personen oder Anwender mit einem Handicap beleuchtet. Inclusive Design geht noch einen Schritt weiter und versucht, die Ansprüche einzelner Nutzergruppen zu einem umfassenden Designentwurf zu bündeln – tauglich für alle Lebenslagen.

Grundsätzlich gilt: Ein ansprechendes Design ist mehr als nur ein gut gestaltetes User Interface. Es ist die Grundlage dafür, dass die Nutzer eines Produkts als Menschen angesprochen werden. Das Design erfolgt nicht zum Selbstzweck, sondern soll die Bedürfnisse unterschiedlicher Personengruppen berücksichtigen und diese bei der Gestaltung einbeziehen. Ziel ist es, alle an Kunst, Kultur und Information Interessierten teilhaben zu lassen, damit möglichst alle Menschen Produkte und Dienstleistungen ohne Einschränkungen nutzen können. Mit anderen Worten: Produkte und Dienstleistungen sollen dem Nutzer dienen, nützlich sein und für Integration sorgen.

Folgt man diesem Anspruch, dann ist mit Inclusive Design viel mehr als nur Barrierefreiheit gemeint. Diversität und Heterogenität der Nutzerinnen und Nutzer gilt es als das eigentliche Potenzial und die größte Herausforderung eines Designentwurfs zu begreifen. Mit diesem Fokus sollen Lösungen entstehen, die besonders einfach bedienbar und an individuelle Anforderungen anpassbar sind. Werden Probleme ausschließlich aus einer Perspektive gelöst, ist das Gegenteil der Fall: Exklusivität schafft Exklusion und schließt viele Menschen aus. Ein konkretes Beispiel: Beim Entwurf einer Benutzeroberfläche dürfen Entwicklerinnen und Entwickler nicht nur die eigenen Ansprüche und Möglichkeiten im Blick haben. Es gilt, mögliche Hürden der Nutzung zu entdecken und diese zu umgehen. Ein guter Ausgangspunkt sind die folgenden Fragen:

  • Kann die App auch gut von älteren Menschen bedient werden – gibt es eine Möglichkeit zum Zoom für die Größe der Schrift und Symbole?

  • Sind auch weitere Sprachen verfügbar?

  • Ist es ggf. sinnvoll, eine alternative Sprachnavigation anzubieten?

  • Sind die Begriffe auch für Laien verständlich?

  • Sind die Informationen auch unter besonderen Lichtverhältnissen lesbar?

Inclusive Design bedeutet vor allem: von Diversität lernen. Statt nur theoretisch an der Gestaltung zu arbeiten, geht es darum, andere Personen und Organisationen in den Prozess miteinzubeziehen. Inclusive Design zeichnet sich durch Nutzerorientierung, Gebrauchsfreundlichkeit, Anpassbarkeit und durch eine hohe ästhetische Qualität aus. Um diese Ziele zu erreichen, sollten potenzielle Nutzer an möglichst allen Phasen der Entwicklung beteiligt werden. Im Ergebnis sollen die entwickelten Produkte dann einfach und sicher anwendbar sein. Das Design soll sich an Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten richten und eine breite Palette individueller Vorlieben und Möglichkeiten unterstützen. Inklusive Produkte sind für einen breiten Nutzerkreis bestimmt, können aber leicht individuell weiter angepasst werden. Die Bedienung soll unabhängig vom Wissensstand über das Produkt möglichst intuitiv funktionieren. Ihre Gestaltung soll ästhetisch sein. Nur Produkte, die zugleich attraktiv und komfortabel im Design sind, eignen sich für den Massenmarkt und können vorhandene Potenziale ausschöpfen. Vor der Auslieferung müssen Anwendungen in der Praxis auf mögliche Fehlerquellen überprüft werden. Meistbenutzte Funktionen müssen gut zugänglich platziert werden, risikobehaftete Elemente sind in den Hintergrund zu rücken.

Ein Beispiel: Die Nutzung von E-Government, d. h. der digitalen Abwicklung von Verwaltungsprozessen zwischen Bürgern und Staat, steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen. Anstelle von papierlos-digitalen Abläufen hantieren wir noch mit Papieranträgen und -formularen und müssen stets persönlich vor Ort in den Ämtern erscheinen. Natürlich ginge das bereits anders. Dazu bräuchte es jedoch eine umfassende Analyse der Bedürfnisse der Bürger – und diese Bedürfnisse und Möglichkeiten sowie mögliche Einschränkungen müssten bei der Abwicklung von Verwaltungsvorgängen auch berücksichtigt werden. Das erfordert zunächst eine politische Willensbildung sowie die Selbstverpflichtung der Verwaltung zur Inklusion und Barrierefreiheit. Man müsste leicht verständliche und einfach handhabbare elektronische Identifikations- und Unterschriftenverfahren entwickeln, zulassen und für alle Nutzer verständlich erklären. Die elektronischen Funktionen des modernen Personalausweises sind jedoch nur den wenigsten Bürgern genauer bekannt und werden von einer noch kleineren Nutzergruppe auch aktiv eingesetzt. In der Presse liest man in diesem Zusammenhang dann Folgendes: „In einigen Landkreisen lässt sich zum Beispiel online das Auto abmelden, eine Meldebestätigung beantragen, ein Umzug melden oder die Briefwahl beantragen. Doch jedes Land und jede Kommune entscheidet selbst über das Angebot, deshalb gleicht das Angebot bisher einem Flickenteppich.“ Oder wie dazu weiter Constanze Kurz vom Chaos Computer Club gegenüber Welt.de äußerte: „Nicht einmal die Behörden bieten sinnvolle Nutzungsmöglichkeiten für die eID flächendeckend an.“ [1]. Bis zu einem durchdachten Konzept mit umfassendem Designansatz ist es daher noch ein weiter Weg.

Herausforderung: Design für alle

Über viele Jahre wurde versucht, Lösungen für Menschen mit Einschränkungen zu entwickeln. Man hat dabei immer wieder von einem barrierefreien Design gesprochen. Inklusion spielte dabei in seltenen Fällen eine Rolle. Es ging hauptsächlich um Sonderlösungen. Die Zugänglichkeit wurde zwar sichergestellt, die Nutzerinnen und Nutzer müssen jedoch einen Umweg nehmen und werden dann gewissermaßen von den anderen Anwendern getrennt. Als Folge entstanden spezielle Lösungen für begrenzte Nutzerkreise. Inclusive Design revolutionierte diese Sichtweise. Das Ziel ist es, ein Design zu entwerfen, das unmittelbar einen möglichst breiten Zugang für alle interessierte Nutzergruppen bildet. Die Herausforderung besteht darin, Anwendungen so zu gestalten, dass diese sowohl für Nutzerinnen und Nutzer mit besonderen Bedürfnissen als auch für alle anderen verwendbar sind. Viele Ziele können direkt durch Vereinfachung des Bedienkonzeptes und durch bessere Visualisierung erreicht werden. Derartige Produkte mögen zwar beim Designen einen höheren Aufwand verursachen, unterm Strich sparen sie jedoch auch Kosten aufgrund einer besseren Bedienbarkeit, weniger Nachfragen und geringerem Supportbedarf sowie einer Reduzierung von notwendigen Wartungen und Anpassungen.

Die Anforderungen zu analysieren, ist die erste große Herausforderung, die man angehen muss. Eine umfassende Anforderungsanalyse und das Erfassen des Nutzerkontextes sind entscheidend für das Gelingen einer inklusiven Lösung. Designer und Entwickler sollen als erstes die Ausschlussgründe identifizieren und proaktiv nach kritischen Stellen suchen, an denen einzelne Nutzer oder ganze Nutzergruppen ausgeschlossen werden könnten. Nur, wenn man als Entwicklerin und Entwickler einer Anwendung genau weiß, wie und warum Menschen ausgeschlossen werden, kann man konkrete Schritte zur Inklusion einleiten.

Dabei muss im Auge behalten werden, dass der Ausschluss oft nur situativ erfolgt. Aus diesem Grund sollte man sich genau den Kontext anschauen, in dem die Interaktion mit dem Produkt erfolgt. Ein Beispiel: Lösungen, die für gehörlose Benutzer geeignet sind, eignen sich auch für diejenigen Nutzer, die die Videoinhalte auf einem lauten Flughafen oder in einem Café konsumieren möchten. Das bedeutet: Es gibt für beide Umstände eine übergreifende Alternative. Per alternativer Bildausgabe (Video oder Fotos) und mit entsprechenden Untertiteln erreicht man eine große Menge von Nutzern: gehörlose Personen und solche, die durch lauten Kontext vorübergehend Audio-Inhalte nur eingeschränkt abrufen können. Eine zusätzliche Tonausgabe ist dann in der Regel entbehrlich. Das heißt, wir müssen hier nicht entweder Nutzer mit intaktem Gehör besserstellen oder gehörlose Nutzer von Inhalten ausschließen, sondern beide Gruppen können mit einer gemeinsamen Lösung erreicht werden. Im nächsten Schritt ist daran zu denken, wie weitere Nutzergruppen eingebunden werden können. Nutzern mit Sehbehinderungen kann man ggf. automatisch generierte Sprachnachrichten über eine App zur Verfügung stellen.

Zum Ansatz von Inclusive Design gehört grundlegend, dass man Nutzerinnen und Nutzern bei der Interaktion die Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten anbietet. Eine Auswahl ermöglicht es, individuell die Methode auszuwählen, die in der betreffenden Situation am besten geeignet ist. Um Gehörlosen den Zugriff auf Videocontent zu ermöglichen, sind zwei Szenarien denkbar: Die erste Möglichkeit ist ein Transkript zum schnellen Überfliegen. Die zweite Möglichkeit sind Untertitel, die im Gegensatz eine Echtzeitübersetzung des Audio-Inhalts bieten. Von der Untertitelung eines Videos können nicht nur gehörlose Benutzer profitieren: In lauten Umgebungen ist diese Lösung für viele nützlich. Alle Anwenderinnen und Anwender sollten selbst entscheiden dürfen und bei der Wahl des Ausgabemediums die Hoheit haben. Wichtig ist es, Nutzer mit voraussichtlich verschiedenen Zugängen zum Produkt bereits in den Designprozess einzubinden. Nur auf diese Weise kann man über die eigenen Fähigkeiten und Vorurteile hinausschauen. Gut möglich, dass Speziallösungen, die also ursprünglich nur für eine spezielle Nutzergruppe konzipiert wurden, letztlich ein viel breiteres Publikum ansprechen.

Inklusives Design ist eine Win-win-Situation für Kunden und Hersteller der Produkte. Es vergrößert die Reichweite eines Produkts, sorgt für Innovationen und hilft dem Unternehmen, soziale Verantwortung zu übernehmen. Als Hersteller lohnt es sich, den Horizont zu erweitern, groß angelegt zu denken und sich nicht nur auf eine bestimmte Nutzergruppe zu beschränken. Inklusion heißt, von einer großen Zahl an Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften, Stärken und Schwächen zu lernen und zu profitieren [2].

Universal Design als Grundlage

Inclusive Design wird oft synonym zu Design for All und Universal Design verwendet. Alle drei Begriffe sind einander zwar ähnlich, haben jedoch auch grundsätzliche Bedeutungsunterschiede. Design for All steht in engem Zusammenhang mit Inclusive Design. Am Anfang lag der Fokus auf der Untersuchung barrierefreier Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderungen. Der Ansatz entwickelte sich zunehmend zu einer Strategie für integrative Lösungen. Es geht um die Sicherstellung, dass Umgebungen, Produkte, Dienstleistungen und Schnittstellen für Menschen jeden Alters und jeder Fähigkeit in verschiedenen Situationen und unter verschiedenen Umständen funktionieren. Dieser Begriff wird hauptsächlich in Europa und Skandinavien verwendet. Der Begriff Universal Design hingegen stammte ursprünglich aus den USA und wurde von Japan und dem pazifischen Raum übernommen. Zu Beginn lag der Fokus in den USA auf der Berücksichtigung von Behinderungen, von denen viele Veteranen des Vietnamkriegs betroffen waren. Heutzutage wird der Begriff auf alle Lebenssphären übertragen [3]. Universal Design kann ebenso als Grundlage für Inclusive Design betrachtet werden.

Universal Design basiert auf sieben Prinzipien, die von einer Arbeitsgruppe aus Architekten, Produktdesignern, Ingenieuren und Forschern um den Begründer des Universellen Designs, Ronald L. Mace, erarbeitet wurden (Kasten: „Prinzipien des Universellen Designs“) [4].

Prinzipien des Universellen Designs – Ronald L. Mace, Center for Universal Design [4]

  • Prinzip 1 – Breite Nutzbarkeit: Das Design soll für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten nutzbar und marktfähig sein.

  • Prinzip 2 – Flexibilität in der Benutzung: Das Design soll eine breite Palette individueller Vorlieben und Möglichkeiten unterstützen.

  • Prinzip 3 – Einfache und intuitive Benutzung: Die Benutzung des Produktes soll möglichst einfach, verständlich und unabhängig von Erfahrung und Wissensstand des Benutzers sein.

  • Prinzip 4 – Sensorisch wahrnehmbare Informationen: Das Design stellt dem Benutzer die zur Nutzung notwendigen Informationen unmittelbar zur Verfügung. Umgebungssituation und sensorische Fähigkeiten der Benutzer spielen dabei keine Rolle.

  • Prinzip 5 – Fehlertoleranz: Das Design minimiert Risiken und negative Konsequenzen von zufälligen oder unbeabsichtigten Aktionen.

  • Prinzip 6 – Geringer körperlicher Aufwand: Die Benutzung ist effizient und komfortabel bei minimaler Ermüdung möglich.

  • Prinzip 7 – Größe und Platz für Zugang und Benutzung: Die Lösung lädt gewissermaßen zur Bedienung ein.

Breite Nutzbarkeit bezieht sich sowohl auf Menschen als auch auf technische Prozesse. Flexible Benutzung, Fehlertoleranz und eine auch räumlich einladende Gestaltung beziehen sich in erster Linie auf die technische Seite der Anwendungsentwicklung. Möglichst intuitive Bedienbarkeit, das Vorhandensein sensorisch wahrnehmbarer Informationen sowie ein geringer körperlicher Aufwand befassen sich mit dem Menschen selbst und seinen physischen Gegebenheiten.

Inclusive Microsoft Design

Inclusive Design ist nach der Definition von Microsoft eine Methode, die aus digitalen Umgebungen hervorgegangen ist und nunmehr die gesamte Bandbreite der Produkte, Dienstleistungen und Services erfasst. Microsoft empfiehlt den Designern, gezielt nach möglichem Ausschluss von der Bedienung der entworfenen Produkte zu suchen und das als Gelegenheit zu nutzen, um neue Ideen und inklusives Design zu entwickeln [5]. Microsoft stellt dazu zahlreiche Ressourcen wie Toolkits und Booklets zur Verfügung. Auf den Seiten des Webangebotes finden Sie eine umfassende Einführung in die Welt des Inclusive Design. Unter anderem gibt es einen Leitfaden für den einfachen Einstieg. Die darin vorgestellten Richtlinien sind das Ergebnis von qualitativen Interviews mit unterschiedlichen Personen. Das Toolkit kann innerhalb eines vorhandenen Designprozesses verwendet werden. Entscheidend sind folgende drei Erkenntnisse:

  • Behinderung ist konzipiert,

  • Behinderung ist universell und dynamisch,

  • Behinderung inspiriert zu besseren Lösungen.

Ziel von Microsoft ist es, Produkte zu schaffen, die körperlich, kognitiv und emotional für möglichst jede Anwenderin und jeden Anwender geeignet sind. Menschliche Vielfalt wird als Ressource für einen besseren Designansatz angesehen. Inclusive Design orientiert sich an den folgenden Prinzipen:

  • Exklusion erkennen: Man darf Probleme nicht nur aus einer Perspektive und auf der Grundlage eigener Ansichten und Bedürfnisse lösen. Laut WHO ist Behinderung „nicht nur ein Gesundheitsproblem. Es ist ein komplexes Phänomen: Es ist eine Interaktion zwischen körperlichen Merkmalen einer Person und Merkmalen der Gesellschaft, in der er oder sie lebt.“ [6]. Körperliche, kognitive und soziale Ausgrenzung ist das Ergebnis von nicht übereinstimmenden Interaktionen. Designer sind in der Lage, solche Ausgrenzungen zu beeinflussen und aufzuheben. Durch Ausschlusskriterien können neue inklusive Lösungen generiert werden.

  • Von Diversität lernen: Menschen in ihrer Vielfalt stehen im Mittelpunkt. Wir alle haben unterschiedliche Fähigkeiten, uns an Situationen anzupassen. Das Verständnis für diese Anpassungen ist der Schlüssel zum Erfolg. Anwendungen für den Einsatz auf mobilen Geräten rücken immer stärker in den Fokus. Es stellt sich die Frage: Sind wir gezwungen, uns an die Technologie anzupassen oder passt die Technologie sich an uns an? Um zu begreifen, wie Menschen sich anpassen, muss man die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten.

  • Eine Lösung für alle: Ganz verschiedene Personen profitieren von universellen Lösungen. Ein Gerät für eine Person, die nur einen Arm hat, könnte genauso effektiv von jemandem mit Armverletzung oder von einem frischgebackenen Elternteil mit Kind auf dem Arm eingesetzt werden.

Das Toolkit ermöglicht es, bestehende Prozesse zu bewerten, neue Herangehensweisen zu entwickeln und auszuprobieren. Ein erleichterter Zugang zum Produkt, eine verbesserte emotionale Grundlage und der dabei stattfindende Werteaustausch sind Vorteile, die hierdurch erreicht werden können. Das Toolkit zielt ausdrücklich darauf ab, bestehende Designideen zu ergänzen, und nicht, sie zu ersetzen. Inclusive Design wird in bestehenden Produkten ergänzt, um die Inklusivität zu verbessern. Microsoft bietet als Praxisbeispiel einen Musterdesignprozess, der veranschaulicht, wie Inclusive Design in der Praxis eingesetzt werden kann. Danach sind die folgenden Phasen eines Designprozesses zu unterscheiden (Abb. 1):

Abb. 1: Prozess des Inclusive Design nach Microsoft [5]

Abb. 1: Prozess des Inclusive Design nach Microsoft [5]

  • Get oriented: In der Orientierungsphase geht es darum, sich mit den Kriterien von Inclusive Design und den Anforderungen an die Barrierefreiheit vertraut zu machen und daraus eine Liste der für das aktuelle Projekt zutreffenden Kriterien zu erstellen.

  • Frame: Die Erhebung beginnt im Nutzerumfeld. Es ist sinnvoll, potenzielle Nutzer zu beobachten, um zu verstehen, wie sie mit der Welt interagieren. Eine Befragung ist ebenfalls eine gute Möglichkeit, um Informationen zu gewinnen. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass man ein Verständnis entwickelt. Erforschen Sie, welche Einzelpersonen und welche Gruppen von Nutzern durch die Verwendung vorhandener Lösung ausgeschlossen werden und an welcher Stelle noch Reibungspunkte bestehen. Wichtig ist es, die individuellen Bedürfnisse und Motivationen einer möglichst breiten Nutzerschicht immer im Auge zu behalten.

  • Ideate: Anhand von Beobachtungen und Befragungen entstehen nun neue Ideen. Die Ideen des Inclusive Designs erweitern und bereichern dabei Ihre eigenen Ideen. Es ist empfehlenswert, ähnliche Entwürfe zu übergreifenden Konzepten zusammenzufassen.

  • Iterate: Ermitteln Sie, welche Rolle Ihr Produkt im Leben einer Person spielt. Erstellen Sie einen originalgetreuen Prototyp Ihres Konzepts. Simulieren Sie das Spektrum der Nutzer und verwenden Sie dabei den Prototyp. Führen Sie Usability-Tests des Prototyps mit Personen entlang des Nutzerspektrums durch. Überprüfen Sie die Zugänglichkeit des Produktes und verfeinern Sie diese.

  • Optimize: Nun können ein High-Fidelity-Prototyp erstellt und Usability-Tests durchgeführt werden. Nutzen Sie die Vorteile von Inclusive Design, um Verbesserungen zu bewerten und zu messen.

Microsoft schlägt die Anwendung von sogenannten Activity Cards vor. Diese sind entwickelt worden, um den Designprozess zu unterstützen. Organisiert sind sie nach den eben genannten fünf Phasen.

Das Persona Spectrum

Microsoft verwendet ein Personenspektrum, um die menschliche Vielfalt im Zusammenhang mit permanenten, temporären und situativen Behinderungsszenarien besser zu verstehen. Das ist ein Hilfsmittel, um Lösungen für ein breites Publikum zu entwickeln. Abbildung 2 verdeutlicht den Ansatz. Das Spektrum hilft dem Designer dabei, mögliche Nutzerinnen und Nutzer nicht nur über die demografischen Informationen wie Alter, Standort, Geschlecht oder Bildung zu definieren. Die Infografik ist nach drei spezifischen Typen gegliedert: permanente, temporäre und situative Einschränkungen.

Abb. 2: Personenspektrum nach Sinnesfähigkeiten mit permanenter, vorübergehender oder situationsbedingter Einschränkung [4]

Abb. 2: Personenspektrum nach Sinnesfähigkeiten mit permanenter, vorübergehender oder situationsbedingter Einschränkung [4]

Das Persona Network umfasst Freunde, Kollegen, Familienmitglieder und fremde Menschen. Die Idee basiert auf der Erkenntnis, dass Menschen nie völlig losgelöst agieren, sondern zueinander in ständiger Interaktion stehen. Bezieht man von Anfang an mehrere Nutzergruppen in den Designprozess ein, haben wir eine viel breitere Basis. Die Nutzerinnen und Nutzer zeigen uns nicht nur, was sie benötigen, sondern helfen uns auch bei der Erarbeitung der Lösungen. Im Idealfall liefern sie uns die passenden Lösungsansätze direkt mit. Mit anderen Worten: Personen, die Probleme bei der Nutzung eines Produktes haben, wissen selbst am besten, wie sie sich einen geeigneten Designansatz vorstellen würden. Stellen Sie sich einfach einmal vor, alle Beschriftungen in einem öffentlichen Gebäude wären ausschließlich in Blindenschrift (Braille) angebracht. Die Gruppe der ausgeschlossenen Nutzer, d. h. der Besucher ohne Kenntnis der Blindenschrift, wäre sehr groß.

Inclusive Components

Bei Inclusive Components handelt es sich um einen Blog mit Pattern-Library [7]. Das Ziel dieser Sammlung inklusiver Komponenten ist es, Wissen und Informationen rund um das Erstellen inklusiver Webseiten zusammenzutragen. Anhand typischer Webelemente wie Tabellen und Menüs werden Ideen für eine praktische Umsetzung inklusiven Designs präsentiert.

Beispielsweise steht dort beim Thema Datentabellen der Hinweis, dass die Nutzung des HTML-Elements <table/> ausschließlich für die Präsentation von Datentabellen erfolgen sollte. Auch Überschriften, Zeilen und Spalten gilt es, stets korrekt zu definieren. Werden Tabellen als Mittel für das Layout missbraucht, können Screenreader damit nicht zurechtkommen.

Fazit

Inclusive Design übernimmt jetzt die neue Rolle der allumfassenden Produktgestaltung. Es geht nicht mehr nur um subjektives Gefallen und um ein ästhetisches Erscheinungsbild. Vielmehr geht es darum, den Zugang zu einem Produkt, in unserem Fall zu einer App oder Webseite, für möglichst viele Anwendergruppen zu öffnen. Statt exklusive Benutzerschnittstellen für ausgewählte Anwender zu konstruieren, begeben wir uns auf die Suche nach einer möglichst generischen und umfassenden Lösung. Produkte sollen Nutzer unterstützen und nicht behindern. Das Interessante daran ist, dass einfache Lösungen oft die besten sind. Klare Strukturen bewirken, dass der Designansatz direkt der Funktion folgt. Die neuen ausdrucksstarken HTML5-Elemente (semantisches HTML5) sind dafür ein gutes Beispiel.

Weitere Informationen zu diesen und anderen Themen der IT finden Sie unter http://larinet.com.

Links & Literatur

Verwandte Themen:

Geschrieben von
Olena Bochkor
Olena Bochkor
Olena Bochkor studierte Betriebswirtschaftslehre u. a. mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik. Weitere Informationen zu diesen und anderen Themen der IT finden Sie unter http://it-fachartikel.de.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
4000
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: