Barrierefreiheit im Web

Digitaler Zugang für alle – Wie barrierefreie Webseiten und Apps gelingen

Jan Wolter

© Shutterstock / Robert Kneschke

Damit ein digitales Produkt von allen Menschen einwandfrei genutzt werden kann, reicht eine gute UX und fehlerfreier Code nicht aus. Entwickler müssen die Anwendung auch so programmieren, dass sie Menschen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen problemlos bedienen können. Worauf es dabei besonders ankommt und mit welchen Tipps Webseiten und Apps barrierefrei entwickelt werden können, erklärt Jan Wolter, General Manager EU bei Applause.

Ob im Bankwesen, beim Einkaufen, im Gesundheitswesen oder in den Medien – ein Großteil der menschlichen Aktivitäten, die zuvor in der physischen Welt stattfanden, ist nun primär digital. Doch während in der physischen Welt umfassende Maßnahmen zur Barrierefreiheit (etwa ausgewiesene Sitz- und Parkplätze oder Rollstuhlrampen) alltäglich sind, haben viele digitale Produkte hier noch immer Nachholbedarf. So bestehen für Menschen mit Beeinträchtigungen nach wie vor große Hürden, wenn sie mit Webseiten und Apps interagieren wollen. Die Verwendung gängiger Webseiten-Elemente wie Navigationsleisten, Radiobuttons, Schieberegler oder Formulare sind nur einige von vielen potentiellen Herausforderungen.

Diese zu beseitigen, ist sowohl aus moralischer als auch aus finanzieller Sicht ein Must-do für Unternehmen und Entwickler. Schätzungsweise leben eine Milliarde Menschen weltweit mit einer Einschränkung. Mit Fortschreiten der digitalen Transformation wird das Thema immer relevanter und drängender. Ein Beispiel: Im Jahr 2019 gab es in den USA laut UsableNet im Durchschnitt jede Stunde eine Klage des ADA (Americans with Disabilities Act) gegen unzugängliche Webseiten. Doch nicht nur rechtliche Klagen sind für Unternehmen schmerzhaft. Auch entgangene Gewinne, die durch einen nicht unbeträchtlichen Teil der ausgeschlossenen Nutzergruppen entstehen könnten, machen das Thema digitale Barrierefreiheit relevant.

Die wichtigsten Aspekte digitaler Barrierefreiheit

Damit ein Endprodukt letztlich den Ansprüchen digitaler Barrierefreiheit genügen kann, muss das Thema schon früh im Entwicklungsprozess berücksichtigt werden. Die internationalen Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) sollten von Anfang an die Grundlage für alle Entscheidungen über das Webdesign bilden. Die WCAG 2.1 umreißen vier Schlüsselprinzipien, an die sich alle Webseiten halten sollten.

  • Prinzip 1: Wahrnehmbar – Der Benutzer muss Informationen und Bestandteile der Benutzerschnittstelle mit den Sinnen identifizieren können. Für die meisten Nutzer bedeutet dies, ein System primär visuell wahrzunehmen. Für andere kann die Wahrnehmbarkeit eine Frage des Klangs oder der Berührung sein. Neue und aufkommende Technologien können sensorische Hinweise für Geruch und Geschmack enthalten. Diese gelten ebenfalls als Beispiele für „wahrnehmbare“ Technologie.
  • Prinzip 2: Bedienbar – Bestandteile der Benutzerschnittstelle, Navigation und andere notwendige interaktive Elemente müssen vom Nutzer erfolgreich bedient werden können. Für viele Nutzer bedeutet dies, dass sie ein Bedienelement visuell identifizieren und dann klicken, tippen oder streichen müssen. Für andere Nutzer kann die Verwendung einer Computertastatur oder von Sprachbefehlen das einzige Mittel sein, mit dem sie die Schnittstelle bedienen und steuern können.
  • Prinzip 3: Verständlich – Verständliche Technologie ist konsistent in ihrer Präsentation und ihrem Format, vorhersehbar in ihrem Design und ihren Nutzungsmustern, prägnant, multimodal und in ihrer Stimme und ihrem Tonfall für das jeweilige Publikum geeignet. Die Benutzer sollten in der Lage sein, den Inhalt zu verstehen und die Bedienung der Schnittstelle zu erlernen und sich daran zu erinnern. Ein Beispiel wäre, den Inhalt von Webseiten als Option in einfacher Sprache zu gestalten.
  • Prinzip 4: Robust – Robuste IT ist standardkonform und so konzipiert, dass sie zuverlässig von einer großen Auswahl an Benutzeragenten einschließlich assistierender Techniken interpretiert werden kann. Die Nutzer sollten in der Lage sein, die Technologie auszuwählen, die sie zur Interaktion mit Webseiten, Online-Dokumenten, Multimedia und anderen Informationsformaten verwenden.

WCAG 2.1 noch kein Standard bei Unternehmen

Die WCAG-2.1-Standards geben einen Definitionsrahmen für erfolgreich umgesetzte digitale Barrierefreiheit. In der Europäischen Union sind sie bei öffentlichen Stellen für neue Webseiten seit dem 23. September 2019 und für bestehende Webseiten ab dem 23. September 2020 verbindlich. Obwohl Unternehmen die Relevanz des Themas mittlerweile erkennen, haben viele die Richtlinien noch immer nicht umgesetzt. Dies hat auch eine weltweite Umfrage von Applause unter mehr als 100 QS-Fachleuten bestätigt. Während die meisten Befragten angaben, dass das Thema entweder eine hohe oder sehr hohe Priorität habe, gab mehr als die Hälfte der Befragten an, dass die Webseite ihres Unternehmens nicht den WCAG-2.1-Standards entspricht oder dass sie sich nicht sicher seien, ob die Anforderungen erfüllt werden.

Barrierefreiheit als integraler Bestandteil des Entwicklungsprozesses

Worauf kommt es also an, um die Richtlinien erfolgreich umsetzen und Menschen mit Beeinträchtigungen ein einwandfreies digitales Erlebnis ermöglichen zu können? Zunächst ist wichtig: Viele der Probleme, mit denen eingeschränkte Nutzer konfrontiert werden, sind nicht auf Fehlleistungen in der Entwicklung oder böswillige Entscheidungen zurückzuführen. Häufig fehlt es einfach an genügend Bewusstsein und Wissen über die Problematik und seine vielfältigen Ursachen und Auswirkungen. Um dies zu ändern, bilden kostenlose Hilfsmittel wie das kürzlich veröffentlichte Accessibility-Tool von Applause einen guten ersten Ansatz. Derartige Tools identifizieren und lösen automatisch die wichtigsten Mängel und reduzieren so die Zeit und die Ressourcen, die mit einer Behebung in einem späteren Entwicklungsstadium verbunden sind. Darüber hinaus schulen sie die Entwickler, die durch die Anwendung des Tools mehr Erfahrungen sammeln und ein größeres Problembewusstsein entwickeln.

Um digitale Erlebnisse letztlich umfassend bewerten und an geltende Standards und Richtlinien angleichen zu können, bleibt der weitere Schritt einer manuellen Einschätzung durch Experten erforderlich. Diese sollten vom ersten Moment der Designkonzeption bis hin zur Bereitstellung des Endprodukts einbezogen werden. Der Einsatz von professionellen Testern mit unterschiedlichen Anforderungen, sei es Sehbehinderung, Motorik oder Sprachschwierigkeiten, ermöglicht es den Entwicklern und Designern, aus erster Hand zu hören, wie sich ihre Entscheidungen auf reale Kunden auswirken. Gleichzeitig gewinnen sie praktische und wertvolle Erkenntnisse, die sonst vielleicht schwer fassbar geblieben wären.

Ein menschenzentrierter Ansatz beim Testen kann ebenfalls besonders helfen, wenn es um die Entwicklung von Sprachanwendungen geht. Diese sind gerade für Nutzer mit Einschränkungen von unschätzbarem Wert. Häufig entstehen hier jedoch Schwierigkeiten beim Verstehen von regionalen Akzenten oder von Nicht-Muttersprachlern. Wenn Sprache aber für den Nutzer die einzige Möglichkeit darstellt, um auf einen Dienst zuzugreifen, kann ein gutes Design den Unterschied zwischen dauerhafter Kundenbindung und völligem Verzicht ausmachen.

Die Zeit zum Handeln ist jetzt

Auch wenn sich ein barrierefreies Online-Erlebnis nicht von einem auf den nächsten Tag umsetzen lässt, lohnt sich die langfristige Anpassung des Entwicklungsprozesses. Nicht zuletzt, weil in den nächsten Jahren neue gesetzliche Richtlinien auf Unternehmen zukommen werden: Der am 9. April 2019 verabschiedete Europäische Rechtsakt zur Barrierefreiheit (European Accessibility Act, EAA) betrifft unter anderem auch Bereiche wie E-Commerce, Computer, Betriebssysteme und Smartphones und muss von den EU-Mitgliedsstaaten innerhalb der nächsten drei Jahre in nationales Recht übertragen werden.

Aber auch abgesehen von der Gesetzeslage zahlt sich ein frühzeitiges Umdenken aus. Es ermöglicht Unternehmen, einen großen, aber weitgehend unversorgten Teil der Gesellschaft mit beträchtlicher Kaufkraft anzuziehen und gleichzeitig den wichtigsten Teil eines Unternehmens – den Kunden – wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Letztendlich sollten alle Unternehmen und Entwickler, die sich eine gesunde, profitable Zukunft sichern wollen, die Zugänglichkeit ihrer digitalen Angebote jetzt zu einer Priorität machen.

Geschrieben von
Jan Wolter

Jan Wolter ist General Manager EU bei Applause.

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