Verhärtete Fronten

Die Web-Entwicklung, Albtraum oder nicht? Die Community diskutiert!

Michael Thomas

© Shutterstock.com/jannoon028

Ein Artikel des Medium-Users „Drew“ zum – seiner Meinung nach – bedauernswerten Zustand der modernen Web-Entwicklung hat nur wenige Tage nach seiner Veröffentlichung zu einer gewaltigen Kommentarschlacht geführt. Wir nehmen einige der zahlreichen Stimmen genauer unter die Lupe.

Glaubt man dem auf Medium veröffentlichten Artikel, könnte man die moderne Web-Entwicklung getrost in die Tonne treten. Für eine solch polarisierende Meinung wenig verwunderlich, haben sich zahlreiche Entwickler zu Wort gemeldet, die Drews Standpunkt – teils mithilfe saftigen Vokabulars – gehörig Kontra geben. Allein in den diversen Reddit-Diskussionssträngen haben sich mittlerweile über 1000 Kommentare angesammelt.

Dabei ist das Echo insgesamt recht zwiespältig und läuft vielerorts auf einen Grabenkampf zwischen Kritikern und Befürwortern von JavaScript hinaus. Die Emotionalität der Debatte lässt sich dabei insbesondere an den zahlreichen Ad-hominem-Argumenten ablesen, die Drew u. a. (und in deutlich schärferer Form) mangelndes Wissen bzw. mangelnde Lernwilligkeit sowie eine Scheuklappenmentalität vorwerfen.

This article is from someone who’s a shitty web developer. […] They are so used to doing the bare minimum to build a UI with jQuery and some CSS. Now that new concepts like state management and isomorphisism have emerged these idiots can’t keep up. – Dirty_Rapscallion

Früher war alles besser (?)

Doch was ärgert die Reddit-User am meisten? Drews Aussage, dass die Web-Entwicklung in früheren Zeiten eine angenehmere Angelegenheit gewesen sei, widerspricht beispielsweise der Reddit-User „kniteli“: Diese sei hingegen erst seit circa ein bis zwei Jahren wirklich zumutbar, in erster Linie weil sich die Entwickler endlich auf gewisse Standards verständigen konnten und diesen auch folgen. Der Nutzer „Me00011001“ lässt sich gar zu einer gespielt großväterlichen Erzählweise hinreißen:

All these damn kids, don’t remember what it was like trying to do web development without any kind of a development environment. Debugging your JS on the page it’s running on? What is the JS you speak of? Debugging your HTML & CSS while being able to tweak value through your developer tools? We had F5 and we liked it (no we didn’t, it sucked). Now get off my lawn! Serisouly, shit has never been better for web development.

Eine nicht unumstrittene Sichtweise: Der User „k-zed“ etwa ist der Ansicht, dass das Web der 1990er zwar hässlich anzusehen war, dafür jedoch auf einfachen und gut designten Technologien basierte und über eine im Vergleich zu heute überlegene Semantik verfügte. Mit letzterem meint er, dass moderne Websites den Nutzer häufig im Unklaren darüber lassen, was nach dem Anklicken eines Links geschieht. Zudem attestiert er der heutzutage zugrundeliegenden Technologie (inklusive Bibliotheken), aufgebläht und überkompliziert zu sein. Seine Folgerung:

The only way forward is to burn it all to the ground and start again – with a clean document storage, searching and display system (the web should have been this, stayed like this), while anything interactive should get its own open, documented, text-based, standard protocol and should run through native clients (e.g. in this ideal world, there would be no reddit – its place would be taken by an improved NNTP).

Node.js und die Technologieflut

Besonders Drews Attacke in Richtung Node.js konnte zahlreiche Meinungsbeiträge generieren. So sieht der User „noratat“ nicht die Sprache an sich als Problem an, sondern vielmehr das seiner Ansicht nach furchtbare Tooling sowie Defizite im Bereich der Versionierung, wobei er in erster Linie die Community in Haftung nimmt. Diese sei u. a. für zum Haareraufen führende Umstände wie häufige Breaking Changes im Rahmen von Bibliotheks-Upgrades sowie die bei vielen Bibliotheken anzutreffenden transitiven Abhängigkeiten, die zur Anfälligkeit von Projekten beitragen, verantwortlich.

Ein Argument, das den Nutzer „theCmachine “ nicht anficht:

Node is awesome, there’s far too much you can implement with it to ignore it completely. Furthermore, great developers will have experience with „bad“ frameworks and come away with positive experiences with other frameworks reinforced […] Great Developers come away from shit pile projects with valuable experience, they push the next death march project into successful spot, regardless of technology.
PHP, JS, Java, GO, (Perl?). If you’re a great Developer, you can overcome language limitation, and avoid publishing butthurt articles covering topics you don’t fully understand.

Auch der Nutzer „IAmNotKevinBacon“ verortet das Problem nicht bei Node selbst, sondern den Entwicklern. Diese würden ständig Technologien fallen lassen und anschließend so tun, als habe es die vorherigen nicht gegeben:

If developers would stop learning something new and trying to do everything with it to look bleeding edge, it wouldn’t be as much of a problem. They won’t, though, so they need more tools or frameworks to pull of the job and write them. Some developers see that tool, likes it, and it blows up. […] Everyone, including the person or team supporting the old tool, abandons the previous one, and the new one is the „standard“.

Gerade dieser Umstand, der konstante, in kurzen Zeitabständen eintrudelnde Nachschub an neuen Technologien und die damit einhergehende Geisteshaltung der Web-Entwickler, immer auf der neuesten Welle mitzuschwimmen, wird auch von zahlreichen weiteren Kommentatoren kritisch thematisiert. So schreibt beispielsweise „untitleddocument37“:

My biggest problem with „web dev“ is that every 6 months some other „tech“ comes out claiming it’s the new big thing, most of them fall to the wayside, some find niche fanclubs and then the most directly applicable (like PHP sadly) go mainstream. But it’s not just the „new tech“ every 6 months that’s the problem, it’s that the „web devs“ actually think it’s important and usually they think that because they lack the experience and perspective to know better.

In der Folge gibt der User „rageingnonsense“ noch zu bedenken, dass einige Ausprägungen der modernen Webentwicklung der Nutzererfahrung abträglich sind: Zwar seien die zahlreichen Bibliotheken, die sich Schicht um Schicht stapeln, der Entwicklung zuträglich, in vielen Fällen folge daraus jedoch eine mangelhafte Performance:

New tools are great, but performance needs to be taken into consideration. The web is almost unusable on a mobile device; it is such a frustrating experience. So much Javascript!

JavaScript im allgemeinen

Etwas härtere Prügel muss Drew für seine sinngemäße Aussage „JavaScript hat keine Standardbilbiothek, ständig muss man zahllose Module nachladen und hat trotzdem keine anständige Lösung“ einstecken. Der User „rektide“ beispielsweise kritisiert dies als unrealistischen Wunsch nach der eierlegenden Wollmilchsau, von dem sich JavaScript-Programmierer ihm zufolge schon längst verabschiedet hätten:

Are we supposed to be sorry that there are choices, and that you have to pick tools that reinforce and work with your choices?

Auch die Kritik an Babel und PostCSS ergibt sich für ihn nur, wenn man fälschlicherweise davon ausgeht, dass jeder Programmierer sie auf exakt die selbe Weise für das selbe Problem nutzt.

Ein generelles Problem bei der Kritik an JavaScript und seinem Ökosystem sieht der User „NeedARest“ darin, dass die Gegenstimmen sehr schnell persönlich werden. Zwar leiste die Community sehr gute Arbeit („I really appreciate people contributing to all kinds of JS/NodeJS libraries/plugins/frameworks“), doch dies könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass Node.js von Beginn an eine schlechte Idee war und JavaScript nicht für das Back-End geeignet ist – ganz zu Schweigen von der bereits von Drew thematisierten Bibliotheksflut. Zusammengenommen mit React, PostCSS und Co. – und trotz einiger brauchbarer Lösungen („Html5 and Css3 are really nice evolution, Bootstrap is great, Backbone is great, Ember is great, Angular even though it always looked like just another Google experiment works pretty well“) – sei man in der Web-Entwicklung deshalb nach wie vor weit von ausgereifter und stabiler Software entfernt.

Der User „Quabouter“ gibt noch zu bedenken, dass, obwohl JavaScript selbst schon viele Jahre auf dem Buckel hat, das Ökosystem vergleichsweise jung ist. Die Community sei deshalb nach wie vor auf der zeitintensiven und von Rückschlägen nicht freien Suche nach den richtigen Tools:

At this moment that may be a little overwhelming, but this is also the perfect opportunity to help shaping the ecosystem of one of the most important languages today. To me that’s very exiting, but if you don’t like that then you can better keep yourself busy with other languages and come back in a decade or so, when the ecosystem likely has stabilized.

Eines wird aus der Kommentarschlacht auf Reddit überdeutlich: Die Fronten zwischen JavaScript-Freunden und Kritikern sind überwiegend verhärtet, die versöhnlichen Stimmen selten. Doch es gibt sie. Der User „colordodge“ etwa formuliert einen Grundsatz, auf den sich beide Lager auf lange Sicht vermutlich werden einigen können:

Good software design – and good design in general – should be about getting the job done with the least amount of complexity possible.

Aufmacherbild: Two businessman finger have argument von Shutterstock / Urheberrecht: jannoon028

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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