Nicht alles was fancy klingt, ist auch fancy

Head over Heels Coordinator oder Software Modelling Coach: Was steckt hinter den Jobtiteln?

Yasmine Limberger

© Shutterstock / Tashatuvango

Unternehmen werden bei Stellenanzeige für Entwickler gerne besonders kreativ. Auch wenn Rockstars und Ninjas mittlerweile weniger gefragt sind, bevölkern eierlegende Wollmichsäue und verschleierte Burn-out-Umgebungen den Stellenmarkt. Doch mit ein paar einfachen Tricks erkennen Entwickler den wahren Kern einer Jobanzeige.

Es ist schon erstaunlich, wie titelgläubig wir sind. Um dem Anwendungsentwickler, dem Systemingenieur oder einem IT-Spezialisten, der für die Bereiche Test und Qualitätssicherung
verantwortlich ist, einen Namen zu geben, lassen sich Unternehmen viele interessant klingende Bezeichnungen einfallen. Beliebt sind dabei englische Titel, um eine gewisse Standardisierung zu Grunde zu legen. Das Ergebnis sind jedoch manchmal recht komisch anmutende Titel, mit denen am Ende doch keiner so recht etwas anzufangen weiß. Vielfach kann man nur erahnen, welche Aufgaben sich dahinter verstecken, wenn ein Titel sich auf der Visitenkarte über zwei Zeilen hinstreckt. Viele Unternehmen beabsichtigen mit immer neu erfundenen Titeln auch eine besonders kreative Motivation ihrer Mitarbeiter.

Beliebt ist dabei die Verwendung der Bezeichnung „Manager“ oder „Senior“, was aussagen soll, dass es sich bei dem Stelleninhaber um eine Person mit viel Erfahrung bzw. viel Verantwortung handelt. Leider ist dies in der Realität nicht immer der Fall, und Jobtitel sind nicht rechtlich geschützt, sodass man nicht davon ausgehen kann, dass ein IT-Software-Manager in einem kleinen Softwarehaus die gleichen Aufgaben zu erledigen hat wie einer, der in der IT-Abteilung einer Versicherung arbeitet. Wie also soll man z. B. aus Titeln der Stellenausschreibungen herauslesen, was genau einen erwartet und wie viel Verantwortung und Eigenständigkeit der Job mit sich bringt?

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Oft werden in den Stellenbörsen die offenen Jobs mit Formulierungen und ausschmückenden Worten beschrieben, die an die beschönigenden Darstellungen von Ferienhotels in den Urlaubskatalogen erinnern. Genau wie man sich hier vor Feriendomizilen in „lebhaften Lagen mit ständig erweitertem Angebot“ in Acht nehmen sollte, weil sich solche meist an der Hauptstraße neben einer Großbaustelle befinden, so sollte auch der Jobsuchende hellhörig werden, wenn in einer Stellenausschreibung von Multitasking oder abwechslungsreichen Koordinationsaufgaben die Rede ist. Hier herrscht in aller Regel Chaos, es wird ein Mädchen für alles gesucht und weniger ein IT-Experte mit klar definierten Aufgaben. Man sollte also bei der Aufgabenbeschreibung auch zwischen den Zeilen lesen und bei besonders kreativen Jobtiteln eher skeptisch sein, denn nicht immer halten die Titel, was sie versprechen. Hier ein paar (reale, aus rechtlichen Gründen anonymisierte) Beispiele aus diversen Internetjobbörsen:

Software Support Migration Manager (m/w)

Ihre Aufgaben:

  • Verantwortlich für die Salespipeline
  • Verfolgen von Leads und Sicherstellung von Follow-up-Einsätzen
  • Gute Kenntnisse des Mitbewerbermarktes zur Verbesserung der firmeninternen Dienstleistungen undstrategischen Positionierung
  • Erarbeitung der Salesquoten sowie der zukünftigen Richtung im Softwareproduktmanagement
  • Zum Teil Verantwortung als Onsite-Projektmanager
  • Erstellen eines gemeinsamen langfristigen Businessplans zusammen mit dem Kunden …

Ihr Profil:

  • Technisches Studium oder eine technische Ausbildung
  • Sehr gute Produktkenntnisse in …
  • 8–14 Jahre Sales- oder Pre-Sales-Erfahrung
  • Tiefgreifende Projektmanagementkenntnisse

Bewertung:

Wer hätte gedacht, dass sich hinter einem Software Support Migration Manager ein strategischer
Sales-Mann/Frau verbirgt, der acht bis vierzehn Jahre (!) Erfahrung in diesem Umfeld mitbringen soll? Ein bisschen Projektmanagement und viel technisches Produkt-Know-how, aber nichts für jemanden, der technisch arbeiten will, sondern ein Job für einen „Hunter“, der Aufträge und Umsatz generieren will.

Systementwickler (m/w)

Ihre Aufgaben:

  • Administration des Systems für Abrechnungs- und Personalmanagement
  • Entwicklung und Betreuung von Schnittstellen zwischen dem System und anderen Programmen
  • Anwendersupport im Bereich Human Resources

Ihr Profil:

Sie überzeugen durch gute analytische Fähigkeiten und schätzen Teamarbeit. Sie verfügen über eine
Hands-on-Mentalität und stellen an sich den Anspruch, jedes Problem in kürzester Zeit selbst zu lösen. Aufgaben gehen Sie selbstständig und strukturiert an. Dafür bringen Sie mit:

  • Berufserfahrung im Umgang mit Human-Resources-Systemen
  • IT-Ausbildung oder relevantes Studium
  • Kenntnisse in der Programmierung (Visual Basic oder C#) sowie im Umgang mit Betriebssystemen und Datenbanken

Bewertung:

Jedes Problem in kürzester Zeit selbst lösen? Hier sollte man damit rechnen, dass es heiß hergeht. Denn auch „Hands-on“ steht für einen eher unstrukturierten Entwicklungsprozess und bedeutet: Ärmel hochkrempeln, Gummistiefel anziehen und sich durch einen undurchsichtigen Dschungel von Systemen, Dokumenten und Anforderungen zu kämpfen. Es wird zwar im Team gearbeitet, aber keiner hat Zeit, dem anderen bei Bedarf zu helfen. Jeder ist sich selbst überlassen. Den drei Aufgaben nach zu urteilen, wird hier nur wenig Neues entwickelt, es gibt ein bestehendes Programm, das gewartet werden muss. Innovative Technologien kommen in absehbarer Zeit nicht zum Einsatz. Wer Karriere machen will, sollte sich hier nicht bewerben.

Web Architekt / Entwickler J2EE / Java EE / Internet (m/w)

Gesucht werden Kolleginnen und Kollegen, die sowohl Erfahrung mit exzellentem Softwaredesign
als auch im Umgang mit Kunden mitbringen. Sie sollten ebenso viel Freude am Formulieren einer
E-Mail, eines Briefes oder eines Angebots in gutem Deutsch empfinden wie beim Entwurf eines Use-
Case-Diagramms oder dem Design von JUnit-Tests.

Ihre Aufgaben:

  • Technischer Ansprechpartner im Projekt
  • Coaching der Projektmitarbeiter
  • Konzeption und Realisierung der Kundenanforderung
  • Aktive technische Mitarbeit im Projekt

Ihr Profil:

  • praktische Erfahrung als SW-Architekt
  • mindestens fünfjährige Projekterfahrung als Entwickler im Umfeld Java/J2EE bzw. Java EE
  • tiefgreifende Kenntnisse von Internettechnologien
  • weitreichende Kenntnis in der Application-Server-Programmierung
  • langjährige Datenbankerfahrung
  • hohe Kunden- bzw. Dienstleistungsorientierung
  • kommunikativ und überzeugend
  • dynamische, treibende Kraft

Bewertung:

Geht es hier um ein oder zwei Stellen? Wird ein Architekt oder ein Entwickler oder etwa beides in einer Person gesucht? Die Aufgaben sind recht allgemein gehalten und betonen den Kundenbezug, aber auch viel administrativen Aufwand (Formulieren einer E-Mail, eines Briefs oder eines Angebots …). Hier finden wir einen Entwickler mit klassischen Architektenaufgaben in einem dynamischen, wenn auch nicht ausdrücklich innovativen Umfeld. Sie werden sich um die Architektur und um die Entwicklung kümmern sowie um diverse andere Dinge. Es wird also ein Allrounder gesucht, der überall mitmacht. Das Projekt wird offenbar mit minimaler Mannschaft angegangen und jeder hat mehrere Aufgaben. Rechnen Sie daher mit einem Haufen Arbeit, vielen Überstunden, aber aufgrund
des Kundenbezugs auch mit viel Abwechslung.

Abb. 1: Ein Manager für alle Fälle

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So durchschauen Sie Stellenanzeigen

Wer sich nach einem neuen Job umsieht, sollte sich nicht von wohlklingenden Jobtiteln blenden lassen. Lesen Sie sich die Stellenbeschreibung und die Anforderungen genau durch und greifen Sie wenn nötig zum Telefonhörer, um nachzufragen, was die Stelle genau beinhaltet. Spätestens im persönlichen Gespräch sollte man dann genau hinterfragen, welche Herausforderungen auf einen zukommen und welche Perspektiven man hat. Vor allem aber sollte man sicher sein, dass man bei der Position seine Qualifikationen und Erfahrungen auch sinnvoll einsetzen kann, sonst ist die Frustrationsgrenze schnell überschritten, wenn man in die Themen nicht tiefer einsteigen kann, die einen interessieren und für die man Verantwortung übernehmen möchte.

Sammeln Sie also so viele Informationen über die Stelle und das Unternehmen wie möglich und versuchen Sie auch mit mehreren Kontaktpersonen über die zu besetzende Position zu sprechen, um verschiedene Eindrücke zu bekommen, die letztlich zu einem klaren Bild führen. Dann können Sie zuversichtlich sein, dass Sie sich in der neuen Position auch langfristig wohlfühlen und der Titel zu den Aufgaben passt. Informieren Sie sich auch auf neutralem Terrain über die eigentlichen Inhalte eines Jobs, bevor Sie Ihr persönliches Karriereziel definieren. Aussagekräftige Beschreibungen finden Sie auf den Karriereseiten der Internetjobbörsen, z. B. www.stepstone.de oder www.monster.de sowie auf www.berufe-lexikon.de. Wer sich für einen technischen Ausbildungsberuf interessiert und nicht genau weiß, welcher Beruf am besten zu einem passt, der kann sich zuvor auf www.it-berufe.de die unterschiedlichen Definitionen jedes IT-Ausbildungsberufs anschauen und dann entscheiden, was den persönlichen Präferenzen am nächsten kommt.

Hier gibt es zum Teil auch Onlineberufseignungstests, die die Entscheidung erleichtern. Seien Sie aber flexibel, denn wie zuvor gesehen, haben nicht alle Unternehmen dasselbe Aufgabenverständnis, und die Rolle kann von Firma zu Firma variieren. Je klarer Sie wissen, was Sie wollen, umso eher werden Sie den Job und das Unternehmen finden, bei dem die Erwartungen auf beiden Seiten übereinstimmen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „IT Survival Guide – Karriere- und Alltagsratgeber für die IT-Branche“ von Yasmine Limberger. Auch in der dritten erweiterten Auflage gibt es für Berufseinsteiger und IT-Experten wieder viele nützliche Tipps und Tricks, um im dynamischen IT-Alltag die eigene Karriere im Blick zu behalten. Der IT Survival Guide rückt dabei aber nicht nur das Thema Karriere in den Mittelpunkt, sondern vor allem auch die praktische Arbeit eines ITlers. Die Autorin verrät, was Personaler und Vorgesetzte heute erwarten, auf welche Persönlichkeitstypen man im Laufe seiner Karriere trifft und wie man mit den unterschiedlichen Spezies am besten umgeht, um seine Ziele zu erreichen und Konflikte zu vermeiden.
Geschrieben von
Yasmine Limberger
Yasmine Limberger
Yasmine Limberger ist Diplom-Betriebswirtin und war viele Jahre in der IT-Beratung tätig. Verantwortlich u. a. für die Bereiche Recruiting, Personalmarketing und Personalentwicklung hat sie langjährige Erfahrungen in der Auswahl von IT-Fach- und Führungskräften. Als Karrierecoach berät Yasmine Limberger heute junge Berufseinsteiger sowie Professionals bei ihrer beruflichen (Neu)Orientierung und Karriereplanung. Die Idee zu dem Buch entstand aus den zahlreichen Feedbacks der Leser ihrer regelmäßigen Karrierekolumne im Windows Developer sowie durch ihre eigenen Alltagserfahrungen in der IT-Branche. Mehr Infos über Yasmine Limberger auch unter: www.karriere-welten.de
Kommentare
  1. Wolf2017-06-20 09:42:06

    Aber auch Headhunter sind meiner Erfahrung nach oft schlecht über den tatsächlichen Job informiert. Vor etwa 10 Jahren wurde mir eine Stelle (Senior Software-Architekt) angeboten die drei (für mich) signifikante Kriterien hatte.
    1) Architektur definieren für die Umstellung der Software von Powerbuilder auf JAVA.
    2) Direkt dem Vorstand unterstehende eigene Abteilung.
    3) Attraktives Arbeitsumfeld.
    Die Wirklichkeit die sich im Gespräch herausstellte war dann deutlich anders. Eine Firma im Ausland war bereits mit der Umstellung der Software beschäftigt, die Architektur war bereits festgelegt. Die Abteilung sollte nicht dem Vorstand brichten sondern erstmal unter der bereits bestehenden Powerbuilder Entwicklungsabteilung angesiedelt sein. Da die Entwickler dort entweder auf Java umgeschult werden sollten oder entlassen werden sollten, sind Spannungen im Team schon vorprogrammiert. Das attraktive Arbeitsumfeld war ein Büro mit Glaswänden im obersten Stockwerk einer Lagerhalle. Die Headhunterin war (ich hoffe ehrlich) überrascht, dass Sie von Ihrem Kunden so falsch informiert worden war.

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