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Was nützen reformierte Java-Prozesse, wenn niemand sie ernst nimmt?

Hartmut Schlosser

Zum ersten Mal stand das neu gewählte Java SE Exekutiv-Komitee vor der Wahl einer neuen Java-Spezifikation: Der JSR 352 stand zur Abstimmung, bei dem es um die Spezifizierung eines Programmiermodells für Batch-Anwendungen und einer Laufzeitumgebung für die Ausführung von Jobs geht (Batch Applications for the Java Platform).

Der JSR wurde zwar angenommen – mit 12 Ja-Stimmen, 2 Enthaltungen und 2 Nein-Stimmen. Doch ist es wie so oft auch in diesem Fall interessant zu sehen, warum sich die Mitglieder Twitter und London Java Community gegen den JSR ausgesprochen haben. In den Kommentaren weisen beide darauf hin, dass sie Probleme mit der Transparenz des JSR sehen.

Vorgesehen ist laut JSR-Dokument nämlich das Einrichten nicht öffentlich zugänglicher Kommunikationskanäle:

The Expert Group will conduct business on a publicly readable alias. A private alias will be used only for EG-confidential information, as needed.

Ein Widerspruch ergibt sich demnach zu den erst kürzlich verabschiedeten neuen JCP-Richtlinien (JSR 348: Towards a new version of the Java Community Process), in denen öffentliche Mailing-Listen und Repositorys vorgeschrieben werden.

Die London Java Community kommentiert ihre Nein-Stimme mit den Worten:

This does not seem to meet the standards of transparency and openness that have been agreed upon. We therefore conclude that we should vote No on JSR 352.

Twitter teilt diese Einschätzung:

Twitter shares London Java Community’s concerns about the lack of compliance with the JSR-348 transparency requirements. We are happy to support this JSR if it does not sanction the usage of a private mailing list.

Man könnte in der Abstimmung nun einen ersten Präzedenzfall sehen, wie ernst die JCP-Mitglieder die Reformbemühungen tatsächlich nehmen. Und der Ausgang der aktuellen Abstimmung spricht hier nicht unbedingt für ein Greifen der JCP-Reform. Doch können die JSR-352-Spec-Leads um IBM-Architekt Chris Vignola immer noch nachbessern – was übrigens der ausdrücklichen Hoffnung der Londoner Java-Community entspricht:

With JSR 348 not accepted, we would also encourage the specification leads to consider adopting that effort for the way in which they conduct this work.

Die Community wird die nächsten Schritte in diesem JSR also wohl mit Argusaugen verfolgen. Und wenn hier nicht nachgebessert wird, müssen sich die Ja-Stimmer die Frage gefallen lassen: Was nützt eine JCP-Reform, wenn nicht einmal die Exekutiv-Komitee-Mitglieder sie ernst nehmen?

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
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