Agile Day JAX 2012

Was jeder über Time to Market wissen sollte – Agilität auf der JAX 2012

Corinna Kern

Scrum, Kanban, XP, Lean: Es gibt die unterschiedlichsten agilen Vorgehensweisen, die mindestens eins gemein haben: Sie versprechen höhere Softwarequalität – zumindest in der Theorie. In der Praxis angewandt ist jedoch längst nicht jedes agile Projekt tatsächlich erfolgreich, und nicht alle Firmen profitieren von Vorteilen wie eine optimale Time-to-Market-Spanne. Gleichzeitig stellt sich bei der Einführung agiler Arbeitsweisen die Frage, welche Methode überhaupt für die Projektanforderungen geeignet ist und welche technischen Anforderungen abgedeckt werden müssen.

Diese und weitere praxisrelevante Themen wurden auf der JAX 2012 im Rahmen des Agile Day vertieft, an dem Methodenberater, Kunden und Entwickler die rund 250 Teilnehmer des Days an ihren Erfahrungswerten in der agilen Softwareentwicklung teilhaben ließen.

Durch das Programm führte Henning Wolf (it-agile), der im Video-Interview das Fazit zieht: Entwickler und Unternehmen setzen gerne und vermehrt agile Software-Entwicklung ein. Rat suchen viele Besucher des Agile Days indes bei der Frage nach den geeigneten agilen Vorgehensweisen, einem vorteilhaften Technologieumfeld und den optimalen Prozessen zur Einführung und Aufrechterhaltung agiler Methoden.

Machen wir einen kurzen Rundgang durch das Programm des Agile Day:

Den Anfang machte Stephan Schmidt, Vice CTO bei brands4friends, der vorstellte, „Was jeder über Time to Market wissen sollte“. Time to Market sei ein „Hebel“, den viele Firmen noch nicht ausreichend beachteten. Doch was ist Time to Market? „Es ist der Zeitraum zwischen der Idee und dem Punkt, ab dem man mit dieser Idee Geld verdient“, so Schmidt. Meist jedoch verzögere sich diese Zeit unnötig, etwa durch Fokusverlust wegen falscher Prioritäten. Optimalerweise setze die Entwicklung erst dann ein, wenn die Probleme bereits gelöst wurden: „Development is a solved problem.“ Gleichzeitig sollte der Fokus von Effektivität auf Effizienz gelegt werden: Nicht die Dinge richtig tun, sondern die richtigen Dinge tun. „Measure, measure, measure“, riet Schmidt schließlich, denn: „Was ich nicht messe, kann ich nicht optimieren.“

Mit „Git im Unternehmenseinsatz“ präsentierten René Preißel (freiberuflicher Berater) und Bjorn Stachmann (etracker) einen Ansatz für die technische Umsetzung agilen Vorgehens. Die dezentrale Vorgehensweise von Git hat sich in Open-Source-Projekten bereits bewährt. Viele Entwickler arbeiten über die Welt verteilt gemeinsam an Projekten. Aber eignet sich das auch für In-House-Projekte? Der wesentliche Vorteil, aber auch gleichzeitige Nachteil, von Git liege in seiner Flexibilität: „Git hat keinen Standard-Workflow, man kann es so aufbauen, wie es für den eigenen Prozess und das eigene Team am besten passt.“, erklärte Preißel. Gleichzeitig bedeute das, dass man sich in jedem Team aufs Neue aneignen müsse, wie mit Git gearbeitet wird. Deutliche Vorteile böten die Möglichkeiten, in der Historie zu forschen und zu recherchieren oder divergente Entwicklungen nachträglich zusammenzuführen.

Aus Entwicklersicht biete Git viele Freiheiten und eine bessere Performance, wie den schnellen Wechsel zwischen Branches, die Möglichkeit zum Stashing und zur Fehlersuche. Auf die Bedürfnisse der Kunden könne zuverlässiger eingegangen werden, dank Continuous Deployment, durchgängige Versionierung und kundenspezifische Konfiguration. Das Fazit der Speaker lautete daher bei allen aufgezeigten Vor- und Nachteilen von Git: „Mehr Kontrolle über das was wir tun gewinnen.“

Torsten Köster von Shopping24 beschrieb im Anschluss, wie man sich vom „Tropf des Entwicklungsdienstleisters“ abkapseln kann. In sechs Monaten habe er mit seinem Team eine vollständige Java-Plattform entwickelt und dabei Scrum eingesetzt. Er riet, mit Scrum dogmatisch umzugehen, denn sonst verlerne man, sich alle Aspekte zu verinnerlichen, die für Scrum aber wesentlich sind. Als den „Scrum-Killer No. 1“ beschrieb er jedoch Festpreise: Agiles Arbeiten erfordere auch agile Finanzierung. Ein Aspekt, der zwar Zustimmung fand, aber bei den Kunden noch oft auf taube Ohren stößt, wie einige Publikumsmeldungen zeigten. Ein umfassender Bericht über die im Projekt verwendeten Tools und Frameworks rundete den Vortrag über Continuous Integration in Kombination mit Scrum ab.

Amüsant gingen dann Henning Wolf und Arne Roock (it-agile) mit Scrum und Kanban ins Gericht: Bei „Deutschland sucht die SuperMethode“ mimten die beiden Speaker die Finalisten „Scrum“ und „Kanban“, die in einem Frage-Antwort-Spiel ihre Vorzüge anpriesen. Mit „Ship happens“ kandidierte Wolf für Scrum, mit dem Wahlkampfslogan „Stop starting, start finishing“ versuchte Roock, das Publikum von Kanban zu überzeugen. Der spaßige verbale Schlagabtausch, bei dem die wesentlichen Merkmale der Methoden kurz, aber prägnant erklärt wurden, endete letztlich in einem Unentschieden.

Sebastian Bauer (inovex) beschrieb „Verlernte Agilität“ und zeigte schleichende Fehler in agilen Prozessen auf. Das Daily Scrum etwa sei weder dazu da, Stichwörter abzuklopfen, noch um einen umschweifenden Bericht über den Arbeitstag abzuliefern. Im Sprint-Planungs-Meeting dürfe der Product Owner das Team nicht überfordern, aber auch das Team nicht in Selbstüberschätzung verfallen. Die Sprint Review sei kein „Product-Owner-Wunschkonzert“, Timeboxes sollten begründet sein, dann aber auch eingehalten werden.
„Scrum ist ein sensibles Ökosystem, Revolution, kein sklavischer Gehorsam, empirisch, aber ein Framework“, schloss Bauer ab.

Stefan Roock beschrieb am Ende des Tages abschließend Lean Startups. Am Anfang stehe die Idee für ein Tool. Die Umsetzung solle stets nach dem Prinzip „Build, Measure, Learn“ erfolgen. Um eben jenen Prozess bestmöglich und in kürzester Zeit zu durchlaufen, böten sich Minimal Viable Products (MVPs) an. Diese eigneten sich auch gut, um den Kundebedürfnissen gerecht zu werden. Entwickler sollten Continuous Deployment dabei nicht scheuen: „Wenn es dir nicht peinlich ist, hast du zu spät released.“

Agilität wird interaktiv

Agile Theorie konnte man auf der JAX übrigens sofort in die Praxis umsetzen: Als Ergänzung zum Agile Day fand zeitgleich der Agile Interactive Day statt, in dem Moderator Martin Heider (infomar software) im Verbund mit den Sprechern Ralf Kruse (agile42), Thorsten Oliver Kalnin und Björn Jensen interaktive Sessions präsentierten.

Und am heutigen Mittwoch geht es weiter mit dem Business Agility Day, der sich vornehmlich an Entscheider und IT-Manager richtet und zeigt, nach welchen agilen Prinzipien eine Unternehmens-IT funktionieren sollte. Nicht umsonst führt die JAX also das Label „Konferenz für Agile“ mit im Titel.

Zum Abschluss hier noch einige Impressionen vom Agile Interactive Day der JAX 2012.

Geschrieben von
Corinna Kern
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