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Interview mit Eric Horesnyi (Teil 2)

Was ist an FinTech-Einhörnern so besonders? Die UX!

Sebastian Meyen
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© Shutterstock / Gustavo Frazao

Wir führen unser Interview fort, in dem mit Eric Horesnyi, Experte für Hochfrequenzhandel, über die FinTech-Bewegung spricht und die Art und Weise wie sie den Ansatz traditioneller Banken verändert. Ein entscheidender Punkt ist der Wandel hin zum Fokus auf die Nutzererfahrung (UX).

Im zweiten Teil unserer Interview-Reihe mit Eric Horesnyi, Gründungsmitglied zweier Finanz-Start-ups und zudem JAX-Finance-Speaker, diskutierten wir über junge Firmen, die bereits verstanden haben, dass eine gute Nutzererfahrung zentral für ein erfolgreiches Wachstum ist.

JAXenter: Handelt es sich hier um die „Uber-Bewegung“ der Finanzwelt, in der ein kluger Aggregator, ohne die gesamte Wertschöpfungskette zu besitzen, das Finanz-Business beherrschen wird?

Eric Horesnyi: Wenn wir Uber als UX-fokusierte Firma, die das traditionelle Geschäftsmodell neu erfindet, verstehen, dann ja. Mich erinnert Uber stets an das deutsche Wort „Über“, das, wenn ich mich recht entsinne, soviel bedeutet wie: Super! Allem anderen erhoben! Genauso fühlen sich Nutzer bei der Bedienung einer UX-fokussierten App.

Wer Nutzererfahrungen kontrollieren kann, hat enorme Macht.

Wer Nutzererfahrungen kontrollieren kann, hat enorme Macht, sei es Facebook, Amazon, Alibaba oder Google. Diese Firmen funktionieren mit „Over-the-top“-Geschäftsmodellen, die ohne eigene Bestände oder Salesforce auskommen. Sie verkaufen untereinander, erschaffen schöne und süchtig-machende Nutzungserfahrungen, halten sich zurück und scheffeln Milliarden.

Ich glaube allerdings nicht daran, dass eine einzige Firma das alles kontrollieren kann – zumindest was die transparente Natur der zugrundeliegenden Technologien angeht. Das Internet wurde vor zwanzig Jahren – an der europäischen Organisation für Nuklearforschung in der Schweiz – geschaffen, um offen zu sein. Die später geschaffene Blockchain – vor acht Jahren in Japan entwickelt –, die den zukünftigen Bank-Systemen zugrunde liegt, basiert per Definition auf Knoten.

JAXenter: Wenn wir schon beim Thema von kontrollierten Märkten im Kontrast zu einem Spieler in Knotent-basierten und vernetzwerkten Märkten sind. Ich glaube, dass traditionelle Finanzinstitutionen eher zum Modell des kontrollierten Marktes tendieren, während FinTech, von Natur aus, dem Netzwerkmodell folgen würde. Bedenken wir den tiefen Graben zwischen den zwei Herangehensweisen: Ist die Herausforderung für Banken nicht viel komplizierter als sich nur ein paar Dinge der FinTech-Bewegung abzuschauen? Was glaubst du wie es sich weiter entwickelt?

Die Finanzindustrie ist, wenn es um Drittanbietersoftware oder gemeinsam geschaffenen Infrastrukturen geht, bereits sehr offen.

Eric Horesnyi: Top-down vs. Bottom-up ist tatsächlich die große Differenz zwischen dem traditionellen Modell einer Verwaltungskultur, der viele Amtsträger nun einmal angehören, und dem pragmatischen, ausgeglichenen Ansatz der FinTech. Allerdings bringt uns Schwarz-Weiß-Denken hier nicht weiter. Eine offene Kultur ist möglich, sobald das gehobene Management die Notwendigkeit von Zusammenarbeit und den richtigen Schwerpunkt verstanden hat. Kooperationen mit FinTech sind auf dem Weg. Aber auch die Adaption von Best Practices, um neue Möglichkeiten zu schaffen und positive Wechselwirkungen entstehen zu lassen, funktioniert ebenso. Einige Banken haben sich für derartige Neuerungen geöffnet. Und die Finanzindustrie ist, wenn es um Drittanbietersoftware oder gemeinsam geschaffenen Infrastrukturen geht, bereits sehr offen, wie es zum Beispiel Radianz im Jahre 2000 oder Symphony heute zeigen.

JAXenter: Beim Thema moderner Firmenkultur werden heutzutage häufig Einhörner wie Netflix, Spotify oder Facebook genannt. Neben den bekannten Fakten, dass sie für gewöhnlich von agilen Konzepten getrieben sind, flache Hierarchien haben und sich durch hohe intrinsische Motivation auszeichnen… Was ist so magisch an ihnen?

Eric Horesnyi: In einem Wort: Nutzererfahrungen (UX). All diese Firmen sind von zielgerichteten, geschickten Unternehmern gegründet worden, die etwas Neues, Nützliches und gleichermaßen Simples erschaffen haben. Alles andere, angefangen bei der Kultur bis hinunter zu Dev und IT-Stacks, Dev Ops, Continuous Delivery, Agile, Microservices, APIs, mobile-first, Skalierbarkeit, Globalität… ist ein Resultat der Besessenheit von UX.

JAXenter: Aber zurück zu großen Organisationen, die sich für gewöhnlich nicht so sehr um Obsessionen oder Leidenschaft kümmern, die oftmals jede Aufgabe der Angestellten in kleine, kontrollierbare Prozesse unterteilen. Wie kann ein UX-Fokus in diesem Kontext erfolgreich sein?

Eric Horesnyi: Viele Banken haben bereits verstanden, dass UX sich auszahlt und dass die Leidenschaft von Angestellten sich auch positiv auf die Firma auswirkt. Es dauert einfach sehr lange es in die Praxis umzusetzen und sowohl das Management als auch die Angestellten dazu zu bekommen.

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Die meisten traditionellen Banken trennen Mobile und Web mit Silo-Architekturen und getrennten Organisationsstrukturen

Sehen wir uns ein Beispiel an: Eine Firma möchte sich Umstrukturieren. Viele Finanzfirmen haben ab 2000 – Early Adopters schon in den 90ern – in großem Maße in ihre Webseiten investiert. 2010 investierten sie dann stark in mobile Applikationen – Early Adopter etliche Jahre zuvor –, was sich als neue Goldgrube abzeichnete. Wenn wir uns die Banken heutzutage ansehen, finden wir oftmals zwei Sparten vor: ein Web-Team und ein Mobile-Team, die Frontend und Backend-Interfaces getrennt voneinander entwickeln. Mit doppelter Anstrengung am Backend kommen einer Multi-Channel-UX deutlich weniger Ressourcen zu Gute und im schlimmsten Fall werden die beiden Interfaces komplett getrennt voneinander – auch in Bezug auf den Inhalt – entwickelt. Und all das nur, weil Mobile als neues Projekt angesehen wurde, das überhastet bearbeitet wurde.

Best Practice: Frontend-Entwickler und API-Entwickler arbeiten zusammen

Best Practice: Frontend-Entwickler und API-Entwickler arbeiten zusammen

Wenn wir nun diese vertikale Organisation mit neuen Unternehmen vergleichen, die jedes Jahr aus dem Boden sprießen, sind sie schlicht teurer, schlechter skalierbar und weniger verlässlich, was in schlechterer, plattformenübergreifender Nutzererfahrung endet. Was Netflix über Jahre hinweg aufgebaut hat, ist nicht nur der Support von 800 Plattformen – nicht nur 20 Mobile-, Tablet- und Web-Clients wie bei den meisten Banken –, die Daten von verschiedenen APIs empfangen können, sondern eine Organisation, die das vereinte Arbeiten von Mobile Web und IoT an neue Grenzen bringt. APIs unterstützen alles gleichermaßen. Frontend-Entwickler werden von API-Entwicklern als Klienten angesehen. API-/Backend-Entwickler fokussieren sich daher auf die Entwicklungserfahrung der Frontend-Entwickler, während diese sich wiederum um das eigentliche User Interface kümmern können.

Einheitliches UX, gutes Teamwork, unterschiedliche kombinierte Fähigkeiten… so sieht Effizienz aus.

Auf Seiten der IT funktioniert all das selbstverständlich mit geteilten Ressourcen – da haben wir sie wieder: die Effizienz. Was passiert also wenn eine neue Plattform supported werden muss? Einfach ein neues User Interface entwickeln und fertig: Bereit für IoT.

JAXenter: Viele FinTechs verlassen sich ebenso auf diese Art der Firmenpolitik. Aber empfindest du sie als essenziell für den Erfolg oder lässt er sich schlicht davon ableiten, dass die Gründer jung und enthusiastisch sind, während sie, sobald die Firmen wachsen, von dieser Vorgehensart verflucht sind und nichtmehr davon loskommen?

Eric Horesnyi: Einige FinTechs haben bereits eine beachtliche Größe erreicht. Doch mit den großen, internationalen Banken verglichen sind sie noch immer klein. Auf den ersten Blick lässt sich natürlich immer sagen, dass kleine Unternehmen deutlich agiler sein können und dass, nachdem 150 Angestellte überschritten wurden, die Dunbar-Zahl überschritten wird. Die Dunbar-Zahl misst genau wie viele stabile Beziehungen ein Mensch gleichzeitig aufrecht halten kann. Nach Messungen sollen es ungefähr 150. Und das stimmt: Beziehungen zwischen 150 können einfach und natürlich sein, während größere Zahlen bereits eine Art Politik benötigen. Sehen wir uns allerdings auch Gegenbeispiele an. Es gibt kleine Organisationen bei denen Firmenpolitik bereits ab 20 oder sogar fünf Menschen angewandt wird. Es ist traurig, aber manche Menschen benötigen einfach eine Verwaltungskultur. Gleichzeitig gibt es auch größere Firmen, die Agilität und Ownership organisieren. Google ist dafür ein gutes Beispiel.  Der Executive Chairman von Google Eric Schmidt erklärt in seinem Buch „How Google Works“, wie die Regeln für den Erfolg im Jahrhundert des Internets aussehen. Ich glaube demnach nicht, dass die Unternehmensgröße ein zentrales Kriterium ist.

Ich glaube den größten Unterschied macht die Kultur. FinTech steht für FINancial TECHnology, was im Prinzip die Anwendung der neusten Technologien auf eine 600 Jahre alte Industrie bedeutet, in der die letzten Innovationen sich zurück auf den „Schienen-Kapitalismus“ der USA vor über hundert Jahren beziehen. Diese Modelle auf den neusten technischen Stand zu bringen wird gelingen – zumindest heutzutage, wo keine Regularien dem Fortschritt mehr im Weg stehen.

In den verbleibenden zwei Teilen des Interviews wird Eric sein Wissen über die immer weiter wachsende Rolle der Technik im Finanzsektor mit uns teilen und den Wert von sogenannten Robo-Advisors erklären.

Interview-Serie zur Technologiezukunft des Bankwesens
mit Eric Horesnyi

Eric Horesnyi war ein Mitgründer von Internet Way (Französischer B2B ISP, an UUnet verkauft) und von Radianz (Global Finance Cloud, an BT verkauft). Er ist Experte für die Infrastruktur von Hochfrequenzhandel und von FinTech, IoT und Cleantech begeistert.

Aufmacherbild: User Experience road sign von Shutterstock / Urheberrecht: Gustavo Frazao

Geschrieben von
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen ist Chefredakteur des Java Magazins sowie des Eclipse Magazins. Außerdem trägt er die Verantwortung für Programm und Konzept sämtlicher JAX-Konferenzen weltweit. Er begleitet so die Java-Community journalistisch schon fast seit ihren Anfängen. Bevor er zur Software & Support Media GmbH kam, studierte er Philosophie in Frankfurt.
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