Abendkeynote mit dem Architekturjournalisten Gerhard Matzig

Was Bauskandale und Software-Katastrophen verbindet: Architektur-Analogien aus der Analogwelt

Diana Kupfer

Der sprichwörtliche Blick über den Tellerrand schärft bekanntlich die Fähigkeit zur Selbstanalyse, fördert die Kreativität und gibt frische Denkanstöße. Was spricht also dagegen, einmal nicht nur die Grenzen der Java-Plattform, sondern auch die der IT zu überqueren, um sich von Problemstellungen und -lösungsstrategien anderer Disziplinen inspirieren zu lassen? Mit diesem Hintergedanken hatte Conference Chair Sebastian Meyen einen Fachfremden als Keynote-Speaker für den Dienstagabend engagiert: den Architekturexperten Gerhard Matzig. Das mag manch einen JAX-Besucher beim Durchstöbern der JAX-Agenda zunächst stutzig gemacht haben. Wer Matzig zuhörte, dürfte allerdings schnell bemerkt haben, dass die Unterschiede zwischen Menschen, die sich in Großprojekten gewaltig verkalkulieren, gar nicht so eklatant sind…

Software- und Gebäudearchitektur haben mehr gemeinsam als man zunächst erahnt. Zwar mag bei der Planung und Errichtung von Gebäuden die Ästhetik im Allgemeinen im Vordergrund stehen, wie Sebastian Meyen am Dienstagmorgen in seiner Eröffnungsrede einräumte. Allerdings erfordern beide Disziplinen die Berücksichtigung unterschiedlichster veränderlicher und unveränderlicher Komponenten sowie fundierte Kenntnisse über deren Zusammenspiel, Lebensdauer und Erweiterbarkeit. Weitblick, die Fähigkeit, in großen Zusammenhängen zu denken und ein hervorragendes Gespür für die Wünsche des Bauherrn bzw. Kunden sind Qualitäten, die sowohl einen guten IT- als auch einen guten Gebäudearchitekten kennzeichnen.

Exot unter den „Nerds“: der Feuilletonist Gerhard Matzig

Aber machen wir uns nichts vor: Es gibt auch Gemeinsamkeiten zwischen Architekturprojekten im herkömmlichen und im IT-Bereich, über die man weniger gerne und offen spricht: zum Beispiel Großprojekte, die wegen explodierender Kosten und unerwartet langer Bauzeiten zu scheitern drohen und – im Fall von Gebäudeplanungen – öffentlich in Verruf geraten. Genau diese unangenehmen Parallelen nahm Gerhard Matzig, seines Zeichens Leitender Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und ausgewiesener (Gebäude-)Architektur-Experte, in seiner Abend-Keynote unter die Lupe.

Als Beispiele dienten die drei skandalumwitterten Bauprojekte unserer Zeit: Da wäre einmal die Hamburger Elbphilharmonie, die jüngsten Berichten zufolge 789 Millionen Euro kosten soll – das Zehnfache des ursprünglich veranschlagten Baupreises. Da wäre zum Zweiten Stuttgart 21, für das es bereits 1970 erste Pläne gab, das aber nach derzeitigem Stand erst 2021 abgeschlossen sein soll. Und da wäre das realsatirisch bis utopisch anmutende Projekt Flughafen Berlin-Brandenburg, dessen Fertigstellung schon gar nicht mehr abzusehen ist.
Die Gründe sind so vielfältig wie in Softwareprojekten auch: zunehmende Baukomplexität durch mehr Subsysteme, d.h. stärker verteilte Zuständigkeiten und dadurch mehr Akteure; Innovation durch neue Konstruktionen und neue Organisationsformen; abnehmende Bauaufsicht seitens der öffentlichen Hand; von vorne herein unrealistische Bauvorhaben; Ausbildung und Wissen von Bauherren (wechselnde Gremien), „Vollkaskomentalität“ bzw. sinkende Risikobereitschaft seitens der Bauherren und Intransparenz seitens der Politik.

Seltener Anblick auf der JAX: „analoge“ Architekturen

Matzig wies allerdings auch auf den Aspekt der öffentlichen Wahrnehmung hin. Denn erst diese lässt, verstärkt durch negative Berichterstattung, das Unplanmäßige zum handfesten Skandal mutieren. Zum einen gab der Journalist zu bedenken, dass das Metier des Architekten in unserer Zeit ohnehin mit starken Vorurteilen behaftet ist. Zum anderen lösen bereits geringe Kostensteigerungen in derlei Bauvorhaben öffentliche Empörung aus und mobilisieren den „Wutbürger“. Das alles sind freilich Probleme, mit denen der Software-Architekt weniger zu kämpfen hat.

Der anekdoten- und pointenreiche Erzählstil des Feuilletonisten machten diese Abendkeynote nicht nur zu einem horizonterweiternden Lehrstück für die JAX-Besucher, sondern auch zu einem unterhaltsamen und humorvollen Ausklang eines langen Konferenztages. Und spätestens nach den ersten herzhaften – und verdienten – Lachern aus dem Publikum dürfte der Exot unter den diesjährigen Speakern seine Berührungsängste mit den „Nerds“, von denen er anfangs noch im Kabarettstil erzählt hatte, verloren haben. Manchmal muss man eben Brücken bauen. Und soviel ist sicher: Interdisziplinarität dieser Art ist ein Bauprojekt mit Zukunft.

Geschrieben von
Diana Kupfer
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