Teil 2

Warum Sie in Interviews nie die ganze Wahrheit erfahren: Fragen und Antworten

Chris Rupp und Dirk Schüpferling

In der Softwareentwicklung stehen wir immer wieder vor der Frage: „Was will der Kunde (oder Anwender) denn eigentlich?“. Ohne eine ausreichende Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung laufen wir Gefahr, ein Produkt zu entwickeln, das eigentlich niemand braucht und erst recht keiner kaufen will. Es müssen also die Anforderungen an das zu entwickelnde System erhoben werden. Hierfür steht uns eine Vielzahl von Ermittlungstechniken zur Verfügung. Allerdings sind nicht alle Techniken für alle Wissensarten (bewusstes, unterbewusstes, unbewusstes Wissen) gleichermaßen geeignet. Mit dem häufig gewählten Interview lässt sich beispielsweise sehr gut bewusstes Wissen ermitteln, wohingegen es für unbewusstes und unterbewusstes Wissen weniger geeignet ist.

Im ersten Teil der Serie haben wir die Notwendigkeit des Einsatzes mehrerer Ermittlungstechniken gezeigt. Bei der Einordnung des Wissens in verschiedene Wissensebenen haben wir gesehen, dass wir durch eine reine Befragung nur einen Teil der Anforderungen unserer Stakeholder ermitteln können. Alle Anforderungen bekommen wir also nur mit dem richtigen Mix aus verschiedenen Ermittlungstechniken. In diesem zweiten Teil möchten wir verschiedene Ermittlungstechniken mit deren Stärken und Schwächen vorstellen. Mit Befragungstechniken können vor allem Leistungsfaktoren (vgl. Kano-Modell aus dem ersten Teil) des Systems ermittelt werden, da diese dem Stakeholder bewusst sind und somit bei ihm erfragt werden können. Der bekannteste Vertreter dieser Kategorie ist das Interview.

Das Interview

Das Interview kann man salopp beschreiben als Technik, bei der dem Stakeholder Fragen gestellt werden und dieser sie beantwortet. Ziel ist es, Hintergründe und Zusammenhänge ans Licht zu bringen, aber nicht ein repräsentatives Ergebnis zu erzielen. Allerdings steckt bei einem guten Interview mehr dahinter. Grundsätzlich teilt sich ein Interview in drei aufeinander aufbauende Phasen auf – Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung.

Ein wichtiger Aspekt in der Vorbereitungsphase ist die inhaltliche Vorbereitung des Interviews selbst. Der Interviewer sichtet die Informationen, welche er im Vorfeld bereits hat, und überlegt sich, zu welchem Thema der Stakeholder überhaupt befragt werden soll. Der Interviewer erstellt sich einen groben Leitfaden mit einem Katalog aus Fragen, welche er vom Stakeholder beantwortet haben möchte. Der größere Teil der Vorbereitungsphase sollte dem Stakeholder gewidmet sein, da dieser letztlich befähigt werden muss, Informationen zu explizieren. Wichtig ist es, sich als Requirements Engineer möglichst gut auf ihn einzustellen. Dazu gehört auch, den Stakeholder auf den aktuellen Stand des Projekts zu bringen oder die beiderseitigen Annahmen bzgl. des Interviews abzuklären. Zu welchem Thema wird ein Beitrag erwartet? Welche Informationen soll der Stakeholder mitbringen? Wie läuft der Freigabeprozess des Interviewprotokolls und was passiert dann mit den Informationen? Und vieles mehr.

In der Phase der Interviewdurchführung gilt es vor allem den roten Faden des Interviews, also den aufgestellten Leitfaden, nicht aus den Augen zu verlieren. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, das Interview mittels Fragetechniken zu steuern. So muss z. B. Verstandenes wiederholt werden, um sich abzusichern, dass man den Stakeholder auch richtig verstanden hat, nachgehakt werden, um weiter in die Tiefe oder Breite zu fragen, zusammengefasst werden, um Sinneinheiten abzuschließen und zu Protokoll zu bringen. Weiterhin muss Wichtiges von Unwichtigem getrennt oder ganze Teile für eine spätere Bearbeitung zurückgestellt werden. Das Ergebnis einer Interviewdurchführungsphase ist das im Interview entstandene Interviewprotokoll.

In der Nachbereitungsphase wird das Protokoll ggf. neu strukturiert und auf einen sauberen, lesbaren Stand gebracht. Anschließend geht es, mit der Bitte nach Feedback bis zu einem bestimmten Zeitpunkt abzugeben, an den Stakeholder. Erst nach seiner Freigabe können die Informationen aus dem Interview weiterverwendet werden, um daraus z. B. Anforderungen abzuleiten.

Geschrieben von
Chris Rupp und Dirk Schüpferling
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