Nicht ohne mein Windows 3.11!

Warum Legacy-Software?

Michael Thomas

© Shutterstock.com/Konstantin Sutyagin

Die Gründe für das Festhalten an Legacy-Software bzw. Altsystemen können recht vielfältig sein. Eines ist jedoch allen gemein: Man sollte sie überdenken!

Der Frage, wie stark Legacy-Software in manchen Unternehmen verwachsen ist und welche Gründe dafür verantwortlich sind, ging die auf die Tech-Branche spezialisierte Autorin Esther Schindler nach. Dazu befragte sie circa 40 Unternehmensvertreter aus aller Herren Länder, wobei es explizit um „normale“ Software, also nicht etwa um maßgeschneiderte oder hauseigene Lösungen, für deren Nutzung meist völlig andere Gründe sprechen als bei ersterer, ging.

„Wenn es funktioniert, rühr‘ es nicht an!“

Nicht ohne ein gewisses Maß an Verständnis – immerhin gibt es deutlich spannendere Angelegenheiten als proprietäre Business-Software – ließe sich der erste der genannten Gründe auch mit „ich will keine Veränderung“ umschreiben. So gab etwa ein von Schindler befragter Unternehmensvertreter an, dass seine Firma noch immer das reichlich in die Jahre gekommene CAD 98 verwendet, schlicht und ergreifend weil die IT-ler es nun einmal auch weiterhin benutzen möchten.

Allgemein gesagt bewegten sich die genannten Gründe für Verwendung von Legacy-Sofware zwischen dem Gefühl, dass sie die beste Lösung für gegebene Probleme darstellt, über einen als zu aufwendig betrachteten Wechsel auf ein neues Programm, schiere Bequemlichkeit, bis hin zu der (teils subjektiven) Notwendigkeit, mit eigentlich veralteten Formaten arbeiten können zu müssen.

Mit dem Grundsatz „Wenn es funktioniert, rühr‘ es nicht an!“ mögen die User ganz gut fahren, diejenigen, die sich um die Wartung kümmern müssen, eher nicht. Wie ein Administrator berichtete kommt häufig erschwerend hinzu, dass das Management nur dann die notwendigen Ressourcen freigibt, wenn sozusagen die Hütte brennt, also beispielsweise ein Betriebssystem sein EOL erreicht hat.

Neue Software = neue (und teure) Hardware

Ein weiterer Grund für die Weiterverwendung von Legacy-Software ist Schindlers Erkenntnissen zufolge ein ähnlich pragmatischer wie die vorhergehenden: Infrastrukturkosten. Die Verantwortlichen schätzen die Kosten für die neue Software, die notwendige Manpower und neue Hardware häufig als deutlich schwerwiegender ein als die Nutzung von Legacy-Software. Ein weiterer Faktor, der zu Tage treten kann: Arbeitsplatzsicherheit! So berichtete beispielsweise einer von Schindlers Reddit-Kontakten von einem früheren Arbeitgeber, der eine PBX aus den 90er Jahren verwendete. Der dafür zuständige Mitarbeiter war der einzige, der sich in dem undurchsichtigen Wirrwarr auskannte – da das Management sich gegen einen Austausch der Anlage sträubte, befand sich dieser somit in einer bequemen, da unersetzbaren Position.

Weitere Gründe – und wie man mit ihnen umgeht

Manchmal wird eine veraltete Software auch nur allein deshalb weiterverwendet, weil die Verantwortlichen deren Austausch erst im Rahmen eines größeren Erneuerungsprojektes durchführen wollen. Doch das kann sich als suboptimale Entscheidung entpuppen, beispielsweise dann, wenn ein einzelnes Programm dafür verantwortlich ist, dass man an einer veralteten Plattform festhält – und somit den Rest der Organisation ausbremst. Als besonders krasses Beispiel für letzteres Szenario nennt Schindler die Regierung von Großbritannien: Diese empfahl Entwicklern demnach noch im Jahr 2012, Websoftware für den Internet Explorer 6 zu entwickeln, da dieser zu jenem Zeitpunkt in den Regierungsbehörden nach wie vor weit verbreitet war – und, worauf einiges hinweist, auch im Jahr 2015 noch ist.

Wie mit diesem Wahnsinn, der offenbar Methode hat, umgehen, ihn abmildern? Schindler nennt mehrere Möglichkeiten. Die einfachste (Brechstangen-)Methode ist dabei, separate Hardware für die Legacy-Software zu betreiben. Zunächst etwas aufwendiger, jedoch etwas zukunftssicherer und eleganter ist die Virtualisierung. Ein virtualisiertes System bietet der Software genau die Komponenten, die es benötigt – wenn sie denn problemlos auf einer VM läuft und sich die Sicherheitsrisiken in Grenzen halten. Egal was man auch tut: Ewig hinausschieben kann – und vor allem sollte! – man den Wechsel zu neuerer Software nicht. Denn klammert man sich wieder besseren Wissens an Altsysteme läuft man nicht nur Gefahr, dass die sie betreuenden IT-ler ihre Zeit mit im Grunde sinnloser (da vermeidbarer) Wartung verschwenden und nichts neues lernen, sondern auch, dass das eigene Unternehmen technologische Innovationen verschläft und so schlussendlich an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt.

Aufmacherbild: Old cog wheels gears background, closeup von Shutterstock.com / Urheberrecht: Konstantin Sutyagin

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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