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Erfahrung oder Talent?

Warum Entwickler keine Berufserfahrung brauchen

Judith Lungstraß

(c) Shutterstock / Max Griboedov

Will man sich um einen Entwickler-Job bewerben, sollte man nicht nur die geforderten Studienabschlüsse und einige nette Zusatzqualifikationen mitbringen, sondern im Idealfall auch bereits mehrere Jahre Berufserfahrung. Einsteiger haben deutlich geringere Chancen auf einen lukrativen Job als diejenigen Bewerber, die sich im echten Entwickleralltag schon bewiesen haben und eine mehrseitige Liste erfolgreich abgeschlossener Projekte als Referenz aufführen können. Doch ist Berufserfahrung tatsächlich so wichtig, wie es die Recruiter dieser Welt vermuten lassen?

Welchen Wert hat die Berufserfahrung?

Was man eigentlich schon als allgemeingültige Regel und etablierten Brauch in den Personalabteilungen von Software-Unternehmen aller Größen bezeichnen kann, wird jedoch von einer mindestens genau etablierten Studie in Frage gestellt. Schon 1968 machten sich Sackman, Erikson und Grant auf, zu untersuchen, welchen Einfluss Berufserfahrung und individuelle Disposition auf die Fähigkeiten eines Menschen als Entwickler haben könnten. Das Ergebnis war überraschend: Weder die Code-Qualität noch die Produktivität eines Entwicklers stehen in Zusammenhang mit seiner Berufserfahrung.

Stattdessen waren große Unterschiede in der individuellen Produktivität der untersuchten Entwickler festzustellen – teilweise waren einzelne Probanden ganze 25 Mal produktiver als ihre Kollegen! Ob diese bereits fünf oder 35 Jahre in ihrem Beruf tätig waren, spielte dabei keine Rolle. So sind Entwickler nicht in die Gruppen „erfahren“ und „unerfahren“ zu kategorisieren, sondern eher in „produktiv“ und „unproduktiv“ oder, noch drastischer ausgedrückt, in „gut“ und „schlecht“. In beiden Gruppen finden sich Entwickler, die gerade erst ihr Diplom überreicht bekommen haben und solche im besten Alter, die schon ihr gesamtes Leben mit dem Schreiben von Code verbracht haben.

Talentshow?

Aber wovon hängt denn nun ab, in welche der beiden Gruppen man sich einzuordnen hat? Vom Talent? Davon, wie gut man im Studium aufgepasst hat? Über die Auswirkung intensiven Trainings auf die Fähigkeiten eines Entwicklers sagt die oben zitierte Studie, übrigens seitdem mindestens acht Mal wiederholt und somit auch heutzutage zweifelsohne noch aktuell, leider nichts aus. Genauso wie wir, vermuten auch die Autoren des Blogs Accelerated Development, dass ein guter Entwickler Fähigkeiten besitzt, die ihn effizient planen und die richtigen Entscheidungen treffen lassen. Welche Funktionen verpacke ich in Klassen, welche Klassen in Module? Nur einige der Fragen, denen sich ein Entwickler täglich stellen muss.

Nun ja, dass es gute und schlechte Entwickler gibt, ist nichts Neues. Bahnbrechend ist lediglich die Aussage, dass ein schlechter Entwickler auch im Laufe der Zeit nicht unbedingt immer besser wird. Realisieren das irgendwann einmal die Unternehmen, dürfte wohl eine moralisch durchaus zweifelhafte Revolution anstehen. Immerhin könnte man das teure, alteingesessene Entwickler-Urgestein entlassen und günstige, karrieredurstige Berufseinsteiger einstellen. Diese würden von jener Entwicklung noch am ehesten profitieren, würden sie doch nach ihrer Ausbildung schneller als bisher einen Einstieg in das Berufsfeld ihrer Wahl finden. Aber worin liegt der Wert eines schnellen Einstiegs, wenn der Ausstieg nach einigen Jahren Berufserfahrung genauso schnell erfolgt, nur weil man dem Unternehmen zu teuer geworden ist?

Diskussion

Was im Rahmen der besagten Studie als bewiesen gilt, möchten wir hier nun zur Diskussion stellen. Sind denn Routine, Erfahrung und die Konfrontation mit möglichst vielen verschiedenen Lösungsansätzen im Entwicklerumfeld wirklich gar nichts wert? Wie steht es mit Ihnen, sind nicht auch Sie im Laufe Ihrer Entwicklerkarriere besser geworden? Oder haben sich lediglich die Technologien weiter entwickelt, Ihre Fähigkeiten, damit umzugehen, sind aber gleich geblieben? Diskutieren Sie mit und lassen Sie uns an Ihrer Meinung teilhaben!

Aufmacherbild: Design, optimization and creating applications for mobile devices von Shutterstock / Urheberrecht: Max Griboedov

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Geschrieben von
Judith Lungstraß
Kommentare
  1. Thomas Nagel2015-06-17 12:34:10

    Zunächst würde ich sagen, dass ich im Laufe meines (schon längeren) Arbeitslebens vor allem gelernt haber, die Anforderungen der Benutzer eines zu erstellenden Systems besser zu verstehen. Weiter habe ich es gelernt, meine (oft abweichende) Meinung zum (von Kunden oder eigenen Vertrierbsleuten) geplanten Lösungsansatz deutlicher zu vertreten.
    Dazu kommt eine gewisse Erfahrung in Bezug auf immer wieder hoch gejubelte neue Hypes. Sehr oft ist es nur alter Wein in neuen Schläuchen. Wohl dem der ein gutes Gedächtnis hat. ;)
    Aber als Entwickler mit Erfahrung fragt man sich ja sowieso oft nur: auf welcher Seite Dilbert sind wir denn heute? Vertriebler haben ja am liebsten Produkte aus dem Regal, und damit keine Probleme und hohe Margen. Eigene Entwicklung scheint eher ein Auslaufmodell, viel zu teuer. Die große Jubelarie z.B. der CW in Bezug auf hochgeschätzte Entwickler kann ich aus dem Feld jedenfalls nicht bestätigen. Hier scheint immer noch der Firmenwagen des Vertrieblers wichtiger als der PC des ENtwicklers.

  2. Alexander2015-06-17 15:06:01

    Klar, kann jeder ohne Erfahrungen programmieren. Das sieht man sehr gut an den vielen Startups und Apps. Aber die Qualität in Bezug auf Wartbarkeit, Sicherheit, Erweiterbarkeit, etc. ist eine ganz andere!
    Sehr sehr sehr viele Einsteiger vergewaltigen die Programmiersprachen und Frameworks ohne die Konzepte und Zusammenhänge zuverstehen. PHP- oder Java-Beispiele aus Anno 200* die auf der ersten Seite von Google stehen, schreien förmlich vor Sicherheitslücken. Aber am Ende zählt ja nur das Ergebnis......:-/

  3. Waldemar2015-06-18 08:38:07

    Wozu Berufserfahrung? Es ist doch Tatsache, jedes Softwareentwicklungsprojekt beginnt bei 0, leider auch der Kenntnisstand aller Projektbeteiligten.

  4. Guido Zockoll2016-01-25 11:59:33

    Für komplizierte Aufgaben braucht man Wissen.

    Für komplexe Aufgaben braucht man Können.

    Zwischen Wissen und Können liegen 10 Jahre Erfahrung und tägliches Lernen aus Fehlern.

    Erfahrung kann man nicht lesen, transferieren oder sonst was. Erfahrung muss man machen - entweder im Beruf oder z.B. in Open Source Projekten.

  5. Tommy2016-01-26 13:07:14

    Betrachtet man nur den Entwickler als Programmierer, dann spielt es meines Erachtens tatsächlich weniger eine Rolle, wieviel Berufserfahrung jemand hat. Doch Entwickler sein, ist heutzutage viel mehr:

    - Kommunikation mit den Kunden und Kollegen
    - Arbeiten im Team
    - Verstädnis von Anforderungen (Funktional als auch Nicht-Funktional)
    - Bestehende Probleme in Projekten und während der Entwicklung
    - Konfliktfähigkeit
    - Präsentation von Ideen und Ergebnissen oder Schulung der Anwender
    - Umgang mit Termin- und Zeitdruck
    - Ggf. Einarbeitung in und Wartung/Weiterentwicklung von Legacy-Systeme

    Waldemar hat geschrieben, dass jedes Softwareentwicklungsprojekt bei 0 beginnt. Das stimmt leider nicht ganz. Viele Softwareprojekte haben einen ähnlich Ablauf, auch (Teil-)Probleme kommen immer wieder vor. Nicht umsonst gibt es z.B. das Buch der GoF und die Notwendigkeit, Entwurfsmuster zu veröffentlichen. Wenn ich das (Teil-)Problem schon vorher gelöst habe, werde ich dieses Problem schneller lösen - ich kenne die Fallstricke und mögliche Lösungswege (zumal wenn Budget und Zeit knapp kalkuliert sind).

    Für diese und mehr Sachen benötigt man Erfahrung, um sie richtig gut zu machen. Ich habe schon gute Entwickler von der Uni gesehen, die beim ersten Anzeichen von Zeitdruck ins Schwimmen kamen. Nach paar Jahren im Unternehmen haben sie sich daran gewöhnt und konnten mit Zeitdruck deutlich besser umgehen.

    Und wer hat schon richtig komplexe und komplizierte Software in der Uni erstellt (Aufwand > 1 Mann-Jahr) ? Auch hier benötigt man Erfahrung, um die Risiken, Fallstricke und Probleme im Vorhinein einschätzen zu können.

    TL;DR
    Die Aufgaben eines Entwicklers haben sich zu 1968 deutlich gewandelt. Heutzutage ist Erfahrung sogar wichtiger als früher.

  6. Hans Wurscht2017-08-22 20:05:30

    1968 hat man auch anders Software entwickelt, das ist doch überhaupt vergleichbar.
    Heute zählt Frameworkwissen, das bekommt man nur durch Anwenden und dazu braucht es einfach Zeit. Zudem tut man sich mit dem nächsten Framework einfacher weil vieles Ähnlich ist, man ist mit der Erfahrung einfach viel schnell in 'neuen' Dingen drinn. So ein Firschlings-Hans Wurscht kann noch so 'talentiert' sein, wenn er nie die passenden Frameworks verwendet hat, ist der einfach unproduktiv die ersten Jahre, auch wenn er theoretisch alles weiss wie es geht. Ist wie bei den Eunuchen die können auch toll mitreden...

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