Theorie vs. Praxis: Warum ein guter Abschluss noch keinen guten Programmierer macht

Kypriani Sinaris

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Jahrelang schlägt man sich mit Hausarbeiten, mehr oder weniger spannenden Seminaren und natürlich einem Haufen Klausuren herum. Am Ende kann man dann stolz sein Diplom-, bzw. heute eher Bachelor- oder Masterzeugnis in der Hand halten und … sich über das Stück Papier freuen. Denn hat man in dieser Zeit auch kostbare Praxiserfahrung sammeln können? Oftmals nicht – findet zumindest Daniel Gelernter.

Daniel Gelernter hat die Erfahrung gemacht, dass Entwicklern mit hohen Abschlüssen im Vergleich zu Autodidakten die Leidenschaft fürs Programmieren fehlt, wie er in seinem Artikel im Wall Street Journal erklärt. Er selbst schaue nicht nach den Abschlüssen sondern nach Menschen, die eine Passion fürs Programmieren haben; die sich die Kunst vielleicht schon zu Schulzeiten angeeignet und sich seitdem weiterentwickelt haben. Er kritisiert, dass selbst Elite-Unis einfach nicht am Puls der Zeit seien und den Studenten gar nicht das Wissen über genau die Programmiersprachen oder Technologien vermitteln könnten, die gerade angesagt und gefragt sind. Gelernter schreibt:

There isn’t a single course in iPhone or Android development in the computer science departments of Yale or Princeton. Harvard has one, but you can’t make a good developer in one term.

Es liegt also vor allem am Lehrangebot der Unis, dass Absolventen oft genau jene Programmierfähigkeiten nicht besitzen, die gerade gefragt sind, so Gelernter.

Theorie versus Praxis

Viele, die lange Jahre an der Universität verbracht haben, kennen sicher das Problem: In der Theorie macht alles Sinn und die guten Noten in den Klausuren beweisen ja, dass man etwas auf dem Kasten hat. Fällt man dann aber ins kalte Wasser des Berufslebens, so können sich Schwächen aufzeigen, die der Arbeitgeber den Bewerbungsunterlagen gar nicht entnehmen konnte. Ist man damit also automatisch ein schlechter Programmierer und hat einfach bei den Noten Glück gehabt? Oder hätte man in der Uni nicht nur das theoretische Handwerkszeug sondern eben auch das praktische Handwerk lernen sollen? Genau das ist der springende Punkt: Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Studenten lernen eben, dem klassischen Anspruch von Universitäten folgend, nur theoretische Grundlagen, aber nicht praxisrelevantes Know-how, wie auch John Croft kommentiert:

It is well established that professional schools and universities teach the fundamentals of their field and that students will graduate and develop their practical skills as junior attorneys, medical residents, or engineers in training.

Ist die Erwartungshaltung von Daniel Gelernter an die Universitäten also zu hoch? Gerade in der IT-Welt, die sich rasant verändert, wäre der Versuch eines Lehrstuhls, immer up to date zu bleiben, die reinste Sisyphusarbeit.

Sein eigener Vorschlag ist, statt eines mehrjährigen Studiums, das viel Geld kostet, Programmierern eine kurze, praktische Ausbildung zu ermöglichen, die die zur Zeit gefragten praktischen Skills vermittelt. Und der Rest: Learning by doing!

Fazit

Sicherlich hat Daniel Gelernter ein wenig schwarz-weiß gemalt. Es kann natürlich auch Programmierer geben, die neben ihren guten, theoretischen Kenntnissen auch praktisch eine Bereicherung für ein Unternehmen darstellen. Trotzdem zeigt sein Artikel auf, dass Forschung und Unternehmen nicht immer Hand in Hand gehen und Vieles, was in Hochschulen gelehrt wird, in Unternehmen keine Anwendung findet – und vice versa.

Was denken Sie? Was ist mehr Wert, eine umfassende Ausbildung oder praktische Erfahrung? Teilen Sie uns Ihre Einschätzung in den Kommentaren mit.

Aufmacherbild: theory and practice balance sign von Shutterstock / Urheberrecht: woaiss

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Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris studierte Kognitive Linguistik an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie Redakteurin bei JAXenter und dem Java Magazin.
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