Warum alle Java hassen

JAXenter: Eine Sache kann ich noch nicht auf mir sitzen lassen: Sie
finden Cobol gar nicht so schlecht. Weshalb ist Cobol eine „nette
Sprache“, wie Sie in Ihrer Sessionbeschreibung schreiben.

Tim Becker: Abgesehen davon, dass COBOL von Grace Hopper, der wohl coolsten
Persönlichkeit der Informatik, erfunden worden ist? Die meisten
Programmierer kennen die Sprache eigentlich nur als Pointe. Dabei
sollte COBOL als Urmutter aller DSLs (Domain Specific Languages)
eigentlich total angesagt sein! In der Domäne „Verarbeitung digitaler
Akten“ ist COBOL unschlagbar. Probleme entstehen, sobald es für andere
Zwecke verwendet wird. Meine Berührung mit COBOL war zugegeben
tendenziell oberflächlich, allerdings konnte ich alle COBOL-Programme,
mit denen ich konfrontiert war, gut nachvollziehen und auf Anhieb deren
Intention verstehen. Das kann ich von Java-Programmen nicht behaupten.

JAXenter: In Ihrer JAX-Session bieten Sie vergleichende Exkurse in die
Bereiche Biologie, Geschichte, Literatur und Philosophie. Können Sie den
Lesern einen kleinen Vorgeschmack geben?

Tim Becker: Der britische Biologe und Sozialist John Haldane hat 1926 ein
entzückendes Essay mit dem Titel „On Being the Right Size“ verfasst.
Darin erläutert er zum Beispiel, warum es keine Riesen gibt und Mäuse kein Bad
nehmen sollten. Er überträgt den Schluss, dass Lebewesen für ihren Zweck
richtig dimensioniert sein müssen, auf gesellschaftliche Konstrukte.
Diese Beobachtung trifft auch auf die Auswahl geeigneter
Programmierwerkzeuge für unterschiedliche Zwecke zu. Viele Java-Programmierer neigen dazu, alle Probleme als Nägel zu sehen, die mit dem
Java-Hammer zu bearbeiten sind. Und damit schließt sich der Kreis über
den Tellerrand zu der Werkzeugtruhe des Schreiners… 🙂

JAXenter: Dann hoffe ich einmal, dass viele Java-Entwickler nach Ihrer Session den Blick über den Tellerrand wagen werden. Vielen Dank für dieses Interview!

Tim Becker ist Senior IT Consultant mit dem fachlichen Schwerpunkt elektronischer Zahlungsverkehr bei der syngenio AG. Seit zehn Jahren ist er im Umfeld IT Security und Zahlungsverkehr tätig, aktuell in der Entwicklung eines EMV-Betriebssystems. Weitere Schwerpunkte: technisches Processing und Online-Payment-Abwicklung. Vor seiner Tätigkeit bei syngenio war er bei Pago eTransactions GmbH (heute Deutsche Card Services) und der Pironet NDH AG tätig.
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