Darum helfen Kaffeepausen beim Problemlösen

Ein wandernder Geist macht kreativ und nicht unglücklich

Melanie Feldmann

© Shutterstock / Dragon Images

Mit den Gedanken abzuschweifen ist keine üble Laune des Gehirns, sondern eine wichtige Basis für kreatives Denken. Das haben Forscher der Universitäten Berkley und British Columbia in einer Studie herausgefunden. Wenn also ein Kollege das nächste Mal minutenlang aus dem Fenster starrt und mit den Gedanken ganz wo anders zu sein schein: Bitte nicht stören!

Wenn das Gehirn gerade nichts zu tun hat, fangen manche an Tagträumen nachzuhängen. Bisher hieß es, dass solches in Gedanken abschweifen oft zu negativen Gedanken und damit zum Unglücklichsein führt. Daraus wurde sogar das geflügelte Wort: „Ein wandernder Geist ist ein unglücklicher Geist.“ Die Hypothese der Forscher war jedoch eine andere: „Wie nehmen an, dass in Gedanken abzuschweifen keine seltsame Laune des Gehirns ist,“ erklärt Kalina Christoff, Psychologieprofessorin an der Universität British Columbia, den Ausgangspunkt der Studie. „Es ist etwas, dass der Geist macht, wenn er in einen spontanen Modus wechselt. Ohne diesen spontanen Modus könnten wir nicht träumen oder kreativ denken.“

Die Forscher haben über 200 neurowissenschaftliche Studien unter die Lupe genommen, vielen von ihnen nutzten Magnetresonanztomografen, um Gehirne zu scannen während sie sich ausruhen. Sie fanden beispielsweise heraus, dass der präfontale Kortex, der für Planung und Impulskontrolle zuständig ist, andere Gehirnaktivitäten unterdrückt, wenn das Gehirn sich auf eine aktuelle Aufgabe konzentriert. Spontane Gedanken wie Tagträumen, Träumen im Schlaf und andere Formen des freien assoziativen Denkens finden bei niedriger Aktivität des neuronalen Netzes statt, das für kontrollierte Gedanken zuständig ist. So kann sich die Vorstellungskraft frei entfalten. Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass ein ruhender Geist ganz natürlich zwischen spontanen und kontrollierten Gedanken wechselt.

In diesem Spiel zwischen freien und fokussierten Gedanken liegt also die Kreativität. Das könnte erklären, warum beim Gang zur Kaffeemaschine oft die entscheidende Idee im Kopf auftaucht, die zuvor beim starren auf das aktuelle Coding-Problem einfach nicht kommen wollte. Sobald man seinem Geist erlaubt sich frei zu bewegen, fördert man Kreativität und Assoziationen.

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Psychische Erkrankungen besser verstehen

Auch auf Depressionen oder Angststörungen wirft die Theorie der Forscher ein neues Licht. Bisher wurden solche mentalen Störungen von Psychologen isoliert betrachtet. Die Neurowissenschaften bieten aber immer bessere Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns. Jedes Gehirn wechselt den Forschern zufolge ganz natürlich zwischen spontanen und kontrollierten Gedanken. Depressionen oder Angststörungen seien also Erweiterungen dieser normalen Variationen. „Wir alle haben jemandem mit Angststörungen und jemanden mit ADHS im Kopf“, erklärt Co-Autor der Studie Zachary Irving, „Der Ängstliche hilft uns dabei, uns auf persönlich wichtige Dinge zu konzentrieren, während der ADHS-Teil uns erlaubt frei und kreativ zu denken.“

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Melanie Feldmann
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann ist seit 2015 Redakteurin beim Java Magazin und JAXenter. Sie hat Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert. Ihre Themenschwerpunkte sind IoT und Industrie 4.0.
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