Vom Mythos des Zehnfach-Entwicklers

Judith Lungstraß

(c) Shutterstock/Jo karen

Wer kennt ihn nicht, den Mythos des Zehnfach-Entwicklers? Des Angestellten, der in derselben Zeit zehn Mal so viel Code produziert wie seine Kollegen – und ja, dieser Code funktioniert auch noch reibungslos! Personalbeauftragte aus aller Welt hoffen, irgendwann einmal diesem Typus in einem Vorstellungsgespräch gegenüber zu sitzen, ihm das beste denkbare Jobangebot machen zu können und ihn für das eigene Unternehmen zu gewinnen. Würde er die Produktivität nicht enorm steigern?

Mythos vs. Realität

Sicherlich würde er das. Aber überlegen Sie doch einmal ganz genau: Wie viele Zehnfach-Entwickler haben Sie in Ihrem Leben bisher kennen gelernt? Mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einen einzigen. Und das liegt nicht etwa daran, dass Sie im falschen Umfeld verkehren, am anderen Ende der Welt groß geworden sind oder dass Ihr Unternehmen ganz einfach nicht die richtigen Leute einstellt. Glaubt man dem Web-Entwickler und Techfounder-Blogger Eran Galperin, existieren solche Zehnfach-Entwickler nämlich gar nicht.

Ihm zufolge passieren die Ausschläge von der Norm in der Entwickler-Welt nicht nach oben hin in Richtung des Zehnfach-Entwicklers, sondern eher nach unten hin, zum Zehntel-Entwickler. Dieser ist der unproduktivste seiner Gattung, während seine Kollegen zehn Zeilen Code schreiben, schafft er nur eine. Die große Masse hingegen arbeitet relativ homogen und in gleicher Weise produktiv. Sie kennt sich mit ihrer Technologie und dem individuellen Problemfeld gut aus und liefert solide Ergebnisse.

Befindet sich unter ihr ein besonders effizienter Entwickler, ist dieser etwa um 30 bis 40 Prozent schneller als der Durchschnitt, im Einzelfall bei ausgeprägter Expertise auch einmal doppelt so schnell.

Der Zehntel-Entwickler

Nach gewonnener Erkenntnis gilt es nun nur noch, die Zehntel-Entwickler zu identifizieren und durch effizientere Kollegen zu ersetzen. Was ist aber mit all denjenigen, die frisch von der Universität kommen oder die sich erst in eine für sie noch neue Technologie einarbeiten müssen, fragen Sie sich nun sicher. Prinzipiell empfiehlt Galperin zwar, jedem Mitarbeiter eine Chance zu geben, doch erkennt man ihm zufolge sehr schnell, wer ein Durchschnitts- und wer ein Zehntel-Entwickler ist. Die letztere Gruppe wird auch nach einigen Wochen noch keine großen Fortschritte zeigen, sie wird immer noch zehn Mal weniger produktiv sein als der Rest.

Solch eine Aussage passt zu verschiedenen Forschungsergebnissen, welche belegen, dass es produktive und unproduktive, drastisch ausgedrückt: gute und schlechte Entwickler gibt. Wer von Anfang an ein schlechter Entwickler ist, eben ein Zehntel-Entwickler, dem wird der Anschluss an die große Masse auch nach zwanzigjähriger Berufserfahrung nicht gelingen. Gute Entwickler wiederum finden sich auch nach einem Technologiewechsel oder einer Umorientierung wieder relativ schnell zurecht. Frisch von der Universität brauchen sie vielleicht ihre Zeit, bis sie in der neuen Lebenssituation angekommen sind, doch sie lernen schnell und werden von Tag zu Tag produktiver.

Lesetipp: Warum Entwickler keine Berufserfahrung brauchen

Um dem vehementen Widerspruch gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, muss gesagt werden: Der Zehntel-Entwickler ist natürlich keinesfalls weniger intelligent als seine Kollegen, ja vielleicht ist er sogar schlauer, redegewandter und geschickter. Er ist nur einfach kein guter Entwickler und wird in einem anderen Beruf mit großer Wahrscheinlichkeit glücklicher werden. Dies sollten sowohl sein Arbeitgeber als auch er selbst verstehen.

Aufmacherbild: Businessman and directional sign of facts versus myths von Shutterstock / Urheberrecht: Jo karen

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Marc Teufel
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Sehr gut geschrieben!

Rupert Friedrich
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Gut geschrieben, und ich denke, dass es wichtig ist, dem angesprochenen Mythos zu begegnen. Dennoch halte ich die Metrik Codezeilen pro Zeit als Ausdruck der Qualität eines Entwicklers für sehr bedenklich. Mehr Code ist nicht immer besser.