Ist die agile Softwareentwicklung am Ende?

Vergesst Agilität, schreibt einfach Code!

Michael Thomas

© Shutterstock.com/joreks

Der niederländische Informatiker Erik Meijer, vor allem bekannt für seine langjährige Mitarbeit an C#, Visual Basic, LINQ, Volta und .NET, sprach sich in seinem Talk auf dem Reaktor Dev Day in Helsinki vehement gegen den Einsatz von Agilität in der Softwareentwicklung aus.

Agilität sei ein Krebsgeschwür, das aus der Industrie entfernt werden müsse, so Meijer. Es werde zu viel über Code gesprochen, stattdessen solle einfach mehr Code geschrieben werden. Die in agilen Projekten gängigen Standup-Meetings in Scrum sieht Meijer im besten Fall als lästige Unterbrechung. Im schlimmsten Fall stellen sie ihm zufolge gar einen subtilen Kontrollmechanismus dar, der von der Managementebene dazu genutzt wird, eine geteilte Führung vorzugaukeln, wo keine besteht.

“Wir sind Entwickler. Wir schreiben Code.”

Sogar die testgetriebene Entwicklung wird von Meijer in Frage gestellt, da sie niemals die Probleme antizipieren könne, die in der tatsächlichen Produktion auftreten. Stattdessen vertritt er eine Vorgehensweise, in der Software schnell bereitgestellt wird und Fehler ausgebügelt werden, sobald sie auftauchen.

Bei derart steilen Thesen ist es nicht verwunderlich, dass Gegenrede nicht lange auf sich warten ließ. Nic Ferrier von ThoughWorks beispielsweise knöpfte sich den Talk vor. Zwar ist Ferrier wie Meijer kein Freund von Scrum, allerdings sieht er die Schuld nicht bei den agilen Methoden, sondern bei der Unfähigkeit von Programmierern und der Führungsebene, miteinander zu kommunizieren, sich wirklich zu verstehen.

Der Erfolg agiler Methoden war laut Meijer gleichzeitig ihr Untergang. Dave Thomas, einer der Mitunterzeichner des Agilen Manifests, sieht dies ähnlich: Ihm zufolge wurde das Wort „agil“ bis zu dem Punkt untergraben, wo es effektiv bedeutungslos wurde. Agilität sei zu einer Spielwiese für Consultants und Anbieter geworden, die den Begriff dazu nutzen, ihre Dienstleistungen und Produkte zu vermarkten. Oder anders gesagt: Was einem zumeist als Agilität verkauft wird, hat nichts mehr mit dem zu tun, was im Manifest für Agile Softwareentwicklung niedergeschrieben wurde.

One Hacker Way – Erik Meijer from Reaktor on Vimeo.

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Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
Kommentare

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2 Kommentare auf "Vergesst Agilität, schreibt einfach Code!"

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FCS
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Hochgradig amüsant, wobei für Meijer eher das zutrifft was er in dem Video anderen vorwirft: Er ist ein Clown. Immerhin aber einer mit Unterhaltungswert.

stefanB
Gast
Der Begriff „Agilität“ wird missbraucht, um dem Kunden eine Flexibilität vorzuspiegeln, die es im Entwicklungsprozess der Firmen, die Agizlität verkaufeb meist so eigentlich gar nicht gibt. Zum Teil wird versucht die Konzeptionslosigkeit – die daraus entsteht, dass der Berater das Problem des Kunden nicht verstanden hat – bei der Spezifikation zu verstecken ( „Das können wir später noch genauer klären, – wir machen ja ein agiles Projektmanagement“). Änderungen werden für den Kunden nachher mindestens genauso teuer, als wäre ohne Agilität gearbeitet worden. Das Dilemma liegt also nicht in der Agilität, sondern in der Art wie Agilität genutzt wird und bis… Read more »