Interview mit André Neubauer

„Unternehmen sollten so lange wie möglich klein und schlank bleiben“

Melanie Feldmann

André Neubauer

Damit ein Unternehmen gesund wächst, müssen vielen Faktoren zusammen kommen: die richtigen Prozesse, Systeme und natürlich Menschen. JAX-Speaker André Neubauer (Mister Spex) wirft im Interview einen kritischen Blick auf den Weg vom Start-up zum Platzhirsch.

JAXenter: Sie beschäftigen sich mit der Skalierung von Unternehmen. Ist der Weg eines Unternehmens nicht in Stein gemeißelt: Start-up, Kleinunternehmen, Großunternehmen, Weltherrscht. Es geht immer darum größer zu werden. Wann kann es doch sinnvoller sein erst einmal am dem zu arbeiten, was man hat? Oder ist das heute gar nicht mehr möglich?

André Neubauer: Es ist richtig, dass die Größe eines Unternehmens für viele in direkter Verbindung mit dem Erfolg zu stehen scheint. Häufig rührt das Wachstum aber eher daher, dass man nicht bereit ist, sich vom Bestehenden zu trennen. Der Aufbau weiterer Mitarbeiter ist in vielen Augen schließlich ein einfacher Weg zu skalieren. Dabei lauern auf dem Weg einige Fallen. Wachstum führt zu mehr Komplexität und Abhängigkeiten in den Arbeitsabläufen, die ein Unternehmen auch lähmen können. Aus meiner Sicht sollten Unternehmen deshalb so lange wie möglich versuchen, so klein und schlank wie möglich zu bleiben. Wichtig ist sich stetig zu fragen, was wirklich zum Erfolg beiträgt und sich konsequent von Sachen zu trennen, die dies nicht tun.

Hier gibt es auch ein sehr prominentes Beispiel: 37signals, das Unternehmen hinter Basecamp und anderer Kollaborationssoftware, hat sich trotz enormen Erfolgs immer gegen das Wachstum der Unternehmensgröße gestemmt und hat sich 2014 letztlich dazu entschlossen nur noch Basecamp – das erfolgreichste Produkt aus dem Portfolio – weiter zu verfolgen.

JAXenter: Was ist ein wichtiger Aspekt, der oft zu wenig beachtet wird, wenn Unternehmen skalieren?

André Neubauer: Skalierbarkeit bedeutet im Allgemeinen das Aufbauen neuer Kapazitäten. Bestehende, etablierte Strukturen werden also beibehalten und durch das Hinzufügen neuer Ressourcen in ihrer Leistung vermeintlich gesteigert. Leider skaliert Knowledge-Work nicht wie Fließbandarbeit. Kapazitäten kann man aber auch schaffen – und das ist immer mein erster Ansatz –, indem man Abläufe, Systeme oder Produkte kritisch betrachtet und anschließend optimiert oder komplett verwirft. Damit einher geht häufig auch ein Gefühl von gewonnener Flexibilität und Freiheit.

JAXenter: Demnach reicht es also nicht aus alle Systeme, Produkte und Prozesse zu kennen und gut im Griff zu haben?

André Neubauer: „Doing the things right“ ist nur eine Seite der Medaille und zwangsläufig hinsichtlich der Optimierbarkeit begrenzt. Der Hype rund um Agilität verbunden mit der Transparenz und dem Ziel Waste (Verschwendung) zu eliminieren, hat hier in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet. Enormes Potenzial existiert aber meiner Erfahrung nach darin, das Richtige zu tun: „Doing the right things.“ Unternehmen sind selten bereit Produkte oder Features, die nicht mehr zum Erfolg beitragen, zu entfernen. Die Argumentation dahinter ist vielfältig. Ohne dies werden aber unnötige Kapazitäten gebunden, die bei keiner Prozessoptimierung zu Tage treten. Es muss also Teil der Unternehmenskultur und -prozesse sein, das Portfolio stetig zu hinterfragen und zu pflegen.

JAXenter: Wenn Unternehmen mit bestehenden Mitteln Neues aufbauen wollen, besteht die Gefahr, dass bereits ausgelastete Mitarbeiter noch mehr leisten sollen. Was kann man machen, damit genau dies nicht passiert?

André Neubauer: Getreu dem Motto „Divide and conquer“ kann es nicht zielführend sein, einen ausgelasteten Mitarbeiter immer neue, zusätzliche Themen aufzutragen. Aus meiner Sicht sollten voneinander unabhängige Wertschöpfungen im Unternehmen getrennt werden, zumal sie sich häufig in ihrem Status und den spezifischen Herausforderungen deutlich unterscheiden. Innovationen mit den Prozessen des Kerngeschäfts zu bearbeiten macht einfach keinen Sinn. Markus Andrezak beschrieb dazu im Rahmen der letztjährigen W-JAX sehr passende Bilder von Entdeckern, Siedlern und Städtebauern. Die Anforderungen dahinter sind sehr individuell und müssen in der Organisation, den Prozessen und der Technik berücksichtigt werden. Agilität mit den propagierten Cross-funktionalen Teams geht genau in diese Richtung – kleine, unabhängige Einheiten, in denen alle Disziplinen zusammengefasst sind, die man braucht um ein Problem zu lösen.

JAXenter: Vielen Dank für das Gespräch!

neubauerAndré Neubauer ist CTO bei Mister Spex, Europas führendem Onlineoptiker. In seiner täglichen Arbeit konzentriert er sich darauf, die übergreifende Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen Produkt, Entwicklung, QA und Betrieb erfolgreich zu gestalten. Er ist regelmäßiger Sprecher auf Konferenzen, Autor von Fachartikeln sowie Koautor des Buchs „Agile Projekte mit Scrum, XP und Kanban im Unternehmen durchführen“.
Geschrieben von
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann ist seit 2015 Redakteurin beim Java Magazin und JAXenter. Sie hat Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert. Ihre Themenschwerpunkte sind IoT und Industrie 4.0.
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