Consumerization der IT bedeutet auch, dass ALLES miteinander vernetzt ist

Überall Medial: Consumerization der IT

Daniel Liebhart
©Shutterstock/naddi

Die Digitalisierung unseres Alltags erreicht nun auch die Unternehmen und wird durch eine Vielzahl innovativer Lösungen schon bald die Grenzen der traditionellen IT sprengen. Die Basis dafür sind die zunehmende mediale Kompetenz der Menschen und das „Internet der Dinge“ – die Konsequenzen werden weitreichend sein.

Der Visionär Mark Weiser hat es in seinem Aufsatz „The Computer for the 21st Century“ schon vor über zwanzig Jahren mit seinem Artikel im „Scientific American“ vorausgesagt: „Die tiefgreifenden Technologien sind diejenigen, die verschwinden. Sie werden sich in das Gewebe des täglichen Lebens einfügen und nicht mehr davon zu unterscheiden sein“ [1]. Und genau das passiert im Moment. Immer mehr Gegenstände des Alltags sind mit Computertechnologie ausgestattet und miteinander vernetzt. Mobile Geräte wie Notebooks, Tablets oder Smartphones sind nur die Spitze des medialen Eisbergs. Kameras, Drohnen, Brillen und Fitnessarmbänder – die Vernetzung umfasst beinahe jeden technischen Gegenstand im privaten oder beruflichen Umfeld. Diese Entwicklung wird unter dem Begriff „Internet der Dinge“ zusammengefasst.

Das Internet der Dinge

Das Internet of Things (IoT) umfasst sämtliche Computer, Smartphones, Kameras, Sensoren und andere elektronische Geräte, die via Internet miteinander verbunden sind. Im engeren Sinne kann es damit sogar als „Netz der Netze“ verstanden werden. Dieser Begriff ist bereits über zehn Jahre alt und im Rahmen der RFID und Sensornetzwerkentwicklung entstanden. Laut der Cisco Internet Business Solution Group hat das IoT jedoch erst vor vier Jahren wirklich Gestalt angenommen – und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als die Anzahl der über das Medium Netz verbundenen Geräte die Anzahl der Erdbewohner übertroffen hat. Heute sind es bereits durchschnittlich 2, 5 Geräte pro Einwohner, im Jahr 2020 werden 50 Milliarden Geräte miteinander verbunden sein – Fahrzeuge nicht einmal mitgezählt. Die Onlinepublikation „Quartz“ hat das Jahr 2014 zum Jahr des Internets der Dinge erklärt, da der Preis, einen technischen Alltagsgegenstand netzfähig zu machen, also zu einem „Smart Thing“ zu entwickeln, unter 5 Dollar gefallen ist [2].

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“

Beispiele wie „Smart City“ und „Wrist Revolution“ zeigen, wie innovative Anwendungen, die auf IoT basieren, das tägliche Leben bereits heute verbessern können.

Die spanische Küstenstadt Santander ist nur eine von insgesamt vier europäischen Testumgebungen zur „Erforschung und Versuchsdurchführung von IoT-Architekturen, Technologien, Diensten und Anwendungen im Kontext einer Stadt“ [3]. Mit seinen 180 000 Einwohnern ist Santander gerade groß genug, um diese Technologien optimal nutzen zu können. Einen Parkplatz finden ist in dieser „Smart City“ kein Problem. Unter jedem einzelnen Parkplatz befindet sich ein einfacher Sensor, der über ein Kontrollzentrum Informationen verschiedensten Anwendungen zur Verfügung stellen kann – beispielweise dem Navigationssystem eines verzweifelten Touristen. Um selbst in der Rushhour überall schnell hinzufinden, helfen fahrende Sensoren, die auf Bussen, Taxi und Polizeiwagen installiert sind. Sie kommunizieren mit den fest installierten Geräten auf Straßenlampen und machen eine Vielzahl unterschiedlicher Anwendungsszenarien möglich. Wie beispielsweise die umweltschonende Steuerung der Stadtbeleuchtung und die Anpassung des Verkehrsflusses durch intelligente Signale abhängig von Wind und Wetter.

Unter dem Begriff „Wrist Revolution“ haben in diesem Jahr zur Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas eine Vielzahl von Herstellern ihre neuesten Produkte vorgestellt. Auf der weltweit wichtigsten Messe für Unterhaltungs- und Heimelektronik wurden Uhren, Ringe, Armbänder oder andere Schmuckstücke sowie Schuhe, Hosen oder Jacken mit Sensoren oder Minicomputern präsentiert – so genannte „Wearables“. Die integrierten Elektronikbausteine messen Bewegungs- und Schlafaktivitäten, speichern Passwörter oder erlauben durch intelligente Nutzung der gesammelten Daten eine Vielzahl neuartiger Anwendungen: angefangen von Monitoring der täglichen Essgewohnheiten über virtuelle Sportwettkämpfe mit weit entfernt wohnenden Freunden bis hin zu Ringen oder Schlüsselanhängern, die Zugangsdaten für Computer oder Smartphones speichern und an Zielsysteme übermitteln können. Doch das ist alles erst der Anfang.

Aufmacherbild: Abstract vector background of a communication concept von Shutterstock / Urheberrecht: naddi

[ header = Seite 2: „Consumerization“ als Beschleuniger ]

„Consumerization“ als Beschleuniger

Die jüngsten Entwicklungen zeigen ganz klar: Innovationen der Informationstechnologie werden heute nicht mehr von den Experten der Unternehmens-IT eingebracht sondern von klassischen Technikkonsumenten. Sie sind nicht nur geübt im Umgang mit Unterhaltungs- und Heimelektronik, sondern haben mit ihrem Kaufverhalten dafür gesorgt, dass Unternehmen schon lange nicht mehr Primärmarkt für neue IT-Produkte darstellen. Innovationen werden also zunächst für den Consumer-Markt konzipiert, und erst wenn sie sich dort etabliert haben, für Unternehmensanwendungen adaptiert. Diese Adaption erfolgt oft über den Konsumenten selbst, der die privat genutzten Geräte und Lösungen auch zum Arbeiten einsetzen möchte. Das hat weitreichende Konsequenzen für Planung, Umsetzung und Betrieb zukünftiger Anwendungslandschaften im Businessumfeld. Analysten von Gartner haben diesen Trend bereits im Jahr 2007 formuliert und mit dem Begriff „Consumerization“ näher beschrieben. Diese Prognose wird durch die Marktreife des IoT zunehmend Realität und führt zur beschleunigten Umsetzung innovativer Anwendungen.

Die Analysten der IDC beschrieben in ihrem Bericht „IT Consumers Transform the Enterprise: Are You Ready?“ aus dem Jahr 2011 diese Entwicklung als Transformation, die konkrete Auswirkungen auf die Unternehmens-IT haben wird [4]. Eine davon ist das Verwischen der Grenze zwischen Arbeit und Privatleben. Das bedeutet im Klartext, dass es zu immer mehr Überschneidungen zwischen Technologien für private und dienstliche Nutzung kommen wird. Dies hat zur Folge, dass Fachabteilungen und IT enger zusammenarbeiten und bestehende IT- und Sicherheitsrichtlinien flexibler gestalten müssen. Zudem führt die zunehmende Mobilität von Kunden und Mitarbeitern dazu, dass immer mehr geschäftliche Transaktionen über Smartphones und Tablets getätigt werden. Unternehmen müssen darauf vorbereitet sein und ihre Webanwendungen sowie interne Authentisierungs-, Autorisierung- und Zugriffsmechanismen anpassen. Der zunehmende Einsatz von Social-Media-Technologien durch Kunden und Angestellte hat zur Folge, dass viele Unternehmen soziale Netzwerke nutzen wollen, um in Echtzeit mit ihren Zielgruppen zu interagieren. Das macht jedoch Richtlinien für die Kommunikation und den Umgang mit sozialen Netzen wie Facebook notwendig, da bei unsorgfältigem Umgang mit kritischen Firmeninformationen großer Schaden entstehen kann.

Offensichtlich: Der mobile Arbeitsplatz der Zukunft

Die offensichtlichste Entwicklung des IoT ist der mobile Arbeitsplatz der Zukunft. Bereits im nächsten Jahr werden laut Schätzung der IDC rund 1,3 Milliarden Menschen mobile Technologien als Arbeitsinstrument nutzen – das sind mehr als ein Drittel aller arbeitenden Menschen. Der mobile Arbeitsplatz der Zukunft wird schon bald aus mindestens sechs verschiedenen Geräten bestehen. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Studie des Marktforschungsunternehmens Vanson Boume im Auftrag der Firma Citrix [5]. Dieser Arbeitsplatz wird sowohl für Unternehmen als auch für die Angestellten eine Vielzahl von Vorteilen aufweisen. Mitarbeiter erwarten vom mobilen Arbeiten eine höhere Flexibilität, mehr Produktivität, geringeren Reiseaufwand, eine bessere Work-Life-Balance und mehr Zeit für den Kunden. Unternehmen versprechen sich von flexibleren Arbeitsplätzen weniger Kosten für Immobilien und Reisen, eine höhere Attraktivität für Fachkräfte sowie eine stärkere Mitarbeiterbindung.

Dies ist inzwischen mit konkreten Zahlen hinterlegt: Knapp über die Hälfte der Angestellten arbeitet gerne vom Firmenschreibtisch aus, mehr als 60 Prozent würden dies jedoch lieber von zuhause aus tun. Stimmen die Prognosen, sind künftig in Deutschland nur noch knapp acht Schreibtische für zehn Mitarbeiter notwendig. Durch den geringeren Platzbedarf werden sich die zugehörigen Büroflächen bis 2020 um 14 Prozent verkleinern und damit auch die vom Unternehmen aufzuwendenden Kosten für Immobilien sinken.

Bereits heute bietet ein Viertel bis ein Drittel aller Unternehmen den Mitarbeitern die Möglichkeit an, außerhalb der Firmenräume zu arbeiten. Bis 2020 werden das knapp 90 Prozent aller Unternehmen tun – lediglich 9 Prozent planen keine mobilen Arbeitsplätze. Dafür sprechen aber sowohl aus Sicht des Arbeitsgebers als auch aus Sicht des Arbeitsnehmers gute Gründe, und schon heute bietet knapp ein Viertel aller Unternehmen mobile Arbeitsmodelle an.

[ header = Seite 3: Absehbar: Industrie 4.0 ]

Absehbar: Industrie 4.0

Eine weitere absehbare Entwicklung auf Basis IoT ist „Industrie 4.0“. Kernelement dieser Hightechvision ist die vernetzte Fabrik – die so genannte „Smart Factory“. Sie erlaubt eine moderne und hochflexible Produktion, in der sich vom Kunden ausgelöste Aufträge durch die gesamte Wertschöpfungskette von selbst steuern. Diese Steuerung reicht von der Bestellung des erforderlichen Rohmaterials über die Reservierung von Bearbeitungsmaschinen, Montagekapazitäten, Lagerhallen und der erforderlichen Logistikleistung bis hin zur Qualitätskontrolle und Auslieferung. Möglich wird dieses Zukunftsbild, welches ursprünglich als Hightechstrategie der Bundesregierung entstand, durch den konsequenten Einsatz modernster Technologien, die verschiedenste Geräte miteinander vernetzen (Bundesministerium für Bildung und Forschung: Zukunftsbild „Industrie 4.0“, 2012 [6]). Was im Consumer-Bereich als „Internet der Dinge“ bezeichnet wird, heißt im Sprachgebrauch von Industrie 4.0 „cyber-physischen Systemen“.

Jede Produktionsmaschine, jedes Lager und jedes andere Betriebsmittel ist vernetzt und verfügt über minimale Intelligenz in Form von einfacher oder umfangreicher Computertechnologie. Dies ermöglicht eine wirtschaftliche und ressourcenschonende Produktion auf Ebene Einzelauftrag und damit eine eigentliche Abkehr von der zentral gesteuerten Massenproduktion.

Konsequenzen für die Unternehmens-IT

Auf Basis des IoT werden in Zukunft eine Reihe von Veränderungen auf die traditionelle Unternehmens-IT zukommen. Der mobile Arbeitsplatz und Industrie 4.0 sind nur zwei Beispiele, wie sich in Zukunft die Digitalisierung auf Unternehmen auswirken könnte. Künftig wird es nicht nur darum gehen, einzelne innovative Anwendungen in eine Unternehmens-IT zu integrieren. Im Gegenteil: Unternehmen müssen zum Bestandteil der digitalen Welt werden – nur so wird die optimale Nutzung des durch Vernetzung möglichen Innovationsschubs sinnvoll möglich sein.

Geschrieben von
Daniel Liebhart
Daniel Liebhart
Daniel Liebhart ist Dozent für Informatik an der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Solution Manager der Trivadis AG. Er ist Autor des Buchs „SOA goes real“ (Hanser Verlag) und Koautor verschiedener Fachbücher.
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